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Als bei Dennis Nocke (35) vor einigen Jahren der Kauf eines neuen Fahrzeugs anstand, gab es gute Gründe für einen Diesel. Jetzt hat er wie viele andere ein Problem.

Olfen

, 04.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Die Liste der Argumente gegen ein Dieselfahrzeug wird fast täglich länger. In immer mehr Städten gibt es bereits Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge oder sind angekündigt. Wer auf echte Hilfe der Hersteller oder Politik hofft, kann lange warten. Oder soll tief in die Tasche greifen. Wie Dennis Nocke. Beim Servicetermin hatte ihm die Werkstatt den Vorschlag gemacht, seinen Euro 4-Diesel gegen ein Neufahrzeug zu tauschen und damit von der Prämie des Herstellers zu profitieren.

„Eigentlich hatte ich mir noch keine Gedanken dazu gemacht, denn mein acht Jahre alter Ford Kuga hat zwar rund 180.000 Kilometer gelaufen, ist aber gut in Schuss“, sagt Nocke. Angesichts der sich zuspitzenden Situation hat er sich aber ein Angebot machen lassen. Besser gesagt, mehrere Rechenbeispiele erstellen lassen: Zahlenwerke mit vielen Variablen. Wer in Bochum, Köln, Düsseldorf oder einer Stadt mit stark belasteter Luftqualität wohnt, bekommt beim Kauf eines neuen Fahrzeugs eine ganz besonders hohe finanzielle Förderung. Olfen gehört – wie alle Städten und Gemeinden im Kreis Coesfeld – nicht zu diesen Regionen. Pech gehabt. Unabhängig davon, ob die Autofahrer in die „Schwerpunkt-Regionen“ fahren wollen oder müssen.

Bewusst für einen Diesel mit großer Zugkraft entschieden

Für alle alten Diesel gelten zwar die Fahrverbote. Beim Neuwagenkauf gibt es jedoch für Dieselfahrer „vom Land“ andere und damit schlechtere Förderbedingungen als für die Bewohner der 14 Schwerpunktregionen. Für Dennis Nocke könnte das schnell zu einem wirtschaftlichen Problem werden. Neben seinem Beruf als Soldat mit Arbeitsplatz in Ahlen und damit rund 100 Kilometer Fahrtweg am Tag betreibt Nocke die mobile Cocktailbar Shaketime. „Dafür benötige ich einen Wagen mit hoher Anhänger-Zugkraft.“ Deshalb habe er sich seinerzeit beim Kauf des Kuga für einen Diesel entschieden. Und deshalb sei aus seiner Sicht das auch heute noch die bessere Motoren-Lösung. Doch ein Tausch Neu gegen Alt ist eine höchst komplizierte Angelegenheit.

Dennis Nocke steckt wie viele Bürger auf dem Land in der Dieselskandal-Falle

Gerade die Fahrer von Euro 5-Diesel haben es schwer, die Prämien sind meist niedriger als bei Euro 4-Diesel-PKW. Doch die Händler wollen auch Euro 5-Diesel nur mit hohen Rabatten ankaufen. © picture alliance/dpa

Es gibt nicht nur erhebliche Förderunterschiede zwischen Schwerpunkt- und anderen Regionen, sondern auch unter den Herstellern. Und es geht noch komplizierter. Die Hersteller zahlen für unterschiedliche Modelle unterschiedliche Prämien beim Neuwagenkauf. Wenn sie überhaupt das Altfahrzeug in Zahlung nehmen. Matthias Schallenberg, Verkäufer bei Kia Tuschmann in Selm, spricht von einer insgesamt „erbärmlichen Situation“. Die Nachfrage nach Diesel-Autos sei extrem gering, „obwohl Kia moderne 6d-Temp-Motoren anbietet.“ Noch viel schwieriger sei es, Euro 4- oder auch Euro 5-Diesel zu verkaufen. Der Preisverfall sei enorm. „Ich stelle mir die alten Dieselfahrzeuge deshalb nicht auf den Hof“, sagt Matthias Schallenberg. In Gesprächen mit Aufkäufern habe er festgestellt, dass auch sie nur noch Top-Diesel-Altfahrzeuge nehmen.

Preise für Euro 5-Diesel sind derzeit im Keller

Ähnlich beurteilt Michael Wille von Opel Rüschkamp die Situation. „Es ist eindeutig so, dass Besitzer von Euro 5-Dieseln mit Abschlägen rechnen müssen.“ Allerdings sei jedes Fahrzeug individuell zu betrachten. Je weiter sich der Besitzer im ländlichen Raum befinde, desto geringer sei der Wertverlust. Wille warnt deshalb vor Panikmache. „Jeder sollte sich fragen, wo setze ich meinen Diesel ein.“ Wer mit Blick auf drohende Fahrverbote in Nachbargroßstädte wie Dortmund oder Münster auf ein sauberes Fahrzeug umsteigen will, muss sich auf schwierige Verkaufsgespräche einstellen. Die Preise für gebrauchte Dieselfahrzeuge sind tief im Keller. Die Prämie gleicht, so das Ergebnis einer nicht repräsentativen Stichprobe bei verschiedenen Autohäusern, nicht den deutlich höheren Wertverlust aus.

Wer angesichts dieser finanziellen Rahmenbedingungen im Kreis Coesfeld seinen Diesel behält, muss zumindest aktuell keine Probleme befürchten. „Seitens der Straßenverkehrsbehörde sind keine oberhalb von geltenden Grenzwerten erhöhten Stickoxid-Belastungen bekannt. Insofern sind im Kreis Coesfeld absehbar keine Fahrverbote zu erwarten“, sagt Kreispressesprecher Christoph Hüsing. Sollte sich die Situation allerdings ändern, haben viele Autobesitzer in der Region ein dickes Problem. Die 219.019 Bürger im Kreis (Stand Dezember 2016) haben aktuell 138.395 Autos zugelassenen. Von diesen Autos haben 63.840 die Schadstoffklasse 1 bis 4, weitere 40.180 die Schadstoffklasse Euro 5. Und weil viele Bürger Tag für Tag in die großen Städte auspendeln, ist der Umtauschdruck riesig. Die Rechnung gilt noch immer: Großes Angebot (an alten Dieseln) und geringe Nachfrage gleich niedrige Preise. Ohne namentlich genannt werden zu wollen, räumen Verkäufer ein, dass selbst hohe Hersteller-Prämien den zusätzlichen Wertverlust nicht annähernd ausgleichen. Wer aber wechseln muss, zahlt kräftig drauf. Es sei denn, er befindet sich in einer Ausnahmesituation.

Neue gesetzliche Regelung erfreut Dienstwagen-Besitzer

Glück haben die Menschen, die einen Dienstwagen fahren. Und deren Chefs sich in den nächsten Wochen und Monaten für die Neuanschaffung eines Elektro oder Hybrid-Fahrzeugs entscheiden. Nach der Entscheidung des Bundesrates vom 23. November werden Fahrer elektrisch angetriebener Dienstwagen und Hybridfahrzeuge deutlich entlastet: Bisher mussten sie die Privatnutzung mit einem Prozent des inländischen Listenpreises pro Kalendermonat versteuern. Für E-Autos, die nach dem 31. Dezember 2018 und vor dem 1. Januar 2022 angeschafft werden, sinkt dieser Wert nun auf 0,5 Prozent. Die Neuregelung gilt auch für extern aufladbare Hybridelektrofahrzeuge. „Eigentlich waren Dieselmotoren für Autos mit einer Laufleistung ab 20.000 Kilometer im Jahr prädestiniert, doch mit der neuen steuerlichen Regelung ist ein Plug-in-Hybrid eine echte Alternative zu Dieselfahrzeugen“, sagt Schallenberg. Der Automobilverkäufer ist überzeugt, dass gerade diese Regelung erneut die Preise für alte Diesel drücken wird. Nach seiner Einschätzung könnten deshalb die Diesel-Leasing-Rückläufer für Händler zum großen Problem werden.

Autofahrer wie Dennis Nocke müssen hingegen sehen, wie viel sie in ein sauberes Auto investierten wollen und auch können. Der Olfener hat es ausgerechnet. Ein neuer Ford mit ähnlicher Ausstattung wie sein jetziger Kuga würde trotz der höchst möglichen Prämie für ein anderes Modell bei einem Bruttopreis von rund 50.000 Euro das Budget der Familie mit kleinem Kind mit bis zu 500 Euro für die Finanzierung belasten. Monatlich. „Das alte Auto ist hingegen abbezahlt, ist in Ordnung und verursacht diese Kosten nicht.“ Allerdings stellt sich Nocke wie viele andere auch die Frage, was in den nächsten Monaten kommt. Ihn treibt die Frage um, welche Summe er investieren muss, wenn sich die Situation ändert und es keine Prämien der Hersteller mehr gibt. Wirklich Entwarnung gibt es von der Politik nämlich nicht. Im Gegenteil. Ihre Aussagen sind wenig konkret. Daran hat auch das Diesel-Treffen am Montag bei Kanzlerin Angela Merkel nichts geändert.

Politik setzt weiter auf das Prinzip Hoffnung

Der heimische Bundestagsabgeordnete Marc Henrichmann (CDU) sagt auf unsere Anfrage: „Wir stehen gerade in einem Flächenkreis auf der Seite der Menschen, die auf ihr Fahrzeug angewiesen sind. Der Bund tut nach wie vor alles, um Fahrverbote zu verhindern und trotzdem die Luftqualität weiter zu verbessern.“ Dieselfahrverbote sehe er kritisch – „sowohl im Hinblick auf den Nutzen für die Umwelt und Gesundheit als auch im Interesse der Autofahrer“. Die Position hilft den Autofahrern jedoch recht wenig, wenn Gerichte Fahrverbote anordnen und die Menschen nicht mehr in die entsprechenden Städte kommen oder über Abschnitt der Autobahn fahren können. Dennis Nocke ist allerdings nicht ganz außen vor. Seine Frau besitzt einen Wagen mit Benzin-Motor, sodass die Familie beweglich bleibt.

VW-Besitzer können juristisch ihr Glück versuchen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) klagt in Kooperation mit dem ADAC gegen die Volkswagen AG. Die Anmeldung zur Eintragung in das Klageregister in Sachen Volkswagen AG ist ab sofort möglich. Allerdings ist eine bindende Anmeldung nur möglich, wenn die Autofahrer ein vom Abgasskandal betroffenes Fahrzeug der Marken VW, Audi, Seat und Skoda mit Dieselmotoren des Typs EA189 (Hubraum: 1,2, 1,6, 2,0 Liter) gekauft haben. Die Hoffnung, ohne große finanziellen Verluste aus dem Dieselskandal herauszukommen, stirbt zuletzt. Dennis Nocke wird deshalb wohl vorerst seinen Diesel-Kuga behalten.

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