Malerin Carmen Herrera ist mit 102 Jahren plötzlich ein Star

Ausstellung

Erst mit 89 wurde Carmen Herrera als Malerin entdeckt. Nun widmet die Kunstsammlung NRW in Düsseldorf der hochbetagten Künstlerin die größte Werkschau ihres Lebens.

Düsseldorf

, 30.11.2017, 17:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Zeitlos modern und berückend inszeniert: ein Blick in die Düsseldorfer Herrera-Ausstellung Foto Kukulies/Kunstsmmlung NRW

Zeitlos modern und berückend inszeniert: ein Blick in die Düsseldorfer Herrera-Ausstellung Foto Kukulies/Kunstsmmlung NRW

Die Zeit ist an ihrem Werk vorbeigeeilt. Dabei war die kubanisch-amerikanische Malerin Carmen Herrera als frühe Verfechterin der amerikanischen Farbfeld-Malerei eine Pionierin. Erst mit 89 wurde sie als Künstlerin entdeckt. Mit ihrer ersten großen Werkschau in Europa, der umfangreichsten ihres langen Lebens, erfährt die 102-Jährige nun in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf späte Genugtuung.

Die Bilder springen ins Auge

Unter dem Titel „Lines of Sight“ (Sichtlinien) springen ihre Bilder ins Auge. Scharfkantig prallen Flächen in extraordinären, pikanten Farben aufeinander. So radikal die 1915 in Havanna als Tochter einer Redakteurin und eines Zeitungsverlegers geborene Künstlerin ihre Bildsprache reduziert hat, so beharrlich behaupten ihre oft großformatigen Arbeiten ihr Geheimnis: Stets bleibt unklar, welche Farbe die andere überlappt.

 Carmen Herrera ist inzwischen 102 Jahre alt. Entdeckt wurde die kubanisch-amerikanische Malerin erst im Alter von 89. Foto dpa

Carmen Herrera ist inzwischen 102 Jahre alt. Entdeckt wurde die kubanisch-amerikanische Malerin erst im Alter von 89. Foto dpa © dpa

Noch heute lebt sie in ihrem kleinen New Yorker Apartment in Downtown Manhattan, wo sie seit ihrer Rückkehr aus Paris 1954 einzog. Inzwischen greift sie auf einen Assistenten zurück, der die Farbflächen abklebt. In ihrem im Frühjahr entstandenen jüngsten Bild „Verde de Noche“ (Das Grün der Nacht) vibrieren diagonale grüne Streifen und das tiefe Blau dazwischen. Einen großen Bogen schlägt die chronologisch gehängte, berückend inszenierte Düsseldorfer Ausstellung mit 70 Arbeiten aus sieben Jahrzehnten.

Ab 1948 lebte sie mit ihrem Mann in Paris

In Paris, wo sie ab 1948 mit ihrem amerikanischen Mann, einem deutschstämmigen Englischlehrer, lebte, löste sich Carmen Herrera von der lyrischen Abstraktion. Sie fand zum abstrakten Expressionismus tanzender geometrischer Formen. Ein lateinamerikanisches Gepräge zeichnet ihre mit Sand versetzten feinen Farbmischungen auf grobem Sackleinen aus.

Ab 1952 entstehen raffinierte Streifenbilder in Schwarzweiß, die entfernt an Vasarelys Op Art erinnern und doch nur eine konsequente Etappe auf dem Weg zu schlackenlos reduzierten Farbfeld-Studien sind. In ihrem Zyklus „Blanco y Verde“ (Weiß und Grün) sind sogar die grünen geometrischen Formen in der weißen Fläche radikal zurückgenommen.

Farbige Sperrholz-Skulpturen dringen in den Raum vor

Mit den „Estructuras“, den farbigen Sperrholz-Skulpturen, dringen die Formverschiebungen in den Raum vor. Und in ihrem siebenteiligen Zyklus „Days oft the Week“ scheinen Farben, die den Rahmen einbeziehen, wie Faltungen in die Fläche zu ragen.

Der neuen Direktorin der NRW-Kunstsammlung, Susanne Gaensheimer, ist mit der vom New Yorker Whitney Museum übernommenen und um ein Viertel erweiterten Ausstellung zum Start ein Paukenschlag gelungen.

Kunstsammlung NRW Düsseldorf: „Carmen Herrera – Lines of Sight“, Eröffnung am Freitag,1.12, 19 Uhr, bis 8.4.2018, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr, am 1. Mittwoch im Monat bis 22 Uhr, Katalog 36 Euro.
Herrera ist nicht die einzige Künstler-Seniorin auf Erfolgskurs. Auf der documenta und der Biennale Venedig wurde die Rumänin Geta Bratescu gefeiert – sie ist 91. Der deutsche Konzeptkünstler Franz Erhard Walther (78) wurde in Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet - für seine „radikalen“ Werke.
Der Berliner Galerist Juerg Judin sieht hinter dem Erfolg auch Marktinteressen. Die Neuauflage eines Künstlers sei weniger risikoreich, als einen jungen Künstler neu zu lancieren.
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