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Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Überpopulation verursacht Schäden in NRW

Seit Jahren steigt die Wildschweinpopulation in NRW. In den Wäldern gibt es eigentlich genügend Lebensraum. Doch die Tiere tauchen immer häufiger in bewohnten Gebieten auf. Aber das ist nicht die einzige Sorge.

NRW

, 14.01.2018
Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Wildschweine verbreiten sich zunehmend und rasch in NRW. Für die lokalen Bauern stellt das eine Gefahr da. © dpa

Bauern und Privatleute in Nordrhein-Westfalen haben zunehmend Ärger mit den Tieren. Wildschweine sind intelligent und äußerst anpassungsfähig. Aber auch faul. Deshalb durchsuchen sie schon mal Mülltonnen nach Genießbarem. Längst haben sie die Angst vor Menschen verloren. Besonders betroffen ist im Moment das Sauer- und Siegerland, sagt Hans-Heinrich Berghorn vom Westfälisch-Lippischen Bauernverband. In einigen Städten haben Wildschweine bereits zahlreiche Gärten umgepflügt. Auch bei Landwirten sind die gefräßigen Tiere gefürchtet. Sie durchwühlen mit ihrem kräftigen Rüssel Äcker und Grünland.

Mehrere tausend Euro Sachschaden für Landwirte

Für bundesweite Schlagzeilen hatten im Oktober aggressive Wildschweine in Dithmarschens Kreisstadt Heide gesorgt. Sie verletzten auf ihrem Weg durch die Stadt in Schleswig-Holstein vier Menschen. Anfang Dezember wurde in Vorpommern ein Jäger von einem Keiler getötet, den er vermutlich zuvor angeschossen hatte.

Solche dramatischen Ereignisse gab es in NRW noch nicht. Wildschweine verursachten bisher nur Sachschäden. Aber wenn eine Rotte von zwölf Sauen Grünland zerwühlt, „können schon mal mehrere tausend Euro Schaden zusammenkommen“, sagt Jürgen Reh, Geschäftsführer des Verbandes der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden in Westfalen-Lippe (VJE). Der Landwirt muss dann den Boden wieder glätten, neu einsäen, die Wiese muss wieder wachsen, bevor das Grün geerntet werden kann.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Ein von Wildschweinen durchwühlter Fußball-Platz im mittelhessischen Herborn. © dpa

In den Grünflächen suchen die Wildschweine tierisches Protein in Form von Würmern und Käfern, Ausgleichsfutter nach vielen Bucheckern und Eicheln, die sie im Wald finden, wie Andreas Schneider vom Landesjagdverband weiß. „Durch milde Winter, das gute Futterangebot sowie intensivierten Maisanbau haben die Tiere hervorragende Lebensbedingungen.“ Die Folge: Sie werden schneller geschlechtsreif, werfen statt einmal im Jahr nun zwei- bis dreimal.

Vermehrungsrate von 300 Prozent

Eine Vermehrungsrate von 300 Prozent pro Jahr ist bei Wildschweinen die Regel. „Pro Wurf haben sie fünf bis sechs Frischlinge“, sagt Kersten Blaschczok vom Forstbezirk Haard, einem etwa 5500 Hektar großen beliebten Naherholungsgebiet am Rande des Ruhrgebiets. Anfang der 90er-Jahre habe es in der Haard kaum Schwarzwild gegeben, so Blaschczok. Dass die Tiere sich jetzt dort wohlfühlen, liegt auch an den etwa 600 Hektar großen Roteichenbeständen im Wald, die Eicheln werden von den Tieren gerne verspeist.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Ein Beispiel für den Populationsanstieg bei Wildschweinen aus Dorsten: Trotz einer guten Jagdstrecke schaffen es die Jäger nicht, die Population der Wildschweine in den Dorstener Revieren einzudämmen. Konzertierte Maßnahmen sind nötig, um die Plage in den Griff zu bekommen.

Wie viele Wildschweine genau in der Region leben, ist nicht bekannt. „Aber die vermehrten Sichtungen lassen Rückschlüsse auf eine gestiegene Population zu“, sagt Blaschczok. Geschossen wurden in und um die Haard im vergangenen Jagdjahr mehr als 300 Wildschweine. Der Regionalverband Ruhr (RVR), der mit der Haard insgesamt 14.500 Hektar Wald bewirtschaftet, hat das Abschussentgelt für Frischlinge gestrichen. Für Überläufer (bis zweijährige Tiere) wurde das Abschussentgeld von 155 Euro auf 80 Euro gesenkt.

Frischlinge zum Abschuss freigegeben

Abschussquoten wie bei anderen Wildtieren gibt es bei Schwarzwild nicht. Wohl aber Einschränkungen bei der Jagd: Muttertiere mit Frischlingen, die die charakteristischen Streifen auf dem Körper haben, dürfen nicht getötet werden. Frischlinge unter einem Jahr hingegen schon, ganzjährig. „Um den Zuwachs abzuschöpfen, müssten 70 bis 80 Prozent aller Frischlinge getötet werden“, erklärt Kersten Blaschczok.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Frischlinge mit ihrer Mutter. Sie sind an ihrer charakteristischen Musterung zu erkennen. © Barbara Zabka

Laut der kürzlich veröffentlichten Bilanz des nordrhein-westfälischen Umweltministeriums wurden im vergangenen Jagdjahr landesweit knapp 40.000 Wildschweine erlegt, rund 4500 mehr als im Vorjahr. Eine intensivere Jagd soll nun helfen, die Zahl der Wildschweine in NRW weiter zu reduzieren. Dafür hat das Land bereits im Juli die Schonzeit aufgehoben, der Erlass wurde kürzlich verlängert bis Ende März 2021. Außerdem beteiligt sich das Ministerium seit einiger Zeit an den Kosten für die vorgeschriebene Fleischbeschau der Frischlinge.

Angst vor afrikanischer Schweinepest

Hintergrund dieser Maßnahmen sind allerdings weniger die durch Wildschweine verursachten Schäden, sondern die Angst vor der afrikanischen Schweinepest (ASP). Die in Osteuropa grassierende Seuche könnte über Wildschweine eingeschleppt werden und sich dann auf Hausschweine übertragen. Für Menschen ist die Viruserkrankung ungefährlich. Im Osten Europas sind sowohl Wildschweine als auch bereits Hausschweine infiziert.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Auf dem Parkplatz Bansower Forst der Autobahn A19 bei Lalendorf (Mecklenburg-Vorpommern) warnen Aushänge des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft am vor der Afrikanischen Schweinepest, die auch durch Lebensmittel übertragen werden kann. © dpa

„Das Wildschwein ist per se nicht gefährlich“, sagt Wilhelm Deitermann vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv). „Aber wir haben im Moment eine besondere Situation im Ruhrgebiet.“ Alle Experten sind sich sicher: Es ist keine Frage, ob die afrikanische Schweinepest kommt, sondern nur noch: wann. „Sie kann heute in Krakau sein, und schon morgen in Paris“, sagt Peter Schütz, Sprecher des Umweltministeriums. Je mehr man die Population durch intensivere Jagd dezimiert, desto geringer ist die Ansteckungsgefahr, so die Hoffnung.

Bedrohliche Lage für Schweinehalter

Die Seuche ist hochinfektiös, hat eine lange Inkubationszeit, ihre Viren überleben an Autoreifen, Schuhen, Jacken. Ein achtlos weggeworfenes Wurstbrot mit möglicherweise kontaminiertem Fleisch aus Osteuropa könnte hier von Wildschweinen gefressen werden und eine Kettenreaktion auslösen. Für Schweinehalter ist das wirtschaftlich extrem bedrohlich.

Im „Schweinegürtel“ Münsterland werden 4,4 Millionen Tiere gehalten, das sind 60 Prozent des gesamten Bestandes in NRW – insgesamt halten in NRW 7300 Landwirte rund 7,2 Millionen Schweine. Der Bund hat bisher mit Warn-Plakaten und Flyern in mehreren Sprachen auf Rastplätzen reagiert. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Afrikanische Schweinepest.

Da trifft es sich gar nicht gut, dass viele Jäger zurzeit die Jagd einstellen, wie Jürgen Reh vom VJE berichtet: „Weil der Wildhandel das Fleisch kaum noch abnimmt.“ So viel Schwarzwild werde geschossen, dass der Markt voll sei oder das Fleisch nur noch zu Dumpingpreisen verkauft werden könne.

Naturschützer zweifeln Effekt der Jagd an

Naturschützer bezweifeln, dass die Wildschweinjagd, wie sie zurzeit praktiziert wird, einen regulatorischen Effekt auf die Population hat. „Trotz Bejagung werden die Bestände seit den 50er-Jahren nicht nennenswert reduziert“, sagt Helmut Brücher, Jagdexperte des Naturschutzbundes (Nabu). Gibt es trotz oder wegen der Jagd so viele Wildschweine, sei die Frage.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Jäger mit geschulterten Gewehren bei einer Drückjagd durch einen Wald in Bielefeld. Rund 100 Jäger aus acht Revieren beteiligten sich. © dpa

Er kritisiert zudem, dass viele Jäger verbotenerweise die Tiere mit großen Mengen Futter anfüttern würden. In geringen Mengen, maximal ein halbes Kilo, ist es erlaubt, um die Tiere zum Abschuss auf Lichtungen zu locken. „Es kontrolliert aber niemand“, sagt Brücher.

Ein halbes Kilo Lockfutter sei viel zu wenig, um sie zu verteilen, argumentieren dagegen die Jäger. „Die Menge kann nicht mehr ausreichend verteilt werden, tierschutzkonforme Schüsse sind so nicht mehr möglich“, sagt Andreas Schneider vom Landesjagdverband. Die rot-grüne Landesregierung hatte die Menge 2015 bei der Novellierung des Jagdgesetzes von 1000 auf 500 Gramm reduziert.

Jagdgesetzänderung mit „allen Beteiligten“

Die Überarbeitung dieses Gesetzes laufe zurzeit, heißt es aus dem Umweltministerium. „Wir sind in der Diskussion“, sagt Peter Schütz. In der ersten Hälfte des Jahres soll es auf den Weg gebracht werden, ein genauer Termin steht noch nicht fest. Die schwarz-gelbe Regierung wolle einen Konsens mit allen Beteiligten.

Im zuständigen Landesjagdbeirat sind Jäger, Natur- und Tierschützer, Förster und Bauern aktiv, mit diesen wolle man beraten. „War es richtig, die Jagdzeit bei Wildschweinen zu verkürzen? Keine streunenden Katzen mehr schießen zu lassen?“ All diese Punkte würden gemeinsam erörtert.

Radikale Methoden in Tschechien und Bayern

Bei der Jagd auf Wildschweine ist man anderswo schon weiter. In Tschechien werden wegen der ASP Scharfschützen der Polizei auf Wildschweine angesetzt. In anderen Bundesländern, etwa in Bayern, gibt es, um der Plage Herr zu werden, sogenannte Saufänge – eine umstrittene, nur in Ausnahmefällen erlaubte Methode. Ganze Rotten werden dabei in ein umzäuntes Areal gelockt und die Tiere nach und nach mit Schalldämpfer-Waffen erschossen. Stress und Panik für die Tiere, sagen die einen, schnelle, effektive Tötung, sagen die anderen.

Wildschweine: Wenig Scheu und die Gefahr der Schweinepest

Eine Wildschweinfalle wie diese soll beim Erlegen der Tiere helfen. © dpa

Um die Afrikanische Schweinepest einzudämmen, wirbt Naturschützer Brücher dafür, zunächst die Teilnahme an Auslandsjagden, besonders in Osteuropa, zu verbieten. Viele Landwirte seien aktive Jäger, und könnten so das Virus einschleppen. Auch das Ministerium rät Jägern von Reisen in Länder „mit ASP-Geschehen“ dringend ab.

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