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Nur Blumensträuße binden reicht nicht mehr

Floristen fehlt der Nachwuchs

Am Wochenende arbeiten, früh aufstehen und zum Großmarkt oder nach Holland fahren: Für Floristen wie Christine Tinz ist ihr Beruf immer noch Berufung. Der Branche aber fehlt der Nachwuchs – viele sehen mittlerweile sogar ihre ganze Existenz gefährdet.

DORTMUND/LÜNEN

, 27.03.2018
Nur Blumensträuße binden reicht nicht mehr

Dieser bunte Sekt und Handcreme sind gerade der Renner, weiß Floristin Ute Kersting aus Dortmund. © Dieter Menne

Christine Tinz seufzt. „Die Discounter machen uns kaputt.“ Die Floristin steht in ihrem Geschäft in Lünen-Süd und wickelt mit geübten Handgriffen Draht um einen kleinen Strauß aus blauen Hortensien. Gegen die Preise, die der Supermarkt ein paar Meter weiter für seine Tulpen und Rosen verlangt, kommt Christine Tinz nicht an. „Früher war die Bundware das für uns ein Zusatzgeschäft, das gutes Geld einbrachte“, sagt die 63-Jährige. Allein zu Ostern hätten sie Tausende Tulpen eingekauft, „und die waren danach auch alle weg“. Heute verkaufe sie vielleicht drei von zehn Bund Tulpen im gleichen Zeitraum.

37 Euro pro Kopf geben Deutsche jährlich für Blumen aus

„Floristen müssen sich immer wieder dagegen positionieren“, bestätigt Nicola Fink vom Fachverband Deutscher Floristen (FDF). Im Bereich Impulskauf sei die Ware aus dem Supermarkt attraktiv. „Aber bei speziellen Anlässen, am Geburtstag oder Valentinstag, geht man doch ins Fachgeschäft.“ Hier bekomme man immer Unikate, handgefertigte Kreationen, die keine Maschine herstellen könne.

Blumen sind nach wie vor bei den Deutschen beliebt. Seit Jahren geben sie, weitestgehend unverändert, 37 Euro pro Kopf für Schnittblumen und insgesamt 3 Milliarden Euro im Jahr aus. Mit Pflanzen zusammen lassen sie es sich 8,7 Milliarden Euro im Jahr kosten. Laut Agrarmarkt-Informationsgesellschaft hat sich dieser Wert seit 2005 nicht groß verändert.

Doch das Geld landet zunehmend in der Discounter-Kasse und nicht im Fachhandel. Zwar sei letzterer nach wie vor der umsatzstärkste Absatzkanal für Blumen und Pflanzen, teilt Andrea Kirchhoff vom Verband des Deutschen Blumen-Groß- und Importhandels e.V. (BGI) mit. Lediglich 30 Prozent des Umsatzes entfielen beispielsweise bei Schnittblumen auf Lebensmitteleinzelhandel und Discounter.

Ein Stopp, alles im Einkaufswagen

„One-stop-shopping ist hier aus Sicht des Verbrauchers das zentrale Thema“, sagt Frank Teuber vom Blumenbüro Holland, Experte für den deutschen Blumenmarkt. Der Bund Schnittblumen im Supermarkt und der individuell gestaltete Strauß im Fachhandel – Teuber glaubt, dass die Wahl der Einkaufsstätte von den individuellen Kaufmotiven abhängt. „Im Schenkbedarf ist der Fachhandel heute, und nach unserer Ansicht auch in Zukunft, die primäre Einkaufsstätte.“ Beratungsqualität und individuelles Handwerk seien die vom Verbraucher gesuchten Stärken des Fachhandels. Die Angebotsbreite- und -qualität vom sogenannten Systemhandel, also den Supermärkten, habe jedoch in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Nur Blumensträuße binden reicht nicht mehr

Tanja Reimann von Blumen Christina aus Schwerte. © Björn Althoff

Seit 1971 ist „Blumen Christina“ an der Bahnhofstraße in Schwerte. Seitdem hat sich viel verändert. Bis in die 90er-Jahre habe man noch viele mittelgroße Pflanzen im Laden gehabt. Aber an die komme man gar nicht mehr. Nicht auf dem Blumen-Großmarkt in Dortmund, nicht mal bei den ganzen großen Anbietern in den Niederlanden, erklärt Floristin Tanja Reimann. Ikea beispielsweise würde ganze Bestände aufkaufen, schon direkt bei den Händlern. Baumärkte, Blumenmärkte, Supermärkte – alle seien mittlerweile scharf auf Pflanzen. Und der kleine Florist habe gar keine Chance mehr, an diese Pflanzen zu kommen.

Natürlich spiele auch der Preis eine Rolle. „Die Kunden kriegen bei 3,50 Euro pro Rose doch Schnappatmung“, sagt Ute Kersting, Vorsitzende für Dortmund und Bochum im Fachverband Deutscher Floristen und Inhaberin von Blumen Kersting in Dortmund. Dabei sei ein gutes Produkt diesen Preis durchaus wert. Ihrer Meinung nach hinken die Vergleiche mit den Preisen im Supermarkt. „Wie sind diese Blumen produziert worden? Welche Chemikalien sind da drauf – und dann auf meinem Frühstückstisch? Und wovon hat man letztlich mehr?“, fragt Ute Kersting. Die Kunden seien zwar wissbegierig, aber beim Preis zögerlich. „Dann nehmen sie lieber etwas anderes.“

Kaufen im Discounter, Beratung im Fachgeschäft

Auch Silvia Reimann von Silvis Blumeneck in Selm ärgert sich über die Discount-Konkurrenz. „Ich hatte neulich eine Kundin, die hat mir ein Handyfoto von einer Blume gezeigt und wollte wissen, was das für eine Blume ist und wie sie die pflegen kann“, sagt Reimann empört. Die Blume hatte die Kundin

vorher beim Discounter gekauft.

Nur Blumensträuße binden reicht nicht mehr

Christine Tinz (r.), hier mit ihrer Mitarbeiterin Simone Bäßler, führt seit 37 Jahren ein Blumengeschäft in Lünen-Süd. © Bärwald

„Frisch sind die Blumen aus dem Discounter, das ist keine Frage“, sagt die Lüner Blumen-Fachfrau Christine Tinz. Aber sie würden schneller hochgezogen, statt sechs Wochen blieben den Rosen nur noch drei, um zu wachsen. „Und das merkt man hinterher in der Vase. Sie gehen nicht richtig auf, lassen schnell die Köpfe hängen.“

Harter Job mit wenig Freizeit

Selbst den Kopf hängen zu lassen, das ist für Tinz keine Option. Seit etwa 15 Jahren schrumpfe das Geschäft mit der Bundware, erinnert sie sich. Daher hat sie schon früh begonnen, sich breiter aufzustellen, Blumen-Dekoration etwa für Trauerfeiern, Hochzeiten oder andere besondere Anlässe anzubieten. Auch ihr Geschäft, das sie seit fast 37 Jahren führt, hat sich in dieser Zeit optisch verändert: Mehr Deko-Artikel, hochwertige Keramik. In hohen, schlanken Vasen stehen die Blumen, die Tinz für Sträuße verwendet, wie rote und gelbe Ranunkeln, leuchtend-orange Strelitzien. Keine Massenware. Sie experimentiert mit Materialien, verarbeitet Kräuter und andere Pflanzen, „auf die manche vielleicht einfach achtlos drauftreten“, zu individuellen Kreationen.

Für Christine Tinz ist ihr Beruf immer noch Berufung. Die Ideen sprudeln auch nach fast 40 Jahren noch. „Im Rückblick hab ich alles richtig gemacht.“ Dass ihr Job hart ist, blendet sie dabei nicht aus. Zwei- bis dreimal die Woche um drei Uhr morgens raus, um zum Großmarkt zu fahren oder nach Holland, bis abends im Laden stehen, arbeiten am Wochenende und an Feiertagen, wenn alle anderen frei haben. Und reich wird man auch nicht. Der Laden läuft gut, viele Stammkunden kommen, „und auch die Kinder und Kindeskinder“. Das sei schön zu sehen, sagt Tinz.

Lange sah es so aus, als würde ihre Tochter einmal das Geschäft übernehmen, doch sie entschied sich im vergangenen Jahr anders. Für einen Beruf mit mehr Zeit für die Familie und mehr Gehalt. „Das kann ich verstehen“, sagt die Mutter. Die Chefin aber stellte das vor weit größere Probleme als nur die Frage, was in ein paar Jahren ist. „Ein dreiviertel Jahr haben wir nach Ersatz gesucht.“ Von den vom Arbeitsamt vermittelten Kräften kam überhaupt nur eine zum Vorstellungsgespräch, und da war schnell klar, dass es nicht passte.

Nachwuchsmangel ist ein großes Problem der Branche. Er hat so große Ausmaße angenommen, dass die Branche ihre Existenz bedroht sieht und mit verschiedenen Aktionen um neue Lehrlinge wirbt. Habe es im Jahr 2000 noch mehr als 9000 Auszubildende gegeben, so sei die Zahl bis 2017 auf rund 2500 gesunken, sagte Alexander Zoern, Geschäftsführer der norddeutschen Filialkette Blume 2000. Die Zahl der Geschäfte sei in den vergangenen 15 Jahren um gut ein Drittel auf 12.700 zurückgegangen.

Die Handelskette Blumen Risse mit Hauptsitz in Schwerte kämpft mit den gleichen Problemen wie die Branche im Rest der Republik. „Wir haben zwar jährlich noch 50 Azubis, aber die Qualität der Bewerber sinkt“, sagt Udo Römer, Bereichsleiter Personal bei Risse. Ein guter Hauptschulabschluss sei Mindestvoraussetzung, aber dieser Standard werde häufig nicht mal erreicht. „Seit zehn Jahren hat sich der Beruf verändert, ein Drittel kaufmännisches Wissen kommt auf zwei Drittel künstlerische Qualifikation.“ Eine 2 bis 3 in Kunst, Bio oder Mathe müssten Bewerber mitbringen. Auch die Motivation sei oft nicht vorhanden, bei Azubi-Tagen, die Risse regelmäßig veranstalte, kämen von 36 Eingeladenen vielleicht 16. „Der Rest sagt nicht einmal ab.“ Für den Beruf müsse man auch freundlich-verbindlich sein, bis zu 80 Prozent spielten sich an der Verkaufstheke ab. Die, die es in die Ausbildung im Unternehmen schafften, schlössen sie auch ab. „Wir brauchen den Nachwuchs, deshalb bilden wir aus.“

Das vergleichsweise geringe Gehalt sei Römer zufolge nicht der Grund, warum es weniger Auszubildende gibt. „Wer diesen Beruf ergreift, ist aus Spaß am Handwerk dabei.“ Das Unternehmen biete Mitarbeitern Aufstiegsmöglichkeiten zum Filial- und später Bereichsleiter. Auch Blumen Risse will in Kürze, in Zusammenarbeit mit der IHK, eine Kampagne für mehr Auszubildende starten, so Udo Römer. „Die Gespräche laufen.“ Wenn man qualifizierte Leute wolle, müsse man auch etwas dafür tun.

Bis sich bei Christine Tinz dann doch eine geeignete Mitarbeiterin vorstellte, vergingen Monate. Seit Februar ergänzt eine Vollzeitkraft das dreiköpfige Team. „Jetzt kann ich vielleicht auch mal wieder Urlaub machen“, freut sich Tinz. „Im letzten Jahr war ich nur drei Tage weg.“

Unter Mitarbeit von: Björn Althoff, Nicole Giese, Sabine Geschwinder

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