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Öl-Verschmutzung im Amtsvenn

Wie das Land weitere Katastrophen verhindern will

Gronau Eine doppelte Wand in den Rohren der unterirdisch lagernden Kavernen soll zukünftige Katastrophen wie den verheerenden Öl-Austritt im Amtsvenn verhindern. Bei anderen Kavernen sei das bereits Standard. Doch Experten warnen: Der Kavernenbetrieb birgt noch ganz andere Gefahren.

Wie das Land weitere Katastrophen verhindern will

Alarm im Amtsvenn: Am 12. April wurde auf einer Weide erstmals Öl entdeckt. Später trat an zwei weiteren Stellen Öl aus dem Boden.

Das "Bayou Corne Erdloch" hat

. Dort, im US-Bundesstaat Louisiana, kollabierte im August 2012 eine Salzkaverne, Hunderte Bewohner mussten ihre Häuser verlassen. "Bayou Corne ist die größte andauernde Industrie-Katastrophe, von der Sie noch nichts gehört haben", konstatierte Tim Murphy von "The Atlantic" vor etwas mehr als einem Jahr. Das Loch frisst sich immer weiter voran. Bilder, die in Deutschland undenkbar erscheinen - es aber nicht sind.

"Die geologischen Gegebenheiten sind hier nicht grundlegend anders als in den USA", sagt Ralf Krupp, Experte für Salzgeologie und Lagerstättenkunde. Riesige mit Öl gefüllte Kavernen lagern unter anderem auch in Gronau-Epe unter der Erde. Im Februar war es an der Kaverne S5 der Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen (SGW) zu einer der größten Umweltkatastrophen der jüngeren Geschichte NRWs gekommen.

Ein Leck blieb unbemerkt, der Druck in der Kaverne sank, Tausende Liter Öl traten aus und gelangte an die Oberfläche - wie viel genau ist bis heute unklar. "Eine Abschätzung, wie groß die ausgetretene Ölmenge ist, kann zur Zeit seriös nicht vorgenommen werden", teilt die Bergbehörde auf Anfrage mit. Nach Berechnungen des Naturschutzbundes BUND könnten aufgrund der gemessenen Druckverluste bis zu 300.000 Liter Öl im Boden stecken, von denen erst rund 37.000 Liter aufgefangen wurden. Kühe, die das verseuchte Wasser tranken, mussten gekeult werden, ein Landwirt seinen Hof verlassen. Tausende Tonnen verseuchter Boden wurden abgetragen. Der Gesamtschaden ist weiterhin unklar.

Ölfund im Amstvenn: Chronologie in Bildern

Alarm im Amtsvenn: Am 12. April wurde auf einer Weide erstmals Öl entdeckt. Später trat an zwei weiteren Stellen Öl aus dem Boden. Ein Landwirt stand mit seinen Gummistiefel in der schwarzen Masse, als er nach seinen Kühen schauen wollte.
Mehrere Kühe lagen auf dem Boden. Da die Tiere große Mengen Öl aufgenommen hatten, mussten sie notgeschlachtet werden.
Wassersperren in den umliegenden Gräben sollen seitdem verhindern, dass das Öl sich ausbreitet. Am vergangenem Donnerstag wurden jedoch erstmals Spuren von Öl im Grundwasser nachgewiesen.
Hinter ihrem Hof im Amtsvenn fanden Willi Sundermann und sein Sohn am Dienstag, 15. April, Öl - es war die die dritte Austrittsstelle. Dort kommt das Öl nach wie vor aus dem Boden, an den anderen beiden Fundstellen nicht mehr.
Auf einer Pressekonferenz in Gronau haben am Dienstag, 22. April, Friedrich Wilhelm Wagner (l.), Leiter der Abteilung Bergbau und Energie bei der Bezirksregierung Arnsberg, und der stellvertretende Regierungspräsident Volker Milk über die Ereignisse informiert. "Die Situation hat es so bisher in der ganzen Welt noch nicht gegeben", sagte Milk. Die Bezirksregierung ist als Bergabubehörde für die Überwachung und Genehmigung der unterirdischen Kavernenanlagen zuständig.
Dr. Kai Zwicker (l.), Landrat des Kreises Borken, zeigte sich besorgt über dem Ölaustritt. Dr. Manfred Inkmann, Geschäftsführer der Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen, die die Kavernenspeicher betreibt, entschuldigte sich bei den Betroffenen. "Es tut uns aufrichtig leid, was da passiert ist."
Diese Grafik zeigt, wie die unterirdische Kavernenanlage aufgebaut ist. An einer der drei unterirdischen Kavernenanlagen gab es bereits im Februar einen Druckabfall. Damals wurde die Kaverne nach Angaben von SGW-Geschäfstführer Dr. Manfred Inkmann intensiv geprüft und kein Schaden festgestellt. Nachdem aber eine nahe gelegene Pipeline als Ursache für den Ölaustritt im April mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen wurde, rückt die in über einem Kilometer Tiefe liegende Kaverne wieder in den Fokus der Ursachenforschung.
Nachdem Ölfunden haben die Arbeiter vor Ort über tausend Tonnen Erdreich abgetragen.
Auch zahlreiche Fernsehsender aus ganz Deutschland berichten über die Ölkatastrophe im Amtsvenn, einem kleinen Landstrich im westlichen Münsterland, direkt an der Grenze zu den Niederlanden.
Mit einem Messgerät wird von den Arbeitern in der gesamten Umgebung dauerhaft der Benzolgehalt in der Luft überwacht. Wird der Grenzwert überstiegen, darf der Bereich nur unter Atemschutz betreten werden.
Die Familie Sundermann musste ihren Hof verlassen, nachdem auf einer angrenzenden Wiese erneut Öl aus dem Boden trat und ein hoher Benzolgehalt in der Luft gemessen wurde. "Die Gesundheit der Familie war nicht mehr zu gewährleisten", sagt Dr. Hans-Peter Jackelen, der als unabhängiger Gutachter für die Suche nach der Ursache zuständig ist.
Mittlerweile sind über 20 Fachfirmen an der Suche nach der Ursache für das Ölleck beteiligt.
Auch die zweite Stelle, an der Öl gefunden wurde, ist abgesperrt. Auf der Wasseroberfläche eines Tümpels, der in der Nähe liegt, wurde in der vergangenen Woche Öl entdeckt.
Busse halten vor dem Hof der Familie Sundermann nicht mehr, nachdem die Felder und Wirtschaftswege weiträumig abgesperrt wurden. Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma, die von der Salzgewinnungsgesellschaft auf Anraten des Gronauer Ordnungsamtes beauftragt wurde, versagen die Durchfahrt. "Wir machen sonst alles: Türsteher, Absperrungen und Personenschutz", sagt ein Mitarbeiter.
Die Arbeiter, die  in der Nähe der Stellen arbeiten, an denen Öl ausgetreten ist und immer noch austritt, dürfen den Bereich nur mit Sicherheitsanzügen und teilweise nur mit Atemschutz betreten.
Fahrzeuge einer Fachfirma saugen das Öl ab und entsorgen die klebrige Masse.
Auch das Privatfernsehen interessiert sich für das Schicksal der Familie Sundermann, die ihren Hof nach dem Ölfund auf einer angrenzenden Wiese verlassen musste.
An der Fundstelle hinter dem Hof der Familie Sundermann traten bis zum Wochenende 50 Liter Öl pro Stunde aus dem Boden. Der wurde zunächst abgetragen. Später haben die Arbeiter die Stelle wieder abgedichtet. Nun wird das Öl unterirdisch abgesaugt.
Auf den Feldern im Amtsvenn grasen zahlreiche Kühe. Viele Landwirte haben Angst um ihre Tiere und ihre Felder, vor allem, seitdem Ölspuren im Grundwasser nachgewiesen wurden.
Die Wirtschaftswege rund um das Gebiet sind weiträumig abgesperrt.
Die Salzgewinnungsgesellschaft hat auf einer Informationsveranstaltung die Anwohner in der vergangenen Woche über den Stand der Ursachenforschung informiert. Die Anwohner leben teilweise seit 40 Jahren über den riesigen unterirdischen Kavernenanlagen, in denen etwa 1,7 Millionen Kubikmeter Öl lagern. Bis zum 12. April ist das gut gegangen. Jetzt ist der Zorn der Menschen groß.
Die Salzgewinnungsgesellschaft hat auf einer Informationsveranstaltung über die Maßnahmen zur Schadensbegrenzung und Ursachenforschung informiert.
Der unabhängige Gutachter Dr. Hans-Peter Jackelen (l.) und der Geschäftsführer der Salgewinnungsgesellschaft, Dr. Manfred Inkmann, lieferten viele technische Details und warben um das Verständis der Anwohner. Die sagten, sie wollen Tatsachen.
Ein Landwirt hat am Freitag einen weiteren Ölfund am Rande eines Feldes gemeldet. Nach Untersuchungen stellte sich dieser aber als trübes Moorwasser heraus.
Auch am 16. Tag nach dem ersten Fund steht die Ursache für den Ölaustritt nicht fest. Am Freitag meldete die Bezirksregierung Arnsberg jedoch: "Es gibt erste Hinweise auf das Leck."
Mit diesem Gerät werden die Erdschichten untersucht. Am Montag soll mit anderem Gerät bis in etwa 220 Meter Tiefe gebohrt werden. Die Experten um den Gutachter Dr. Hans-Peter Jackelen wollen weitere Erkenntnisse über die Ursache des Ölaustritts gewinnen. Auch mögliche Wege des Öls aus der Tiefe an die Erdoberfläche sollen so nachvollziehbar werden. Zudem wird eine erneute Prüfung der Kavernenanlage vorbereitet. Dafür sollen weitere Unternehmen hinzugezogen werden.
Dieses Fahrzeug untersucht mit einem Lasergerät das Erdreich. Es ist das einzige in Deutschland. Ein zweites Fahrzeug dieser Art wurde Ende der vergangenen Woche aus den Niederlanden gebracht.
Anfang der Woche soll bis zur Tonschicht, die in etwa acht Metern Tiefe beginnt, eine Schutzwand eingelassen werden, die ein weiteres Ausbreiten des Öls im Grundwasser verhindern soll.

Der Grund für das Leck, der erst Wochen später gefunden werden konnte, war eine defekte Muffe an einer Rohrverbindung in 217 Metern Tiefe. Da lief die Anlage bereits wieder. Für Ralf Krupp ein Unding: "Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass man für einen Druckabfall keine Erklärung findet und trotzdem die Wiederaufnahme des Betriebs genehmigt", sagt Krupp.

Die zuständige Bergbehörde bei der Bezirksregierung Arnsberg erklärt: "Wir haben damals veranlasst, dass der Druck in der Kaverne soweit reduziert wurde, dass definitiv kein Öl mehr austreten konnte", sagt Andreas Nörthen, Sprecher der Bergbehörde. Um einem derartigen Vorfall künftig vorzubeugen, müssen die Rohre, durch die das Öl in die und aus der Kaverne gelangt, nun einen doppelwandigen Aufbau erhalten. "Alle bestehenden Kavernen müssen mit doppelwandigen Rohrsystemen und einem Lecküberwachungssystem versehen werden", erklärt Nörthen. So ist es bei Gaskavernen bereits üblich. Allerdings seien die Anforderungen noch nicht "rechtssicher umgesetzt". Trotzdem wolle die Behörde "diese Anforderungen künftig an die SGW als Betreiber der Ölkavernen stellen", so Nörthen.

Dass doppelwandige Rohre mehr Betriebssicherheit bringen würden, glaubt auch Ralf Krupp, schränkt aber ein: "Wir brauchen nicht nur neue Technik, sondern eine völlig neue Sicherheitskultur. Unsere bisherigen Vorstellungen zur Sicherheit von Kavernen sind nicht haltbar." Denn es gebe weitere Versagensszenarien: "Risse im Deckgebirge, Kavernen, die undicht werden oder gar einstürzen. Man kann von Glück sprechen, das in diesem Fall nur ein Rohr defekt war", so Krupp. So zynisch das klingt.

GRAES/EPE Die Ölkrise bescherte den Deutschen im Herbst 1973 autofreie Sonntage - und dem Amtsvenn die Kavernenspeicher, in denen seitdem riesige Ölvorräte als Teil der nationalen Energiereserve lagern. Hermann Liemann war damals bei einer Informationsveranstaltung für Anwohner dabei. Im Video erinnert er sich.mehr...

Seiner Ansicht nach werde den Bauern im Amtsvenn "der Boden unter den Füßen weggesohlt." Denn die Vorstellung, man könne die Kavernen nach Betriebsende mit Salzlauge befüllen und dann mit einem Propfen abdichten, ist seiner Meinung nach nicht haltbar. "Die Sole kann an die Oberfläche gedrückt werden, das Grundwasser kann versalzen. Auch kann die Kaverne unter dem Druck einstürzen, was zu erheblichen Bodenabsenkungen führen würde.“

In Bayou Corne ist die Fläche, die sich das Erdloch mittlerweile zu eigen gemacht hat, mehr als zehn Hektar groß. Baum um Baum frisst sich das Loch weiter voran. 350 Bewohner mussten evakuiert werden und erhielten bis März 2014 fast neun Millionen Dollar Entschädigungszahlungen der Betreiberfirma. Im Amtsvenn ist bislang nur Familie Sundermann und ihr Bauernhof betroffen. Die Anwälte der SGW und der Familie verhandeln seit Wochen über eine Übernahme des Grundstücks.

Ölfund in Gronau: Die Suche nach dem Leck

Der ölverseuchte Boden wird derzeit im Naturschutzgebiet abgetragen.
Am 12. April war hier erstmals Öl auf einer Wiese gefunden worden.
Experten suchen mit schwerem Gerät nach dem Leck.
Einen Kilometer unter der Oberfläche befindet sich der Kavernenspeicher, in dem das Öl eingelagert ist.
Experten messen den Benzolgehalt in der Luft.
 Das Gelände ist weiträumig abgesperrt.
Der Schaden geht schon jetzt in die Millionenhöhe.
Die Experten untersuchen den Benzolgehalt in der Luft.
Die Bürger vor Ort sind verunsichert. Ein Bauer musste seinen Hof bislang verlassen.

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