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Zweimal bedrohte ein Räuber Hannelore Westkämper im März in der Autobahn-Raststätte Lichtendorf-Nord. Sie gab ihm kein Geld. Nachtschicht und Kassendienst schafft sie seitdem nicht mehr.

Schwerte

, 24.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Das mulmige Gefühl meldete sich bei Hannelore Westkämper schon, wenn sie auf der Römerstraße nur auf die Abzweigung zur Autobahn-Raststätte Lichtendorf-Nord zusteuerte. Es steigerte sich mit jedem Meter, den sie dort dem Restaurant am Ende des großen Pkw-Parkplatzes näher kam. Während der Nachtschicht hinter dem Tresen war sie dort im März zweimal von einem bewaffneten Räuber überfallen worden. Die Beute war läppisch, verglichen mit dem psychischen Schaden beim Opfer.

Taschenmesser beeindruckte sie nicht

„Bis der dingfest gemacht war, hatte ich schon beim Einkaufen Schwierigkeiten, wenn ich nur eine offene Kasse gesehen habe“, berichtet die 63-Jährige. Dabei ist sie absolut keine schreckhafte Frau. Nicht bange machen konnte sie der Täter, als er am 10. März gegen 1.20 Uhr zum ersten Mal drohend neben ihr stand und Geld forderte. Aus seiner zur Faust geballten Hand schauten Klingenspitze und Knauf eines Taschenmessers heraus. „Das war für mich im Grunde genommen lachhaft“, sagt Hannelore Westkämper: „Das war Spielzeug.“ Aus der Tätigkeit ihres Mannes und eines Sohns, die beide als Metzger arbeiteten, war sie ganz andere Schneidewerkzeuge gewohnt.

Täter mit Stahlkappenschuhen getreten

Das drohende „Sonst tue ich dir weh“ konnte die Schwerterin nicht zum Öffnen der Kasse bewegen. Im Gegenteil: „Dann tue ich dir zuerst weh“, gab sie zurück. Und fing an, den Täter mit ihren Stahlkappenschuhen vor Knie und Schienbeine zu treten: „Ich wollte, aber höher kam ich nicht.“

Ganz allein war die Restaurant-Mitarbeiterin in dieser Nacht nicht in dem Objekt: „Die Nachtreiniger waren noch da.“ Sie drehte sich herum und schrie ihnen zu, die Polizei zu rufen. Die Kollegen – allesamt Syrer – wählten irrtümlich die Feuerwehr-Nummer, um dann dem Räuber hinterherzulaufen. Er war aber nicht mehr zu sehen: „Mitgenommen hat er ein Plexiglashäuschen mit der Trinkgeldkasse. Da waren im Höchstfall 30 Euro drin.“

Räuber war als Spielautomaten-Gast bekannt

Angst hatte Hannelore Westkämper vor dem Täter auch deshalb zunächst nicht gehabt, weil sie ihn eigentlich kannte: „Er kam öfter zum Spielen an den drei Spielautomaten.“ Auch an jenem 10. März war er gegen Mitternacht schon einmal dagewesen, dann aber zunächst wieder verschwunden. Als er mit dem Taschenmesser zurückkam, tischte er eine hanebüchene Geschichte auf: „Das Bundeskriminalamt sei hinter ihm her, der Führerschein weg, das Auto konfisziert.“ Er sei in Schwierigkeiten und brauche Geld.

Er drohte mit dem Schraubendreher

Hannelore Westkämper ließ das alles kalt. „Nach dem ersten Überfall bin ich auch sofort am nächsten Abend wieder zur Arbeit gegangen“, erzählt sie. Es habe ihr nichts ausgemacht. Das sollte sich eine Woche später, am 17. März, ändern. Die Schwerterin ist überzeugt, dass es wieder derselbe Mann war, der gegen 2.40 Uhr mit einer Kapuze auf dem Kopf erneut in der Raststätte auftauchte. Diesmal war sie nur noch allein dort, der Täter mit einem Schraubendreher bewaffnet: „Er stand neben mir und forderte, ich sollte die Kasse aufmachen.“ Denn die Mafia sei hinter ihm her und wollte ihm die Kehle durchschneiden.

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Die Beute lag nur bei rund 400 Euro

Als die Mitarbeiterin sich seiner Forderung verweigerte, hebelte er die Kasse auf: „Er hat ein paar Scheine rausgenommen, circa 400 Euro.“ Auch einen Schlüsselbund griff er, warf ihn auf der Flucht zunächst weg, um ihn dann wieder aufzuheben: „Scheiße, da sind doch meine Fingerabdrücke drauf.“ Dass die auch auf der Kasse klebten, bedachte er nicht, während er noch eine Dose Bier aus dem Regal griff und in Richtung Tankstelle türmte: „Er war also nicht mit dem Auto da und muss in der Ecke gewohnt haben.“

Alles passierte kurz vor der Rente

Die Drohung mit dem langen Schraubenzieher hinterließ ihre Wirkung. „Meine Hände gingen so“, sagt Hannelore Westkämper und ahmt das Zittern nach. Acht Wochen lang war sie krankgeschrieben, versuchte bei fünf Terminen bei einem Trauma-Psychologen, das Erlebte zu verarbeiten: „Man weiß ja nie, welche Spätfolgen das haben kann.“

Bis die Beklemmung nachließ, probierte die Schwerterin immer wieder den Weg zur Raststätte. Dort kann sie seitdem keine Nachtschicht und keinen Kassendienst mehr machen. Sie arbeitet nur noch in der Spülküche – bis zur Rente im November: „Dass mir sowas auf den letzten Metern noch passieren musste.“

Prozess beginnt am 19. September

  • Als mutmaßlichen Täter für die beiden Raubüberfälle ermittelte die Polizei einen 23-jährigen Dortmunder. Er befindet sich in Untersuchungshaft.
  • Der Prozess gegen ihn beginnt am Mittwoch, 19. September, um 9 Uhr vor der 32. Kammer des Landgerichts Dortmund, Kaiserstraße 34. Das berichtet Sprecher Christian Fastermann. Ein weiterer Termin ist für Mittwoch, 26. September, angesetzt.
  • Die Anklage lautet auf zwei Fälle schweren Raubes. Im Falle einer Verurteilung steht darauf in der Regel eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren.
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