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Der Abriss der Lutherschule hat am Montag begonnen, während im Amtshaus die Stimmen des Bürgerbegehrens geprüft wurden. Thorsten Sterk von Mehr Demokratie e.V. klärt, ob das erlaubt ist.

Selm

, 20.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Das Wetter hatte sich am frühen Montagnachmittag der Stimmung der Abriss-Gegner angepasst: trüb. Noch am Morgen hatten die Initiatoren des Bürgerbegehrens die Unterschriftenlisten im Amtshaus eingereicht. Der Abriss der Lutherschule ging dennoch ungehindert weiter.

„In der ersten Phase eines Bürgerbegehrens, also während der Unterschriftensammlung, gibt es keinen Bestandsschutz“, erklärt Thorsten Sterk, Pressesprecher von Mehr Demokratie NRW. Der Verein Mehr Demokratie setzt sich für die direkte Demokratie ein und berät unter anderem im Falle eines Bürgerbegehrens.

Solange Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt werden, tritt also noch keine Schutzwirkung für den Streitgegenstand ein. „Danach gibt es verschiedene Regelungen“, sagt Thorsten Sterk. Der Bestandsschutz trete entweder in dem Moment ein, in dem die Unterschriften zur Prüfung eingereicht werden oder, wenn die Zulässigkeit der Unterschriften geprüft wurde.

Erste Löcher klaffen in den Außenwänden

1750 Unterschriften sind für ein Bürgerbegehren notwendig. „Wir kommen auf 2053 Unterschriften“, sagt Marion Küpper. Gemeinsam mit Wilhelm Gryzcan-Wiese und Natalie Stefanski hat sie das Bürgerbegehren gegen den Abriss der Lutherschule initiiert. Als sie die Unterschriftenlisten am Montagmorgen an Georg Hillmeister übergaben, ging 3,5 Kilometer weiter der Abriss in die nächste Runde.

Die Fassade des hinteren Teils der Lutherschule war bereits am Wochenende gefallen. Am frühen Montagnachmittag klafften dann schon erste Löcher in den Außenwänden des Schulgebäudes. Der Bagger arbeitete sich immer weiter vor. Im vorderen Teil der Schule saßen Arbeiter in den Fenstern und entfernten Scheiben und Rahmen.

Erfolgschance des Bürgerbegehrens zur Lutherschule sinkt mit jedem Stein, der fällt

Am frühen Montagmorgen ging der Abriss des Gebäudes der ehemaligen Lutherschule an der Rückseite weiter. © Arndt Brede

Obwohl der Abriss in großen Schritten vorangeht, könnte er am Donnerstag, 23. August, ab 10 Uhr im Borker Feuerwehrhaus, Adenauer-Platz 7, noch einmal Thema werden. Wenn das Bürgerbegehren ausreichend gültige Unterschriften vorgelegt hat, muss sich der Stadtrat dann – vermutlich ab 13 Uhr –¨noch einmal mit der Lutherschule befassen. Es gelten nur Unterschriften von wahlberechtigten Selmer Bürgern. Georg Hillmeister, der die Stimmen auszählt, sagt, dass er schon einige habe aussortieren müssen.

Fraglich ist also nicht nur, ob bis Donnerstag noch genug von der Lutherschule steht, dass sich ein Begehr lohnt. Offen bleibt auch, ob es ausreichend gültige Stimmen gibt. „Nicht jedes Bürgerbegehren hat Erfolg“, sagt Thorsten Sterk von Mehr Demokratie e.V. . „Aber jedes sollte eine faire Chance haben.“

Der Verein Mehr Demokratie NRW registriert circa 35 bis 40 Bürgerbegehren pro Jahr in Nordrhein-Westfalen. „Seit 2011 ist es durch eine neue Gesetzgebung leichter geworden, ein Bürgerbegehren durchzuführen“, sagt Thorsten Sterk. Seitdem sei die Anzahl gestiegen.

Im vergangenen Jahr waren 50 Prozent der Bürgerbegehren in NRW von Erfolg gekrönt. Eine 50:50-Chance also für das Bürgerbegehren gegen den Abriss der Lutherschule. Und die sinkt mit jedem Stein, der aus dem Gebäude gerissen wird. „Normalerweise wird den Initiatoren immer genügend Zeit gelassen, um Unterschriften zu sammeln“, sagt Thorsten Sterk: „Selm ist da zum Glück eine Ausnahme – eine ärgerliche Ausnahme.“

Geschichte der Lutherschule begann vor 106 Jahren

Ende 2018 ist das Ende der Steinkohle-Ära in Deutschland besiegelt. Ein Relikt aus der Anfangszeit dieser Ära in Selm wird es dann wohl schon nicht mehr geben: die Mitte Juli 1912 bezogene Lutherschule.

Die Bevölkerungszahl war mit der Inbetriebnahme der Zeche im Jahr 1909 geradezu explodiert. Hatte die Statistik für 1905 gerade einmal 1762 Einwohner gezählt, waren es 1926 – dem Jahr, in dem die Zeche Herrmann wieder schloss – bereits 10.288. Unter den Neubürgern war eine wachsende Bevölkerungsgruppe, die bislang – von einigen Angestellten des Schlosses Cappenberg abgesehen – im Selm nicht vertreten war: evangelische Christinnen und Christen.

Erfolgschance des Bürgerbegehrens zur Lutherschule sinkt mit jedem Stein, der fällt

Mitte 1912 war die Lutherschule bezugsfertig. Die Postkarte zeigt das damals neu errichtete Gebäude in der neuen Kolonie. © Repro: Vom Hofe

Die Zahl der schulpflichtigen Kinder protestantischen Glaubens betrug 1910 54: Anlass für die Verantwortlichen, sie zu einer Schulklasse zusammen zu fassen. Der Unterricht fand zunächst in der Ludgerischule statt. Doch da wurde es schon bald zu eng, denn die Zahl der Klassen kletterte bald auf vier. Für sie entstand 1912 an der Schulstraße die Lutherschule. Dass ohne Luft nach oben geplant wurde, sollte sich schnell als Fehler erweisen. Denn bereits 1914 reichte das Platzangebot nicht mehr aus. Die Lutherschule erhielt einen Anbau: insgesamt Platz für acht Klassen. 16 Klassen mit evangelischen Kindern waren es aber bereits 1926. Um alle unterrichten zu können, ging die Hermannschule in den Verwaltungsräumen der in diesem Jahr geschlossenen Zeche Hermann in Betrieb.

Mit dem Abriss der Lutherschule gehe der Stadt nicht nur ein Stück sichtbarerer Geschichte, sondern auch Identität verloren, sagt der Selmer Künstler Heinz Cymontkowski. Seit den 1980er-Jahren dokumentiere er mit der Fotokamera, wie sich Selm verändert. In seinem umfangreichen Archiv finden sich Aufnahmen von Gebäuden, die lange das Stadtbild prägten und dann abgerissen wurden, ob altes Kino oder Josefskirche. „Leider sind es enorm viele“, sagt der Künstler.

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