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Die Werner Museumsleiterin im Video-Interview

100 Tage im Amt

Seit 100 Tagen leitet Dr. Constanze Döhrer das Werner Stadtmuseum: Zeit für eine erste Bilanz. Mit der 34-Jährigen sprach Redakteurin Sylvia vom Hofe – über zwei große, sinnliche Ausstellungen, die bevorstehen, zwei Epochen, denen sich das Museum künftig stärker widmen will, und über den Unsinn von Eintrittspreisen.

WERNE

, 14.10.2016

Sind die 100 Tage schnell vergangen?

Total schnell. Eigentlich geht hier jeder Tag schnell um. Oft habe ich das Gefühl, drei Dinge gleichzeitig zu machen. Genaus das mag ich an der Museumsarbeit.

Die Arbeit in einem Museum war Ihnen vertraut. Werne aber noch nicht so sehr oder?

Sicher kannte ich Werne als Teil des Kreises Unna. Schließlich bin ich in Unna aufgewachsen. Aber viel Zeit hatte ich hier bislang noch nicht verbracht. Was ich anfangs kurios fand: Viele Leute besuchten mich hier im Museum, um mich kennenzulernen und sagten: ,Werne ist ein bisschen anders, stellen Sie sich darauf ein‘.

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Stimmt das?

Ja, tatsächlich hat Werne Eigenheiten, die ich aus andere Städten so nicht kenne – die ich aber durchweg positiv finde: die starke Vereinsstruktur, das bürgerschaftliche Engagement auch für das Stadtmuseum. Viele Menschen interessieren sich dafür, was hier passiert, sie wollen mitmachen und bringen sich ein, wo sie können. Dieses Interesse ist schon etwas Besonderes.

Ist die Werner Geschichte ebenso besonders?

Besonders ist, dass die Quellen so weit zurückgehen. Wir kommen mit einzelnen bischöflichen Urkunden zurück bis ins Mittelalter und von da an durchgängig bis in die Neuzeit. Das Bürgerbuch fängt im 15 Jahrhundert an. Und lustig ist, dass manche Namen von damals heute immer noch in Werne vertreten sind. Kontinuität gibt es also nicht nur in der Überlieferung.

Hatten Sie auch schon Kontakt mit Familienforschern?

Mit mehreren, unter anderem mit einer amerikanischen Familie. Deren Vorfahren konnten wir ebenfalls im Bürgerbuch finden.

Wenn wir über die Werner Geschichte sprechen, redet man gerne über Mittelalter und frühe Neuzeit. Jetzt kurz vor Beginn der Sim-Jü-Kirmes fällt der Blick etwa zurück auf die vor mehr als 650 Jahren verliehenen Marktrechte. Andere Kapitel der Werner Geschichte sind nicht so gut dokumentiert im Museum. Wollen Sie da ran?

Es stimmt: Gut aufgearbeitet ist das Mittelalter. Aber auch das 19. Jahrhundert. Heidelore Fertig-Möller hat auch viel zum jüdischen Leben in der Stadt gemacht. Was ich noch verstärken möchte ist die Forschung zu einzelnen Objekten. Schriftquellen bilden schließlich eher die Politik ab, das Leben der oberen Schicht. Ich möchte anhand von Alltagsgegenständen – ob Zinnteller oder Porzellanservice – das Leben der Menschen zu früheren Zeiten erzählen: Was sagt das über die Leute, wenn sie solche Teller oder Tassen im Schrank stehen hatten. Wo kommen die Objekte her, wo wurden sie hergestellt. Ich möchte also etwas mehr Kunstgeschichte ins Museum bringen.

Was ist mit dem Kapitel Werne unter den Nazis?

Wir haben im Erdgeschoss eine Vitrine zum jüdischen Leben, und natürlich geht es da auch um die NS-Zeit. Ansonsten kommt die aber nicht vor. Das ist etwas, das hier stärker präsent sein muss, auf jeden Fall.

Gilt das auch noch für andere Epochen?

Ja, auch wenn das spezieller ist: Ich möcht auch gerne die Grabung auf dem Amazon-Gelände dokumentieren, die eine eisenzeitlichen Siedlung zu Tage gebracht hat. Dass Menschen seit der Steinzeit hier an der Lippe lebten, zeigen ja auch andere Funde, die wir im Keller ausstellen.

Wer durch das Museum geht, sieht es noch nicht besonders verändert. Oder gucken wir nur nicht richtig hin?

Nein, daran habe ich noch gar nichts gemacht. Zum einen habe ich die Regel beachtet, dass man in den ersten 100 Tagen besser gar nichts ändert: ein weiser Ratschlag, denn jetzt habe ich interessante Beobachtungen gemacht, mit denen ich vorher so nicht gerechnet hätte: Die Dino- und Mäusesuche etwa (Anm. d. Red.: Kinder suchen kleine Figuren zwischen den Vitrinen und Tischen und erhalten dafür ein kleines Geschenk) kommt etwa super an bei Kindern. Daran sollten wir nichts ändern.

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Also keine Änderungen wie etwa zurzeit im Bergkamener Museum, wo der Leiter Raum für Raum neu gestaltet?

Doch, aber gut Ding will Weile haben. Natürlich habe ich dafür schon ein Konzept, wie ich es irgendwann haben möchte: etwas moderner und neu geordnet. Das kostet Zeit und Geld, da müssen wir mal sehen, wann wir das realisieren können. Vieles ist aber toll. Und auch die Struktur – ein stadtgeschichtlicher Rundgang – ist ideal für uns.

Haben Sie schon ein Lieblingsexponat gefunden?

Mehrere . Ich mag wirklich gerne im Mittelalterraum die Siegelstempel. Einer davon ist aus dem 15. Jahrhundert und sehr gut erhalten. Da denke ich mir immer: Den hat jemand in der Hand gehalten und damit die wichtigen Schriftstücke gesiegelt. Das Bürgerbuch ist natürlich auch toll.

Gibt es auch umgekehrt Sachen, die sie lieber früher als später rausräumen möchten?

Die haben wir eigentlich nicht. Es gibt Dinge, die ich reduzieren möchte. Wir haben etwa sehr viele Kruzifixe und Spinnräder. Sicher, die prägten das bürgerliche Leben. Aber davon müssen wir vielleicht nicht so viele zeigen.

Wer kommt denn alles ins Museum?

Zu meiner Freunde viele Kinder, die die Mäuse und Dinos suchen. Oft kommen sie mit ihren Eltern, die als Kinder auch schon hier Mäuse gesucht haben. Das ist ein richtig tolles Konzept. Da gibt es keine Schwellenangst. Die Kids kommen sogar ganz alleine herein. Das kenne ich so aus anderen Museen nicht. Wen noch zu den regelmäßigen Gästen gehört: Radtouristen und Pilger, aber auch Familien, die gerade Besuch aus einer anderen Stadt haben. Eine wirklich solide Laufkundschaft.

Kinder kommen aber nicht nur nachmittags…

…stimmt, Schulen sind wichtige Partner. Wir haben mit ihnen auch schon einige neue Programme getestet: zum Beispiel „Ackern fürs Frühstück“. Da haben wir mit Grundschülern draußen im Hof Korn gedroschen. Kindern und Jugendlichen die Stadtgeschichte nahezubringen und ihnen ganz allgemein die Freude an Museumsbesuchen zu vermitteln, ist unser Hauptbildungsanspruch.

Können Sie sich erinnern, wann Sie selbst als Kind zum ersten Mal im Museum waren?

So wie ich meine Eltern kenne, bereits als Baby. Als Fünfjährige war ich in Machu Picchu, daran kann ich mich genau erinnern, weil es so exotisch war. Aber auch an verschiedene Ferienprogramme im Stadtmuseum Unna.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Ich habe eine Sachbearbeiterin und eine Teilzeitkraft auf 450-Euro-Basis. Zum Glück gibt es aber auch ehrenamtliche Helfer, die Führungen übernehmen, und zurzeit einen studentischen Praktikanten. Ich habe 30 Stunden. Das ist schon echt eng. Es hat sich bewahrheitet, was ich mir von vorne herein gedacht haben: Budget und Zeit sind echt sportlich, da wird es eng.

Was dieses Museum auch auszeichnet ist der Bericht auf einen Eintrittspreis. Möchten Sie daran festhalten?

Unbedingt. Das sehe ich immer. Wenn wir Eintritt nehmen würden, blieben nicht nur die vielen Kinder draußen, die fast täglich nachmittags hineinschauen, auch erwachsene Besucher, die vielleicht gar keinen hohen Bildungsabschluss haben. Und man muss sich klar sein: Finanzieren kann man ein Museum nie über Eintritt.

Wo sehen Sie das Museum in fünf Jahren?

Ich hoffe, dass dann noch mehr Laufpublikum kommt als jetzt. Ich stelle mir dafür kleinformatige Angebote vor: Kurzvorträge über einzelne Objekte zu einer Tasse Kaffee etwa. Damit werde ich probeweise im nächsten Jahr beginnen. Außerdem möchte ich, dass die Dauerausstellung mehr Raum bietet für Teilnahme: ein Museum zum Mitmachen. Ich könnte mir vorstellen, dass etwa Elftklässler Texte schreiben zu einzelnen Themen, die wir dann ausstellen. Das vermittelt den Jugendlichen, wie Museen arbeiten und sorgt dafür, dass es immer etwas Neues zu entdecken gibt. Außerdem möchte ich Workshops anbieten. Und statt fünf, sechs kleiner Ausstellungen wünsche ich mir ein, zwei große.

Apropos Ausstellungen: Was planen Sie für nächstes Jahr?

Da habe ich zwei Ideen. Zu Ostern eine Ausstellung zum Thema Lied anlässlich des Luther-Jahres. Luther war schließlich ein Verfechter des Laiengesangs und der Hausmusik. Das wird eine Ausstellung zum Mitmachen, bei der ich vor allem Senioren bitten werde, Texte zu ihren Lieblingsliedern einzuschicken. Ich möchte natürlich auch Hörstationen einbringen.

Und die zweite?

Eine Ausstellung zum Thema Ernährung im Laufe der Zeit. Angefangen mit der Steinzeit-Diät.

Und in diesem Jahr?

In der nächsten Woche hole ich eine kleine Fotoausstellung ab: Ansgar Hoffmann, ein Fotograf aus Schlangen, hat eine tolle Fotodokumentation gemacht über Christophorus-Darstellungen in Westfalen: Fotos, die er auf zwei Meter aufgezogen hat. Die werde ich in der Adventszeit und zwischen den Jahren zeigen.

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