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«Zentralorgan» der Linken: Das «Kursbuch» wird 50

Hamburg (dpa) Zu Hochzeiten der Studentenbewegung durfte das «Kursbuch» in keiner WG fehlen und erreichte Auflagen von 50 000 Exemplaren und mehr. Nach 50 Jahren ist es fast ein Wunder, dass es die Essaybände überhaupt noch gibt.

«Zentralorgan» der Linken: Das «Kursbuch» wird 50

Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger war in den Anfangsjahren einer der Herausgeber vom «Kursbuch». Foto: Andreas Gebert

Medium der Kritik, Standard-Buch im WG-Regal, «Zentralorgan» der Studentenbewegung - das «Kursbuch» hatte seine ganz große Zeit vor mehr als 40 Jahren. Die Essaybände mit geballter gesellschaftlicher Relevanz erreichten Auflagen von 50 000 und mehr Exemplaren.

Auch wenn die Reihe heute weit von solchen Zahlen entfernt ist: Es gibt das «Kursbuch» noch und die Herausgeber fragen in der mittlerweile 182. Ausgabe (10. Juni) selbstkritisch: «Das Kursbuch. Wozu?»

Seit 1965 kamen 2768 Texte mit insgesamt 34 674 Seiten zusammen. In den ersten Jahren war Hans-Magnus Enzensberger zusammen mit dem Missionarssohn und Essayisten Karl Markus Michel (1929-2000) der Herausgeber. Heute sind das Armin Nassehi und Peter Felixberger. Der Münchner Soziologe Nassehi sieht einen Wandel: «Das Kursbuch war mal eine Institution, die eine Art Gegenöffentlichkeit hergestellt hat. Das Kursbuch sollte Themen präsentieren, die in der Öffentlichkeit quasi totgeschwiegen wurden.»

Auch heute biete der Band, der viermal im Jahr erscheint, noch so etwas wie Gegenöffentlichkeit, sagte der Soziologe. «Aber nicht mehr in dem Sinne, dass wir eine linke Kritik der Gesellschaft machen. Wir versuchen, eine Art Perspektivendifferenz einzuüben, das heißt, unterschiedliche Sichtweisen, Fakultäten, Auffassungen zwischen zwei Buchdeckel zu bekommen.»

«Das Kursbuch war mal das Zentralorgan all derer, die einen anderen Blick wollten als die - wie man früher so sagte - bürgerliche Presse.» Auflagen von 50 000 erreiche man heute damit nicht mehr, ist Nassehi überzeugt. «Das ist auch nicht unser Ziel, und wir sind nicht so vermessen zu glauben, dass man heute wieder so etwas wie ein Zentralorgan haben kann.»

«Das Kursbuch ist heute sicherlich nicht mehr links, wenn man darunter versteht, einen klaren Hebel angeben zu wollen, wie man die Gesellschaft verändern kann», sagte Nassehi. «Wir suchen nicht nach Feinden. Früher hat man gedacht, das ist dieser Kapitalismus, dem man alles in die Schuhe schieben kann. So einfach sind die Dinge nicht.»

Über die Jahre wechselte das Kursbuch mehrmals den Verlag, etwa von Wagenbach zu Rowohlt. Enzensberger hatte sich bereits Mitte der 1970er Jahre aus dem Projekt zurückgezogen. 2008 stellte der Zeitverlag die Reihe mit der Nummer 169 ein. Begründung: sinkende Auflagen.

Seit 2012 hat das «Kursbuch» beim Hamburger Verlag Murmann eine neue verlegerische Heimat gefunden. «Die Sache trägt sich inzwischen selbst», sagte Nassehi. «Mehr kann man eigentlich nicht erwarten.» Die Auflage liegt zwischen 3000 und 4000, die Hälfte davon im Abonnement.

Man mache sich aber Gedanken über die Zukunft. «Ich nehme an, dass unsere Leserschaft nicht die allerjüngste ist.» Darum werde man in Zukunft darüber nachdenken müssen, sich mit dem Netz stärker anzufreunden. «Aber das müssen Kursbuch-Formate sein. Ein klassischer Blog wird es sicherlich nicht sein.»

Kursbuch-Seite

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