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"Vorsicht Schweinepest": Große Übung in Werne

Kreis Unna probte den Ernstfall

Die afrikanische Schweinepest droht, sich nach Westeuropa auszubreiten. Wie der Ernstfall aussehen könnte, hat die Veterinärbehörde des Kreises Unna bisher nur am Computer durchgespielt. Am Samstag gab es nun die erste große Tierseuchenübung auf einem Hof in Werne. Hier gibt es Infos, viele Fotos und ein Video.

WERNE

, 22.11.2014

Die Schilder mit der Aufschrift „Afrikanische Schweinepest“ sind wieder eingesammelt. Die Absperrgitter auch. Rund um den Hof Schulz-Gahmen an der Selmer Landstraße in Werne ist am Sonntag wieder Normalität eingekehrt – einen Tag nach der ersten Tierseuchenübung des Kreises Unna.  Was bleibt, ist zwar das das gute Gefühl, eine Prüfung bestanden zu haben, gleichzeitig aber auch die Angst, dass der Ernstfall tatsächlich eintreten könnte.

  Die Gefahr liegt vor der Haustür. Über Russland, die Ukraine und Litauen hat sich die für Haus- und Wildschweine tödliche Krankheit bis nach Polen vorgearbeitet. „Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein“, sagt Unnas Landrat Michael Makiolla. Das Schlimmste ist in diesem Fall die weitere Ausbreitung der Seuche nach Westen. Denn bislang ist noch kein Kraut gewachsen gegen die Pest aus Afrika, die die erkrankten Tiere innerhalb von fünf bis zehn Tagen verenden lässt. Obwohl ASP, wie die afrikanische Schweinepest abgekürzt heißt, bereits seit 1978 in Europa grassiert – in diesem Jahr mit schlimmen Folgen für die Landwirte in Osteuropa – , gibt es bislang noch keinen Impfstoff, wie  Dr. Anja Dirksen, die leitende Tierärztin des Kreises Unna, sagt. Mit anderen Worten: „Wenn ein Bestand befallen ist, müssen ausnahmslos alle Schweine getötet werden.“  

Mitten im Sperrbezirk, noch 200 Meter vom gesperrten Hof entfernt. Der Katastrophenschutz fährt Patrouille #pesttestpic.twitter.com/XayRVrDpK3

— Sylvia Lüttich-Gür (@SylviaLeodica)

  Im Fall von Werner und Iris Schulz-Gahmen, die ihren Hof für die Großübung zur Verfügung gestellt haben, wären das 4700 Schweine: eine ganze Existenz. Die wirtschaftlichen Auswirkungen würden sich aber nicht nur auf den einzelnen Hof beschränken, so Landrat Michael Makiolla. Die ganze Region würde in Sperrbezirke und Beobachtungsregionen eingeteilt. Für die Nachbarhöfe würde ein Handelsverbot gelten. Selbst wenn es gelänge, die Krankheit nach 45 Tagen – die Mindestdauer für die verordneten Maßnahmen – einzudämmen: „Der wirtschaftliche Schaden wäre enorm“.

  Ganz zu schweigen von der emotionalen Belastung, wie Hans-Heinrich Wortmann, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, ergänzt: „ Wir sind eben Bauern und haben keine Industriebetriebe“ , macht er klar, „wir lieben unser Vieh“. Wenn jemand in seinen Stall in Kamen ginge, um die 1000 Schweine dort zu töten, „würde ich durchdrehen“. Auch daran haben die Planer des Ernstfalls gedacht: Notfalls stehe psychologische Betreuung für die betroffenen Landwirte zur Verfügung, hat Wortmann erfahren.  

Zufrieden mit der Übung: Auch Iris und Werner Schulze Gahmen, die Hofbesitzer #pesttestpic.twitter.com/qwLLHNQx82

— Sylvia Lüttich-Gür (@SylviaLeodica)

Am Samstag sind es aber vor allem Feuerwehrleute, Mitarbeiter der Ordnungsbehörden, Polizei und Veterinärmediziner, die ihren Einsatz üben – nicht nur auf dem Hof in Werne, In der Kreissporthalle in Unna ist das Krisenzentrum eingerichtet: Dort laufen alle Fäden zusammen.  Die Verwaltungsmitarbeiter bestimmen den einen Kilometer großen Tötungskorridor rund um den betroffenen Hof (in diesem Bereich würden im Fall der Fälle alle Schweine mit Elektrozangen umgebracht), den drei Kilometer großen Sperrbezirk und das zehn Kilometer große Beobachtungsgebiet.

  Wachsende Mobilität lässt auch die Keime reisen. Das Team des Krisenzentrums kümmert sich nicht nur darum, dass sich die Krankheit nicht  künftig weiter ausbreitet. Es forscht auch detektivisch, wie die Keime überhaupt auf den Hof haben gelangen können: mit einem Viehtransporter? Oder während einer großen Landjugendfete mit 250 Gästen?

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Schweinepest-Übung in Werne

Der Ernstfall wurde geprobt: bei der Schweinepestübung in Werne wurde simuliert, was passiert, wenn ein Hof mit der Afrikanischen Schweinepest verseucht ist. Nach der Übung waren alle Verantwortlichen zufrieden mit dem Ausgang.
23.11.2014
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Das Wetter meinte es gut mit den Einsatzkräften. Die Übung fand an einem ungewöhnlich warmen Novembertag statt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eines der fast zehn Schilder, die im weiten Umkreis aufgestellt sind. Es verrät, um was es sich handelt bei der angenommenen Seuche: die afrikanische Schweinepest, die bereits Osteuropa erreicht hat.© Foto: Sylvia vom Hofe
Vor der Turnhalle parkt bereits der Einsatzwagen des DRK, das weitgehend für das leibliche Wohl der vielen unterschiedlichen Helfer tätig ist. Autos des Katastrophenschutzes, der Feuerwehr und weiterer Organisationen werden folgen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der laut Katastrophenszenario betroffene Hof Schulze-Gahmen an der Selmer Landstraße: Von hier aus ist es nur ein Katzensprung bis in den Kreis Coesfeld. Die Zahl der zu kontaktierenden Behörden wächst damit.© Foto: Sylvia vom Hofe
Für uns macht das strenge Sicherheitspersonal, das die Eingangstür zur Kreissporthalle bewacht, doch noch eine Ausnahme und gewährt Eintritt - allerdings erst nach Rücksprache mitr der Einsatzleitung. Der Blick ins Innere zeigt das mobile Operationszentrum mit Verwaltungsmitarbeitern verschiedenster Fachbereiche.© Foto: Sylvia vom Hofe
Es ist erst kurz nach 7 Uhr, doch die Mitarbeiter sind bereits hochkonzentriert. Es gilt schließlich eine Großlage zu bewältigen, wie es sie im Kreis- zum Glück - noch nie gab.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Kreissporthalle an der Platanenallee in Unna: Von außen sieht sie aus wie immer, dabei ist am Samstagmorgen dort ein Krisenzentrum eingezogen, um die Folgen derafrikanischen Schweinepest zu beherrschen.
Kurz vor 14 Uhr trifft der Herr des Einsatzes, Landrat Makiolla, ein.
Die Pressekonferenz beginnt: Was im Ernstfall verboten wäre, ist jetzt möglich, der Besuch des Hofes.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Feuerwehr aus Werne ist mit 15 Männern im Einsatz.© Foto: Sylvia vom Hofe
Erstmals im Einsatz: die neue Desinfektionsstraße der Kreisfeuerwehr.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Männer in Weiß haben gut Lachen: Die Metzger brauchten die Tiere nicht zu töten. Schließlich handelt es sich nur um eine Übung.© Foto: Sylvia vom Hofe
In Edelstahlcontainern würden die toten Schweine ihre letzte Reise antreten - zur Tierkörperverwertungsanstalt in Lünen. Dort würden sie so lange gekocht, bis alle Keime getötet sind.© Foto: Sylvia vom Hofe
Lagebesprechung auf dem Hof sieben Stunden nach der Alarmierung.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit dieser Zange werden die zuvor betäubten Schweine getötet - wenn sie denn wirklich krank wären.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Desinfektionsmittel kommt zum Einsatz: Ameisensäure.
Die neue Desinfektionsstraße des Kreises hat Premiere.© Foto: Sylvia vom Hofe
In Schutzanzügen desinfizieren die Einsatzkräfte der Feuerwehr den LKW, der den Hof verlassen soll - laut Katastrophenszenario mit den Kadavern der ausnaßhmslos getöteten Schweinen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eine ganz besondere Autowäsche: Erst reinigen die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr das Fahrzeug, das im Fall der Fälle die toten Tiere wegfährt, dann desinfizieren sie es mit Schaum. Keime dürfen nicht den belasteten Hof verlassen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Sorgfalt ist gefragt, um die Ausbreitung der Seuche zu verhindern.© Foto: Sylvia vom Hofe
Zum Team des Veterinäramtes gehören sowohl Ärzte als auch andere Fachleute.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Fachwissen der Feuerwehr war gefragt, um die Schläuche schnell und passend zu verlegen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Bürgtermeister Lothar Christ (l.) und Feuerwehrchef Thomas Temmann sind mit dem Verlauf der Übung zufrieden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Iris und Werner Schulze Gahmen. Die beiden Hofbesitzer haben nicht gezögert, als der Kreis Unna sie fragte, ob sie ihren Hof für die Übung zur Verfügung stellen wollten - mit einer Bedingung: Den über 4000 Schweinen wird nicht nur keine Borste gekrümmt, der Zugang zu den Tieren bleibt auch verwehrt. Schließlich gelten auf dem Hof auch ohne Seuchengroßübung strenge Sicherheits- und Hygienestandards.© Foto: Sylvia vom Hofe
Landrat Makiolla (M.) bei einer ersten Manöverkritik. Nur in Details seien Verbesserungen nötig, "eigentlich hat alles gut geklappt".© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Desinfektionsstraße muss selbst gereinigt werden. Das Wasser wird aufgesaugt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit Wassersaugern sammeln die Einsatzkräfte das möglichweise kontaminierte Wasser auf.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit weißen Anzügen schützen sich die Einsatzkräfte vor Krankheitserregern - auch wenn die den Menschen nicht gefährlich werden können - und vor der ätzenden Desinfektionsmitteln.
Das Team des DRK versorgt die die Einsatzkräfte.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nach getaner Arbeit gibt es eine warme Suppe - aber ausgerechnet eine mit Schweinefleisch... Egal, schmeckt trotzdem.
Ulrich Peukmann, Kreisbrandmeister aus Schwerte© Foto: Sylvia vom Hofe
Die neue Einsatzeinheit hat sich bewährt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Reinhard Wienke, Fachberater des THW.© Foto: Sylvia vom Hofe
Schlagworte Werne

  Auf dem Hof selbst kommt die neue Desinfektionsstraße der Kreisfeuerwehr zum Einsatz: eine gelungene Premiere, wie Wernes Feuerwehrchef Thomas Temmann meint. Der Einsatz sei zwar „eigentlich keine große Sache, man muss es aber einfach Mal gemacht haben“: Plastikplanen ausrollen, Schläuche anschließen, Schutzkleidung anziehen. So müsse jedes Fahrzeug, das den betroffenen Hof verlassen soll (etwa um die getöteten Schweine zur Tierkörperbeseitigungsanstalt zu bringen), gereinigt werden.

  Wernes Bürgermeister Lothar Christ verfolgt ist zufrieden mit dem, was er am Samstag sieht: „Die Teams greifen gut ineinander“, sagt er. „Und das, obwohl sich die Leute zum Teil ja gar nicht kannten“, ergänzt Landrat Makiolla. Mit dem Ende der neunstündigen Übung am Samstag sei das Thema aber längst noch nicht erledigt. „Jetzt werden wir die Erfahrungen erst einmal in Ruhe auswerten“, bestätigt Übungsleiter Josef Merfels. Der Amtstierarzt schickt aber bereits voraus, „dass ich keine großen Kritikpunkte entdecken konnte“. Nur an Kleinigkeiten habe es hier und da gehapert: Die Tische im Krisenzentrum müssten etwa anders aufgestellt werden, um die Arbeitsabläufe zu verbessern.  

Alle 4000 Schweine auf dem Hof in #Werne leben noch, und die 60 Einsatzkräfte haben neue Erkenntnisse: Ein gutes Ergebnis beim #pesttest

— Sylvia Lüttich-Gür (@SylviaLeodica)

  Die Erfahrungen mit der Übung behält der Kreis Unna nicht für sich. Im Verbund mit 14 anderen Kreisen in NRW und Niedersachsen tauschen sich die Fachleute aus, um für den Fall gerüstet zu sein, der möglichst erst gar nicht eintreten soll. 

 

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