Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Was in Drogen wirklich drinsteckt

Frankfurt/Main. Von Dealer zu Dealer werden Drogen gepanscht und gestreckt. Am Ende ist im Heroin kaum noch Heroin. Aber was dann? Und wie gefährlich ist das für Abhängige? In Frankfurt am Main wurde das nun erstmals untersucht.

Was in Drogen wirklich drinsteckt

Eine Nierenschale mit Löffel, Watte und Spritze liegt in einem Konsumraum in Frankfurt. Die hessische Großstadt hat das bundesweit erste „Substanzmonitoring“ in Auftrag gegeben. Foto: Frank Rumpenhorst

In einer Seitenstraße des Frankfurter Bahnhofsviertels liegt der größte „Konsumraum“ der Stadt. 250 Mal pro Tag kommen Suchtkranke hierher, um Drogen zu nehmen.

Heute, wo die Einrichtung geschlossen ist, sieht es auf den ersten Blick aus wie im Krankenhaus: im Parterre ein Empfangstresen, Monitore, Sitzecke, Kaffeeküche. Im Obergeschoss ändert sich der Eindruck dramatisch.

Alle Wände sind aus Glas, auch die Toiletten. Eine Treppe führt nur hinauf, eine nur hinunter - um Drogenhandel zu verhindern. Hier vier Plätze mit Aschenbecher für Crack-Raucher, dort zwölf Plätze für Heroin-Abhängige. Spritzen und Löffel liegen bereit, Teelichter zum Aufkochen und ein Spiegel über jedem Platz. „Das ist für die, die sich direkt in die Halsschlagader spritzen“, sagt Ronald Schneider, der die 2016 renovierte Einrichtung seit 2006 leitet.

Ihn kann nichts mehr schocken. Acht Mitarbeiter sind während der zwölfstündigen Öffnungszeiten (11.00 bis 23.00 Uhr) vor Ort. Sie registrieren, wer reinkommt und was konsumiert wird, beruhigen die auf Entzug schwer kontrollierbaren Klienten, weisen ihnen einen Platz im Konsumraum zu. „Das funktioniert wie am Flughafen“, sagt Schneider. Ärzte beantworten gesundheitliche Fragen, Sozialarbeiter suchen das Gespräch, vielleicht für einen Ausstieg.

Vier solche Einrichtungen gibt es in Frankfurt, zusammen zählen sie 180 000 „Konsumvorgänge“ pro Jahr. Allein: Was genau da geraucht oder gespritzt wird, weiß keiner, weder die Drogenabhängigen noch offizielle Stellen. „Wir wissen sehr wenig darüber, was beim Konsumenten ankommt“, sagt Prof. Volker Auwärter, forensischer Toxikologe am Institut für Rechtsmedizin der Universität Freiburg.

Untersucht werden Drogen nur, wenn sie in größeren Mengen von der Polizei sichergestellt werden. Kleine Mengen, die bei Konsumenten gefunden werden, werden gleich vernichtet. Dazwischen aber wird der Stoff von Dealer zu Dealer gestreckt und gepanscht.

Gesundheitsdezernat und Drogenreferat der Stadt Frankfurt wollen sich mit diesem „Dunkelfeld“ nicht abfinden und gaben das nach eigenen Angaben bundesweit erste „Substanzmonitoring“ in Auftrag. Mitarbeiter der Konsumräume sammeln dafür Verpackungen und Spritzenfilter und schicken sie einmal die Woche nach Freiburg. Das Projekt läuft insgesamt ein Jahr und kostet gut 30 000 Euro. Erste Ergebnisse wurden am Montag vorgestellt.

Eine Erkenntnis: Wenn Drogenabhängige sich ihren Schuss setzen, ist im Heroin kaum noch Heroin. Im Mittel der 165 untersuchten Heroin-Proben lag der Wirkstoffgehalt bei neun Prozent. Laut Deutscher Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) müsste der mittlere Wirkstoffgehalt bei Heroin weit höher liegen. Im „Großhandel“ gehen die Experten von 45 Prozent aus, „auf der untersten Handelsebene“ von durchschnittlich 20 Prozent.

Der Rest sind Begleitstoffe und Streckmittel, zum Beispiel Koffein oder Paracetamol. Anders als erwartet fanden die Wissenschaftler weder Gifte wie Strychnin noch Beimengungen anderer Drogen wie Crystal Meth in den insgesamt über 400 Proben. Sorgen macht Fachleuten hingegen das hochgefährliche Opioid Fentanyl.

Mit dem Substanzmonitoring habe man ein „Frühwarnsystem“ an der Hand, begründete Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) das Pilotprojekt. „Wir wollen einen systematischen Überblick, welche Drogen im Umlauf sind und welche Gefahren von ihnen ausgehen.“ Die Suchtkranken erfahren allerdings nicht, was sie konsumieren: Aus rechtlichen Gründen dürfen in den Konsumräumen nur Sammelergebnisse ausgehängt werden, nicht die Analysen von Einzelproben.

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Wissenschaft

Die Esskastanie im Wald von Morgen

Düsseldorf. Forstexperten und Waldbauern tüfteln am Wald von Morgen. Angesichts des Klimawandels werden auch Baumarten wie die Esskastanie wieder interessant. Die Überlegungen greifen aber viel weiter.mehr...

Wissenschaft

Forscher finden so viel Mikroplastik in der Arktis wie nie

Bremerhaven. Plastik ist aus unserem Alltag kaum noch wegzudenken. Und es ist mittlerweile überall zu finden: Selbst in der Arktis haben Forscher eine hohe Konzentration winziger Plastikteilchen entdeckt. Die Folgen für die Mensch, Tier und Umwelt sind noch nicht absehbar.mehr...

Wissenschaft

US-Soldat bekommt Penis und Hodensack transplantiert

Baltimore. Penis-Transplantation gab es einige in den vergangenen Jahren. Nun bekam ein Mann gleichzeitig Penis, Hodensack und Teile der Bauchwand von einem verstorbenen Spender transplantiert.mehr...

Wissenschaft

Machen Süßstoffe dick?

San Diego. US-Präsident Donald Trump trinkt viele Dosen Diät-Cola am Tag. Abzunehmen scheint er davon nicht. Forscher haben jetzt weitere Hinweise gefunden, woran das liegen könnte.mehr...

Wissenschaft

Sicht auf Lyriden am Sonntag am besten

Heppenheim/Offenbach. Sternschnuppen-Freunde sollten vor allem am frühen Sonntag den Nachthimmel im Blick behalten. Dann ist der Sternschnuppenstrom der Lyriden voraussichtlich am besten zu sehen.mehr...