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Bolzplätze gehören seit dem Frühjahr zum Immateriellen Kulturerbe, haben für das Land NRW eine „überragende Bedeutung“. Trotzdem sind sie vom Aussterben bedroht.

Dortmund

, 01.07.2018 / Lesedauer: 4 min

Manchmal beginnen die größten Karrieren auf dem kleinsten Platz. Über Facebook erzählte uns Dawid Zukowski, wie er als kleiner Junge jeden Tag von morgens bis abends auf einem Körner Hinterhof gepöhlt hat. Mit dabei war ein Junge namens Marco Reus. „Jetzt spielt der kleine Marco die richtige WM“, erzählt Dawid Zukowski. So kann es gehen.


Das Beispiel Dortmund

Es muss halt nicht immer der perfekte Platz sein, um die ersten Schritte zum Fußballstar zu meistern. Heute gibt es in Dortmund beispielsweise 79 öffentliche Bolzplätze in städtischer Hand, berichtet Anke Widow für die Stadt. „Im Rahmen einer Qualitäts- und Gestaltungsoffensive werden gerade alle Bolzplatzanlagen an und auf öffentlichen Spielplätzen überprüft und neu vermessen“, berichtet Widow. Ziel sei es, die Qualität der Bolzplätze „zeitgemäß zu verbessern“. An der Bestandsaufnahme beteiligt die Stadt Dortmund auch externe Experten. Danach werde in jedem Einzelfall entschieden, wie man weiter vorgehen wolle und das im Jahr 2019 auch in den Bezirksvertretungen sowie im Kinder-, Jugend- und Familienausschuss beraten.

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Drei Ecken ein Elfmeter

„Ja klar, habe ich früher auf Bolzplätzen gespielt“, erzählt Heinz Hilgers (70). Er ist seit 1993 ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. „Wir hatten eigentlich gar keinen richtigen Platz mit Toren oder einem Zaun. Damals vor 60 Jahren gab es in meiner Heimat Pferde- und Kuhwiesen, da haben wir auf einer Wiese gekickt. Pullover waren die Torpfosten und bei drei Ecken gab‘s einen Elfmeter. Ab und an landete mal jemand in einem Kuhfladen, aber das gehörte dazu“, sagt er.

Das Lärm-Problem

Diese Zeit sei – leider – längst vorbei. In den vergangenen Jahren gerieten Bolzplätze überall im Land unter Beschuss. Zunächst durch die Lärmschutzverordnung. Anwohner klagten wegen Lärmbelästigungen. Mal verschwand ein Bolzplatz ganz, mal wurden die Nutzungszeiten abends und am Wochenende so eingeschränkt, dass Kinder gerade dann, wenn sie Zeit hatte, nicht mehr kicken durften. Vor einem Jahr trat dann eine neue Lärmschutzverordnung in Kraft: „Gott sei Dank wird jetzt Kinderlärm nicht länger als schlimmer als der Lärm von Autos und Flugzeugen eingestuft“, sagt Heinz Hilgers vom Kinderschutzbund.

Zwischen Kulturerbe und Ärger: Darum sind Bolzplätze vom Aussterben bedroht

Hier bolzten einst Kinder, heute ist das Tor zugesperrt, damit Tannen ungestört wachsen können und Nachbarn ihre Ruhe haben. © Breulmann

„Eine Schere im Kopf“

Aber es gibt noch ein anderes Urteil, das Bolzplätzen das Überleben schwer macht: das Eigentumsrecht. Im April 2015 entschied der Bundesgerichtshof, dass Mieter ihre Miete mindern dürfen, wenn sie sich durch Bolzplatz-Lärm belästigt fühlen. „Jetzt geht es nicht mehr nur um Lärmschutz, sondern um den Schutz des Eigentums, und der ist durch Artikel 14 des Grundgesetzes geschützt“, sagt Hilgers.

Die Folgen dieses Urteils seien fatal, da die Planungsbehörden ebenso wie die Politiker in den Ausschüssen und Räten der Städte und Gemeinden schon im vorauseilendem Gehorsam bei der Stadtplanung handelten: „Die wissen genau, dass es zu dem Thema Gerichtsurteile gibt und haben daher schon eine Schere im Kopf, wenn es um Spiel- und Bolzplätze geht.“ Dabei müsse man sehen: „Vor Gericht landet nur einer von tausend Fällen.“ In 999 von 1000 Fällen komme es erst gar nicht zu einer gerichtlichen Entscheidung, weil schon im Vorfeld gegen die Kinder entschieden werde.


Die UN und die Kinderrechte

Zwar gibt es die UN-Kinderrechtskonvention, die auch von Deutschland anerkannt wird. Darin heißt es: „Es ist Pflicht und Aufgabe aller deutschen Behörden und Gerichte, dem Vorrang des Kindeswohls Geltung zu verschaffen, indem sie ihre Entscheidungspraxis an Abwägungs- und Begründungserfordernissen der Konvention ausrichten.“ Aber die habe – anders als das Eigentumsrecht – keinen Verfassungsrang, sagt Hilgers: „Und daher ist die Abwägung immer unfair, fällt zulasten der Kinder aus.“

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Vor dem Fußballmuseum in Dortmund steht ein Mini-Bolzplatz. Das Fußballmuseum war die treibende Kraft dafür, dass Bolzplätze zum Kulturerbe erklärt wurden. © Breulmann

Hoffnung aufs Grundgesetz

Hilgers setzt auf die neue Bundesregierung. Die habe nämlich im Koalitionsvertrag festgeschrieben, dass Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollen. Dort heißt es: „Wir werden Kinderrechte im Grundgesetz ausdrücklich verankern. Kinder sind Grundrechtsträger, ihre Rechte haben für uns Verfassungsrang. Wir werden ein Kindergrundrecht schaffen. Über die genaue Ausgestaltung sollen Bund und Länder in einer neuen gemeinsamen Arbeitsgruppe beraten und bis spätestens Ende 2019 einen Vorschlag vorlegen.“ Hilgers: „Das wäre ein entscheidender Schritt.“

Das Land und die Bolzplätze

Die Zahl der Bolzplätze in Nordrhein-Westfalen werde statistisch nicht erfasst, sagte Matthias Kowalski von der Staatskanzlei in Düsseldorf auf Anfrage. Es sei jedoch klar, dass Bolzplätze für das Land „von herausragendem Wert“ seien. Das sei nicht nur durch die Einstufung der Bolzplätze als Immaterielles Kulturerbe deutlich geworden.

Man werde sich auf Bundesebene auch „für eine Erweiterung der privilegierten Orte von Kinderlärm“ einsetzen. Im Übrigen verweist Kowalski auf das Kinder- und Jugendförderungsgesetz. Darin sei festgelegt, dass Kinder und Jugendliche auch bei Maßnahmen bei der Wohnumfeld- und Verkehrsplanung, der bedarfsgerechten Anlage und Unterhaltung von Spielflächen „in angemessener Weise“ beteiligt werden.