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Mit dem Nachtzug nach Zürich

Was Passagiere auf der Reise Richtung Schlaf erleben

Duisburg/Zürich Über Nacht durch ganz Europa – das verspricht der City Night Line (CNL) der Deutschen Bahn. Neuneinhalb Stunden dauert die Reise von Duisburg nach Zürich mit ihm. 23 Uhr einsteigen, 8.30 Uhr aussteigen, dazwischen Schlaf. Das klingt nach einem verlockenden Angebot. Bei einigen Passagieren sieht die Realität jedoch anders aus.

Was Passagiere auf der Reise Richtung Schlaf erleben

Der City Nicght Line befördert seine Reisenden in rund neuneinhalb Stunden von Duisburg bis nach Zürich - nachts, dann, wenn andere schlafen.

Ruckartig schaut die Frau mit den kurzen grauen Haaren auf, endlich hört sie es. Lange Minuten hat sie auf dem hell erleuchteten Bahnsteig nur regungslos dagestanden, den Griff ihres Koffers fest in der Hand gehalten und ins Leere gestarrt. Auch der Mann im zerknitterten Anzug kommt in Bewegung. Hastig packt er das halbe Käsebrötchen zurück in die Papiertüte. Stopft diese wiederum in seinen kleinen schwarzen Trolley. Er gähnt. Ein Blick auf die Uhr, 22.57 Uhr. Auf dem Duisburger Hauptbahnhof ist es ruhig geworden.

Es ist das dumpfe Rauschen des Nachtzugs, das die beiden hat aufschrecken lassen. In der Ferne steuern Scheinwerfer auf den Bahnhof zu, bahnen sich ihren Weg durch die Dunkelheit. Mann und Frau schauen ihnen entgegen. Erwartungsvoll, angespannt. In den nächsten neuneinhalb Stunden soll der Nachtzug sie nach Zürich bringen. Zeit, die sie nicht vergeuden wollen. Sie verlassen sich auf den CNL, er soll die ganze Arbeit übernehmen, soll sie die 600 Kilometer in den Süden, in die Berge bringen. Sie selbst haben andere Pläne: Sie wollen schlafen.

Als der Zug einfährt, geht die Frau mit betont langsamen Schritten in Richtung Bahnsteigkante. Auch der Mann positioniert sich nah am vorbeifahrenden Zug. Bremsen quietschen. Die Wagen-Kolonne zieht sich über 316 Meter. Es dauert, bis die Lok ihre Halteposition erreicht hat. Als sich die Türen schließlich öffnen, scheint der Zug vor Anstrengung zu ächzen. Als würde er durchschnaufen, sich kurz erholen von der Last, die er bewegt. Die 637 Tonnen Gewicht wiegen schwer.

Jetzt geht alles ganz schnell. Es dauert nur Sekunden, bis der Bahnsteig wieder menschenleer daliegt. Es ertönt ein durchdringender Pfiff, das Kommando für die Weiterfahrt. Langsam kommt der Zug wieder ins Rollen, hat sich die Wartenden einfach einverleibt – sie kurzerhand in Reisende verwandelt. Die Wagen nehmen Fahrt auf. Der Bahnsteig rauscht vorbei, der Bahnhof rückt in immer weitere Ferne. Bald ist das graue Konstrukt aus Stahl und Glas ganz aus dem Blick verschwunden. Versunken im Dunkel der Nacht. Es soll nicht der letzte Halt für heute gewesen sein.

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in a larger map   Dass die ersten Kilometer ihrer Reise schon hinter liegen, merkt die Frau mit den kurzen grauen Haaren nicht. Sie ist beschäftigt, zwängt ihren Koffer durch die schmalen Gänge des Zuges. Wagen um Wagen. Ihr Platz liegt weit hinten, Wagen 173. Ein Ruhesessel, blaugrau, mit verstellbarer Lehne. Erleichtert bleibt sie stehen, drückt sich die Hände in den Rücken, atmet tief ein und aus. Vorsichtig packt sie ihren Koffer, schiebt ihn unter den Sitz. Sie wählt den Platz am Gang, der Fensterplatz neben ihr bleibt leer – so wie in dieser Nacht etwa ein Drittel der Ruhesessel an Bord des CNL. Glück für die Passagiere. Sie können sich ausbreiten, Taschen und Jacken geräumig um sich herum verteilen.

Lange sitzt die Frau da, schaut mal aus dem Fenster, mal den Gang hinab. Es wird spät. Sie fragt den Mann mit dem Schnäuzer, der die Tickets kontrolliert, wann das Licht im Abteil ausgeht – zum Schlafen. Bald, lautet die Antwort, die für das stille Zugabteil viel zu laut ausfällt. Die Frau nickt nur und lehnt sich wieder zurück. Der Mann mit dem Schnäuzer zieht weiter. Er gehört zum Personal, das meist zu zweit oder zu dritt im Nachtzug unterwegs ist. Er, der die rote Binde am Arm trägt, ist der Zugführer.

Ständig steht er über ein großes, schwarzes Funkgerät in Kontakt mit der Verkehrsleitung in Frankfurt. Dieses Mal ist es dringend, es gibt etwas zu klären. Der Nachtzug soll gestrandete Reisende aufnehmen und sie doch noch zu ihrem Zielort bringen. Kein Problem, sagt der Mann mit dem Schnäuzer. Im CNL findet sich schon noch ein Plätzchen. Auch mit dem Lokführer wechselt er noch ein paar Worte über Funk: Der Zug liege einige Minuten hinter dem Zeitplan – ob das bis zum nächsten Halt hinzubekommen sei, fragt er den Kollegen in der Lok. Die Antwort ist ein Krächzen, für die Fahrgäste unverständlich. Der Zugführer aber wirkt zufrieden.

Mit dem Nachtzug von Duisburg nach Zürich

Neuneinhalb Stunden soll die Fahrt nach Zürich planmäßig dauern.
Reisende kämpfen um Schlaf.
Zugschaffnerin Jennifer Batas arbeitet gerne nachts. Sie ist meist für die Schlafwagen zuständig.
Im Schlafwagen obligatorisch: die Frühstücksbox.
Fahles Licht brennt bis tief in die Nacht im Sitzwagen.
Um kurz vor 23 Uhr fährt der Nachtzug in Duisburg ein.
Wagen 173 ist ein sogenannter Sitzwagen. Hier warten Ruhesessel auf die Passagiere.
Müde Gesichter am nächsten Morgen: Zürich begrüßt seine Gäste mit diesigem Wetter, kalt und nass.
Früh am Morgen landen die Reisenden in der großen Bahnhofshalle in Zürich.

Von der Verspätung bekommt der Mann mit dem zerknitterten Anzug nichts mit. Er ist längst in seiner Kabine im vorderen Zugteil verschwunden. Er reist allein, ist versteckt vor den Blicken der anderen Passagiere. Eine Tür trennt ihn vom Rest. Selbst die Reisegruppe aus den USA, die sich einige Kabinen weiter eingerichtet hat, hört er nicht. Dort drängen sich zwei Männer und drei Frauen in eine der Kabinen. Sie sitzen nah beieinander, einer der Männer steht in der weit geöffneten Tür. Eine Flasche Rotwein kreist. Sie trinken aus Zahnputzbechern. Der Mann in der Tür stimmt ein Lied an, sein breiter Südstaaten-Akzent walzt all seine Worte platt. Die Frauen kichern. Eine Szene fast wie auf einer Klassenfahrt. Nur dass die Schüler hier weit über 50 Jahre sind.

Der Mann mit dem zerknitterten Anzug hingegen sucht keine Gesellschaft. Die Tür zu seiner Kabine ist geschlossen. Mit geübten Handgriffen hat er sein Bett heruntergeklappt und es sich bequem gemacht. Er verbringt die Nacht allein. Das sanfte Rauschen des Zuges hilft beim Einschlafen, wiegt die Reisenden in ihren Betten in den Schlaf. Irgendwo vibriert ein Plastikteil der Kabinenverkleidung. Manchmal, wenn der Zug sich seitlich neigt, kommt ein leises Knarzen hinzu. Es ist, als spiele der Zug eine kleine Melodie für seine Passagiere.

Das vibrierende Plastikteil wird heute wohl nicht mehr verstummen. Die nächste Wartung des Zuges steht frühestens übermorgen an – wenn der CNL wieder an einem deutschen Bahnhof auf die Nacht, auf den nächsten Einsatz wartet. Dann übernimmt der Wagenmeister. Er inspiziert die Abteile, wenn alle Passagiere sich längst verabschiedet haben. Bremsen, Klimaanlage, Bettsicherungen, Wasserversorgung, Türen, Lichter – all das steht auf seiner Check-Liste. Auch von außen prüft er den Nachtzug auf Mängel. Sind Reparaturen nötig, geht es für die Wagen in die Werkhalle.

Während in den Schlafwagen im vorderen Teil des Zuges längst Ruhe eingekehrt ist, ficht die Frau mit den kurzen grauen Haaren einen Kampf aus. Einen Kampf um Dunkelheit, einen Kampf um Schlaf. Denn in Wagen 173 leuchten die Neonröhren noch immer, alles ist in fahles Licht getaucht. Überall blasse Schatten, müde Augen, suchende Blicke. Im Minutentakt wirft sich die Frau auf ihrem Ruhesessel hin und her. Ein Tuch über den Augen soll helfen, soll endlich Ruhe bringen.

Der Mann hat in seiner Kabine längst Schlaf gefunden. Er wacht nicht einmal auf, als eine junge Zugschaffnerin mit schwerem Schritt an seiner Kabine entlang läuft. Sie ist auf dem Weg zum Dienstabteil. Die Frühstücksboxen müssen vorbereitet werden. Sie darf nichts vergessen: Aufstrich, Trinkpäckchen, das Plastik-Besteck. Die Brötchen werden morgen früh vom Bäcker direkt an den Bahnsteig gebracht, sie kommen erst kurz vorm Frühstück in den kleinen Pappkarton. Die Zugschaffnerin ist seit zwei Nächten auf Schienen unterwegs. Ihre Tour ist verlängert worden, sie musste für einen kranken Kollegen einspringen. Mehr als zehn Stunden kann ihre Schicht dauern, dann heißt es ausruhen. An jedem Zielbahnhof steht ein Hotelzimmer für sie bereit. Tagsüber schlafen – sich daran zu gewöhnen, braucht Zeit.

Draußen dämmert es mittlerweile. Der Nachtzug passiert die Grenze zur Schweiz. Zollbeamte kommen an Bord. Sie sind in voller Montur unterwegs, tragen die dunkelblauen Uniformen, eine Pistole steckt in ihrem Gürtelhalfter. Sie kontrollieren die Passagiere des Sitzwagens, reißen mehrere aus dem Schlaf, stellen viele Fragen. Woher? Wohin? Wieso? Wie lange? Einige Antworten kommen nur zögerlich. Ob es am rüden Weckkommando liegt? Eine junge Beamtin mit braunem Pferdeschwanz verlangt nach den Ausweisen. Einer ihrer Kollegen versucht währenddessen, die Gepäckstücke, die in der großen Ablage in der Mitte des Wagens untergebracht sind, ihren Besitzern zuzuordnen. Die Kontrolle endet genauso plötzlich, wie sie angefangen hat. Heute keine Auffälligkeiten.

Spuren der Nacht sind zu bemerken Die Frau mit den kurzen grauen Haaren hat die Prozedur der Zollbeamten ungerührt über sich ergehen lassen. Sie sitzt aufrecht in ihrem Sessel, schaut mal aus dem Fenster, mal den Gang hinab. So wie am Abend zuvor. Unverändert. Fast so, als hätte sie den Kampf um Schlaf nicht ausfechten müssen, fast so, als hätte sie ihn nicht verloren. Nur ihren Augen ist anzusehen, wie anstrengend die Nacht für sie war. Der Mann indes sitzt auf seinem Bett, trägt wieder den zerknitterten Anzug. Vorsichtig nippt er an einem Kaffee. Die Tür zu seinem Abteil steht offen, neben ihr steht der kleine schwarze Trolley. Die Bettwäsche liegt grob gefaltet auf dem Bett. Bereit für die Abrüster, die in Zürich an Bord gehen und die gebrauchten Bezüge und Decken zusammensuchen und sie im Schmutzwäsche-Abteil zurück nach Deutschland, hin zur Großwäscherei schicken.Endstation Zürich rückt näher Über einen Lautsprecher meldet sich der Zugführer zu Wort. Er kündigt das Ende der Reise an: Der CNL nähert sich dem Züricher Hauptbahnhof. Die Frau mit den kurzen grauen Haaren greift ihre Jacke, holt den Koffer unterm Sitz hervor und bewegt sich Richtung Ausgang. Dass es noch zehn Minuten dauern wird, bis sich die Türen öffnen, scheint sie nicht zu stören. Der Sitzwagen leert sich. Zurück bleibt nur Müll. Leere Plastikflaschen, die von innen bereits beschlagen. Zerfledderte Zeitungen vom Vortag. Eine zusammengeknüllte Kekspackung. Alles sammelt sich in den schwarzen Netzen, die an der Rückseite der Ruhesessel angebracht sind. Viel Arbeit für die Putz-Kolonne, die den Zug im Zielbahnhof auf Vordermann bringen soll.Wege der Reisenden trennen sich Zürich begrüßt seine neuen Besucher grau in grau. Es regnet. Die Frau steht als eine der ersten auf dem Bahnsteig. Sie blickt suchend um sich. Der Mann mit dem zerknitterten Anzug folgt erst Minuten später. Er hat an der Tür warten müssen. Nun geht er schnurstracks Richtung Ausgang. Auch die Frau scheint endlich jemanden entdeckt zu haben, sie lächelt, hebt die Hand zum Winken. Dann greift sie ihren Koffer und läuft den Bahnsteig hinab. In diesem Moment scheint ihr nächtlicher Kampf vergessen.

Dieser Text ist im Rahmen des Nachtzug-Projektes für junge Journalisten entstanden, das vom Reise-Journalisten Peter Linden betreut und durch CNL ins Leben gerufen wurde.

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