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Brief an Lew Jaschin

Sie verdienten sich Ihren Spitznamen, die schwarze Krake, die in ihrer 22-jährigen Karriere 150 Elfmeter hielt... Heute schreibt Hermann Beckfeld an Lew Jaschin.

von Hermann Beckfeld

, 09.06.2018
Brief an Lew Jaschin

UdSSR-Torhüter Lew Jaschin in Aktion. © dpa

Lieber Lew Jaschin,

mit der WM 1966 in England begann meine Leidenschaft für Fußball. Ich war elf Jahre alt und staunte über den jungen Franz Beckenbauer, der durch die gegnerischen Abwehrreihen dribbelte, als wäre dies das Einfachste von der Welt. Ich jubelte über das Jahrhunderttor von Lothar Emmerich, der den Ball aus einem unmöglichen Winkel ins spanische Netz hämmerte. Mich machten die Urus wütend, die unsere Spieler umholzten, und noch mehr das Wembley-Tor. Immerhin half es mir, erwachsen zu werden. Seitdem weiß ich, wie ungerecht das Leben sein kann.

Beckenbauer, Haller, Seeler und Overath waren meine Helden, aber ich schwärmte auch von Eusebio, dem Zauberfußballer aus Portugal, und von einem Torhüter, der so aussah, wie ein Torwart für mich auszusehen hatte: ganz in Schwarz gekleidet, mit einer Mütze auf dem Kopf, groß, schlank, drahtig, ein richtiger Hüter seines Tores.

Lieber Lew Iwanowitsch Jaschin, ich war zu jung, um Ihren Namen, Ihre Geschichte zu kennen. Und Ihre Heimat, die Sowjetunion, war für mich weit weg, irgendwo hinter dem Eisernen Vorhang. Dort musste es grau, arm, bitterlich kalt sein, dort wohnten die Feinde, rücksichtslose Kriegsgewinner; da vertraute ich meinem Vater und meinem Geschichtslehrer und ihren immer wiederkehrenden Erzählungen von der Front.

Nun sah ich erstmals den berühmten Lew Jaschin nach dem Ball hechten, trotz Ihrer Körpergröße schienen Sie wie ein Kosmonaut schwerelos durch den Strafraum zu schweben. Das Spielfeld war Ihr All, die Mütze Ihr Helm, die Kluft Ihr Raumanzug. „Die Freude, Juri Gagarin durch das All fliegen zu sehen, wird nur durch die Freude eines gut gehaltenen Elfmeters übertroffen“, hatten Sie sechs Jahre zuvor in Frankreich gesagt, wo Sie im EM-Finale die eigentlich unbezwingbaren Jugoslawen zur Verzweiflung brachten und der UdSSR den Titel sicherten.

Zuvor wurden Sie Fußball-Olympiasieger, 1963 zu Europas Fußballer des Jahres und später zum Welttorhüter des 20. Jahrhunderts gewählt. Sie verdienten sich Ihren Spitznamen, die schwarze Krake, die in ihrer 22-jährigen Karriere 150 Elfmeter hielt.

Was ich 1966 noch nicht wusste, als die Sowjetunion im Halbfinale gegen unser Team ausschied: In Ihrer Jugendzeit spielten Sie Eishockey, Fußball, Basket- und Wasserball, hatten Spaß beim Fechten, Boxen, Eisschnelllaufen und Tennis, träumten davon, Schachweltmeister Michail Botwinnik abzulösen. Doch Titel sammelten Sie letztendlich als Torwart, der im Winter nach dem Puck, im Sommer nach der Lederkugel griff.

Richtig berühmt, zur Lichtgestalt des Ostens, wurden Sie als mitspielender Fußball-Torwart, der – wie ein Schach-Profi den nächsten Zug des Kontrahenten – den Pass des Angreifers geradezu einforderte, um dann mit dem gewaltigen Abschlag bis weit in die gegnerische Hälfte den schnellen Konter einzuleiten; ich bin überzeugt, Sie hätten Freude an der Spielweise von Manuel Neuer.

Sie waren der Denker, der Enthusiast, der Schwärmer, der Angler, der vor jedem wichtigen Spiel die Ruhe, die Einsamkeit suchte. Die Köder – Maden und Regenwürmer – suchten Sie auf der Müllhalde in der Nähe Ihrer Datscha. Nicht nur Landsleute liebten Sie, den ehrgeizigen, bescheidenen, fairen Sportsmann, der seiner Heimat, seinem Klub Dynamo Moskau, treu blieb. Das unmoralische Angebot von Real Madrid, sich selbst das Gehalt in den Vertrag zu schreiben, lehnten Sie ab.

Das Kettenrauchen mussten Sie teuer bezahlen. Nach zwei Schlaganfällen und Beinamputationen starben Sie 1990 an Magenkrebs.

Lieber Lew Jaschin,

Sie wollten immer hoch hinaus, wären bestimmt stolz auf das Plakat zur Fußball-WM im eigenen Land. Sie fliegen über einen grünen Kreis, der das Spielfeld symbolisiert, und greifen nach dem Ball, der sich als Weltkugel entpuppt. Doch der Globus gefällt mir nicht, er zeigt nur das russische Staatsgebiet.

Besser finde ich die neuen 100-Rubel-Scheine, die Russland extra zur WM druckte. Ein kleiner Fußballfan schaut bewundernd zu Ihnen auf – so wie ich vor 52 Jahren bei der WM in England.

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld

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