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Ludger Maas (68) aus Selm war als Senior-Experte an einer chinesischen Berufsschule

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Als Senior-Experte war der Selmer Ludger Maas an einer chinesischen Berufsschule. Die Chinesen wollten damit Know-How aus Deutschland importieren. Das brachte Maas aber auch aus China mit.

von Mona Wellershoff

01.12.2018 / Lesedauer: 6 min

Die Suppe wird zum Schluss gegessen, auf ein Dessert wartet man vergebens. Spinnen und Skorpione gelten als Delikatesse und ein Alphabet gibt es nicht.

Die Rede ist von China, dem Reich der Mitte. Dem Land, dessen Wolkenkratzer sich scheinbar bis in die Unendlichkeit erstrecken. In ihrem gigantischen Schatten wirren Menschenmassen wie Ameisenscharen umher. Über dem geschäftigen, lärmenden Treiben liegt eine Wolke aus grauem Smog. Und mitten drin - Ludger Maas aus Selm.

Der 68-Jährige war als Senior-Experte knapp einen Monat über 8000 Kilometer von seiner Heimat entfernt, in einem Land, dessen Sprache ihm völlig fremd ist.

Perfektes Zusammenspiel

Seit 1983 gibt es den „Senior-Experten-Service“(SES). Er ist der größte deutsche Organisator für das Entsenden von pensionierten Experten und Expertinnen in Gebiete, in denen ihr Fachwissen benötigt wird.

Seit der Gründung gab es bereits über 45.000 Einsätze und nachdem Ludger Maas 2016 Rentner wurde, zählt auch er zu den über 12.000 Mitgliedern.

Für den ehemaligen Maschinenbauer und späteren Berufsschullehrer ist klar, er will im Ruhestand nicht bloß Däumchen drehen. Neben dem Engagement zur Flüchtlingshilfe arbeitet er also seit über zwei Jahren ehrenamtlich für den SES.

„Ich würde mich als sehr reiselustigen Menschen beschreiben“, erzählt Maas, „Ich liebe das Ausland.“ Damit und mit seiner langjährigen, beruflichen Erfahrung passt der Selmer perfekt in das Konzept der Organisation.

In Mexiko und Indonesien war er bereits als Senior-Experte unterwegs. Seine jüngste Reise führte ihn allerdings in ein Land, in dem ihm selbst seine weit gefächerten Sprachkenntnisse in Englisch und Spanisch nicht weiterhalfen.

Hindernis Sprache: „Ich konnte nirgendwo alleine hin.“

„Ich hatte erst Bedenken wegen der Sprache“, gibt Ludger Maas zu, als er die Anfrage für den Auftrag in China erhält. Allerdings ist es auch letzten Endes genau das, was ihn dazu bewegt, zuzusagen: „Was für mich die Riesenmotivation war: in ein Land fahren, dessen Sprache ich nicht kenne und dessen Kultur völlig anders ist, als alles, was ich bisher gesehen habe.“

So geht es also am 7. Oktober los. Von Frankfurt per Flugzeug nach Peking und von dort mit dem Zug in den Osten Chinas in die Provinz Henan.

Seine Verunsicherung bezüglich der Sprache bestätigt sich hier prompt: „Ich war kaum in der Lage, irgendwo alleine hinzufahren.“ Man habe ihm allerdings eine Übersetzerin an die Seite gestellt, die auch gleichzeitig Englischlehrerin am Kaifeng Technical Collage (technisches Berufskolleg Kaifeng) ist, seinem Reiseziel.

Maas zweifelt an seiner Aufgabe: „Was mache ich hier eigentlich?“

Diesem Berufskolleg mit rund 6000 Schülern soll der Senior-Experte bis zum 2. November mit seinen Erfahrungen helfen und dadurch den Unterricht verbessern.

Das scheint dem ehemaligen Lehrer jedoch zunächst ein Rätsel.

„Mein Gott, was machst du hier eigentlich?“, lässt die sehr fortschrittliche Ausstattung der Schule Maas an seiner Aufgabe zweifeln. „Das ist ja besser als in Deutschland.“

Zudem habe ihm vom ersten Augenblick an die unglaublich hohe Disziplin der Schüler imponiert. Erst später habe sich für den ehemaligen Lehrer herausgestellt, dass eben dieser Gehorsam Vor- aber auch Nachteile hat.

Ludger Maas beobachtet also genauer, um heraus zu finden, wo genau er denn jetzt helfen solle. Und er wird fündig: in der Schule herrsche laut Maas eine extrem strenge Hierarchie. Diese habe er allerdings so gut wie überall in China beobachten können.

Zum einen sei natürlich gut, wenn die Lehrer respektiert und geachtet werden, allerdings gehe die Disziplin so weit, dass die Schüler nur zuhören und der Lehrer 95 Prozent des Unterrichts ununterbrochen reden würde.

„Eine Diskussionskultur habe ich überhaupt nicht festgestellt“, sagt Maas. Dort läge das Problem. „Die Schüler kopieren etwas, aber denken nicht darüber nach.“

Vorhang auf für Maas „Theaterstück“

Und so beschließt der Lehrer eine Probeunterrichtsstunde zu geben, um seine Lehrmethoden vorzuführen. „Das war wie eine Theatervorstellung!“. Ludger Maas muss jetzt noch bei dem Gedanken daran lachen.

Zahlreiche Lehrer versammeln sich erwartungsvoll im Hintergrund, während sich der Senior-Experte erst einmal den fünf teilnehmenden Schülern widmet. Er gibt jedem die Hand und spricht ein wenig mit ihnen. „Das soll die Distanz vermindern“, erklärt er. Dann kommt der Weckruf, „Wake-Up-Call“, wie Ludger Maas ihn nennt. Es wird auf den Tisch gehauen, dann werden die Hände in die Luft gerissen und laut etwas gerufen. „Die Schüler werden dadurch aufgerüttelt und motiviert.“

Ludger Maas (68) aus Selm war als Senior-Experte an einer chinesischen Berufsschule

Ludger Maas ist die direkte Interaktion mit den Schülern sehr wichtig. © Ludger Maas

Dann beginnt der Hauptteil der Stunde: zwei Bögen in einen Flachdraht einführen lautet die Aufgabe, aber primär geht es dem Senior-Experten um die Kommunikation. Immer wieder fragt er die Schüler, was sie da gerade täten und vor allem warum. Ganz wichtig: aktiv und präsent sein, offene Fragen für die ganze Gruppe stellen. Das sei für die chinesischen Schüler etwas ganz Fremdes gewesen: „Sie sind es nicht gewohnt, dass jemand so viel fragt.“

Fazit: Das Konzept des Senior-Experten kommt an. „Sie haben mit Begeisterung mitgemacht, weil es etwas Besonderes war.“ Er habe viel positive Rückmeldung bekommen, sowohl von Schülern, als auch von Lehrern. Das gäbe dem Senior-Experten die Hoffnung, die Schule würde einige seiner Methoden auch längerfristig übernehmen.

„Deutschland wird im Bereich der Bildung abgehängt.“

Aber auch Deutschland könne von dem Bildungssystem der Chinesen noch etwas lernen. Der 68-Jährige sei von dem Wettbewerb, der innerhalb der Berufsfelder liefe, beeindruckt gewesen. Es habe zum Beispiel Wettkämpfe zwischen Mechanikern des ganzen Landes gegeben, um den Besten zu ermitteln. Er sehe in solch einem Vergleich nur Vorteile. Durch spezielle Förderung von besonders Begabten hätten diese bessere Chancen. Auch dem Arbeitsmarkt würde das zu Gute kommen. Deutschland werde laut Maas im Bereich der Bildung momentan abgehängt. „Bestenauslese im Sport ist unglaublich wichtig in Deutschland. Im Bereich der Berufe ist das hier aber kein Thema, das finde ich bedauernswert.“

Das Bewusstsein ist da, trotzdem schweigt man in China über Probleme.

Abgesehen von den schulischen, habe der Senior-Experte auch noch viele weitere Erfahrungen in dem fremden Land machen können.

Er habe China als „extrem modern, aber künstlich“ erlebt.

Die Art der Chinesen sei sehr verschlossen. „Man redet nicht gerne über Probleme“, stellt der Rentner fest. Das sei ihm besonders beim großen Problem Umweltschutz aufgefallen, mit welchem das Land unleugbar zu kämpfen habe. „Jeden Morgen lag eine dünne Staubschicht auf dem Boden“, verdeutlicht Maas das Problem. Als er versucht habe, mit den Chinesen zu reden, sei man ihm ausgewichen. Zwar sei das Bewusstsein da, man erwähne es aber nie.

Das Gleiche mit dem Thema Polizei, die überall extrem präsent sei: „Über die Polizei darf man gar nicht erst reden, das ist direkt wie ein Vorhang.“

Außerdem spiele die Hierarchie immer und überall eine entscheidende Rolle. Als das Kollegium zusammen essen geht, fällt Ludger Maas das besonders auf. Der „Unterste“ sitze am nächsten an der Tür. Zudem stelle man sicher, dass der Höhergestellte sein Glas beim Anstoßen auch immer etwas höher halte als der andere. Darauf werde besonders penibel geachtet. „Das ist ein Zeichen der Hochachtung und des Respekts“, erklärt der Rentner.

Von Dörfern, Weingärten, frischer Luft und Autos- das ist Deutschland durch die Augen der Chinesen.

Die Chinesen reduzieren Deutschland laut Ludger Maas vor allem auf eins: Autos. „Da herrscht der reinste Kapitalismus auf der Straße. Das Wertvollste ist das Auto, am liebsten aus Deutschland. Das ist fast wie eine Religion.“

Ein etwas weiter reichendes Bild haben ein paar seiner Kollegen aus dem Kaifeng Technical College. Sie waren schon einmal in Berlin. Die kleinen Dörfer, die Weingärten und vor allem die frische Luft sei ihnen in guter Erinnerung geblieben.

Ludger Maas läuft bald schon wieder durch die Straßen Chinas.

Zu Ende seines Besuchs ist für Ludger Maas eindeutig klar: „Ich bereue die Reise überhaupt nicht. Ich bin froh und glücklich, dass ich es gemacht habe, denn ich bin an Erfahrung reicher geworden.“

Doch damit ist es lange nicht getan. Ende November bekam der Senior-Experte den nächsten Anruf vom SES. Wieder soll es nach China gehen, dieses Mal in die Provinz Shandong ans Gelbe Meer. Das Projekt: Technologie an Computergesteuerten Werkzeugmaschinen in der beruflichen Ausbildung. Ludger Maas muss nicht lange überlegen: im Mai 2019 ist der 68-Jährige wieder unterwegs.

Was seine Frau davon hält, dass er so oft auf Reisen ist?- „Sie ist natürlich etwas traurig, aber freut sich auch total für mich. Wir telefonieren jeden Tag.“

Und nach all seinen interessanten Erfahrungen lautet das Fazit des Senior-Experten aus Selm: „Ich würde den Senior-Experten-Service auf jeden Fall weiterempfehlen.“

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