Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Zwölf Mädchen, acht Jungen: In der Kategorie sexuelle Gewalt führt der Kinderschutzbund 2017 für Selm so viele Fälle auf wie für keine andere Stadt. Alarmierend ist aber etwas anderes.

Selm

, 11.09.2018 / Lesedauer: 7 min

Werner Sell traut seinen Augen nicht, als er die Tabelle des Kinderschutzbundes zum ersten Mal sieht. Unter der Überschrift „Aufgliederung des Klientels auf Städte und Gemeinden im Kreis 2017“ stehen zwar nur nüchterne Zahlen, aber die haben es in sich, wie der aus Selm stammende Fraktionsvorsitzende der Linken im Kreistag meint. 99 Fälle von sexueller Gewalt sind dort kreisweit ausgewiesen, 20 davon allein in Selm. „Nicht einmal Lünen und Unna, die beide deutlich größer sind als Selm, haben so hohe Fallzahlen“, sagt Sell. „Was ist da nur bei uns los?“

Kinderschutzbund relativiert

Für Frank Zimmer, den Geschäftsführer des Kinderschutzbundes, ist zwar jeder Fall von Missbrauch einer zu viel. Aber Sells Sorge, Selm habe einen unrühmlichen Spitzenplatz, kann er dennoch nehmen. Denn die Zahlen zeigten nicht, dass in Selm etwas entsetzlich schlecht laufe, sondern im Gegenteil.

„Wir haben in Selm mehr Beratungsangebote als woanders, die auch gut angenommen werden“, sagt Zimmer. Daher gebe es auch mehr Beratungsfälle, die in der Statistik aufgeführt sind.

Das sei nicht die Gesamtzahlen der Übergriffe gegen Kinder - leider nicht. Wie der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes ist auch Wolfgang Strickstrock, der Leiter des Selmer Jugendamtes, davon überzeugt, dass dieser Wert deutlich höher liege. „Man muss von einer Dunkelziffer auszugehen, die uns nicht bezifferbar ist“, sagt er.

Polizei: Im ersten Halbjahr 2018 wurden schon zwei Selmer Kinder missbraucht

Die Kreispolizeibehörde geht ebenfalls von einer Dunkelziffer aus. Immerhin: Zwischen Januar und Juni 2018 sei es im Zuständigkeitsgebiet der Behörde (der gesamte Kreis Unna außer Lünen) bereits zu 75 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gekommen. „Sieben davon in Selm“, sagt Polizeisprecherin Vera Howanietz. Unter den Opfern in Selm seien zwei Kinder gewesen im Alter zwischen 6 und unter 14 Jahren. Genauer teilt das die Polizei nicht mit. Sechs Menschen aus Selm gehören zu den Tatverdächtigen.

„Der alltägliche Missbrauch ist der Skandal“ lautet der Titel einer bundesweiten Studie, die das Universitätsklinikums Ulm im Juni vorgelegt hatte. Danach ist fast jeder siebte Deutsche (13,9 Prozent) schon einmal Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Knapp ein Drittel gab an, in der Kindheit körperliche oder emotionale Gewalt erfahren zu haben. „In jeder Schulklasse ist mit etwa fünf Kindern zu rechnen, die von mindestens einer Misshandlungs- oder Vernachlässigungsform betroffen sind“, so Prof. Dr. Jörg Fegert, der die Studie verantwortet.

Im Haus Nienkamp Hilfe finden

Seit rund 20 Jahren sei der Kinderschutzbund vor Ort und stehe mit Rat und Tat zur Seite, wenn es um Gewalt, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gehe: „Erst 14-tägig in der Bücherei“, so Zimmer, „inzwischen wöchentlich im Haus Nienkamp 28“: jeden Mittwoch zwischen 10 und 17 Uhr.

Dieser Termin sei regelmäßig zwei bis drei Wochen im Voraus ausgebucht. Warum gerade in Selm das Beratungsangebot so gut ist? Zimmer lacht. „Das war eigentlich Zufall“, sagt er. Mechthild Unrast, die 2014 in Ruhestand gegangene Leiterin des Sozialen Dienstes, und er hätten sich kennengelernt und beide hätten die Idee gut gefunden, Beratung vor Ort durchzuführen. „So fing es damals an.“

„Der Bedarf an Hilfe ist viel größer“„Zu uns kommen Erzieherinnen und Erzieher aus Kitas, Ärztinnen und Ärzte, Kolleginen und Kollegen aus anderen Beratungsstellen, Eltern, andere Bezugspersonen und Jugendliche selbst“, sagt er.

Auch die Polizei vermittle Fälle

„Das ist ein Zeichen dafür, wie gut die Vernetzung in Selm ist.“ Nichts anderes zeige die hohe Zahl von 47 Beratungsfällen im Jahr 2017, darunter 20 wegen sexuellen Missbrauchs: ein Wert, der nahezu kontant sei, ergänzt er mit Blick auf die Statistik der Vorjahre. „2013 etwa hatten wir in Selm 19 Fälle von sexuellem Missbrauch: 13 Mädchen und sechs Jungen.“ Tatsächlich, da lässt der Kinderschutzbund-Geschäftsführer keinen Zweifel, sei die Zahl bestimmt höher - ebenso wie der Bedarf an Hilfe: „Aber mehr Fälle können ich und meine beiden Kolleginnen gar nicht bearbeiten.“ Da nicht abzusehen sei, dass der auf Spenden und öffentliche Zuwendungen angewiesene Verband sein Team für den Kreis Unna aufstocken könne, geht Zimmer davon aus, dass sich die Fallzahlen auch künftig nicht verändern werden. Die Gründe, warum das Expertenteam aus Pädagogen und Familientherapeuten gerufen wird, aber schon. Und das findet

Frank Zimmer durchaus alarmierend.

Zunehmend überfordert mit der Elternrolle

„Wir beobachten, dass immer mehr Eltern der Elternrolle nicht mehr gerecht werden“, sagt er. Das gehe als „Vernachlässigung“ in die Statistik ein. 2017 waren das 17 Beratungsfälle in Selm, kreisweit 80. Weil das nicht lebensbedrohlich sei würde diese Form der Gewalt gegen Kinder oft übersehen und unterschätzt. „Die Folgen sind aber immens. Da wird Mädchen und Jungen die Kindheit gestohlen.“ Zimmer nennt Beispiele.

„Mein Kind hat die ganze Nacht vorm Computer gesessen und gespielt. Ich weiß mir keinen Rat mehr.“ Das hätten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sorgentelefons „Nummer gegen Kummer“ regelmäßig zu hören bekommen - „vor fünf bis sieben Jahren“. Heute sei das anders, sagt Zimmer. „Heute rufen besorgte Kinder an und sagen, ihre Mama habe die ganze Nacht vorm Rechner gesessen und gespielt, gechattet oder sonst was. Sie sei davon so fertig, dass sie es wieder nicht geschafft habe, das Kind und seine Geschwister pünktlich zu wecken für den Schulbesuch.“

Wie Eltern ihre Kinder überfordern

Ob Medienkonsum oder Drogenkonsum der Eltern oder psychische Krankheiten: „Es sind plötzlich die Kinder, die die Verantwortung tragen sollen, was sie natürlich nicht können“, so Zimmer. „Es sind Kinder.“ Das würden ach Eltern vergessen, die ihre Tochter oder ihren Sohn zum Vertrauten all ihrer Ängste und Sorgen machten. Als Partner auf Augenhöhe der Eltern seien Kinder völlig überfordert. Das könne kleine Seelen langfristig schädigen.

Unverändert hoch: körperliche Gewalt

Neben sexueller Gewalt und Vernachlässigung gibt es die Kategorie körperliche Gewalt.

Immerhin: 74 Kinder kreisweit hat der Schutzbund deswegen betreut, acht aus Selm: fünf Mädchen und drei Jungen. Als Zimmer darüber spricht, ist der Ärger in seiner Stimme deutlich zu hören. „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Dieser Paragraf 1631 des Bürgerlichen Gesetzbuchs findet seiner Beobachtung nach viel zu wenig Beachtung. „Noch immer gucken viel zu viele weg, wenn ein Kind eine Backpfeife bekommt von den Eltern.“

„Widersprechen bei Backpfeifen“

Im Oktober 1986 hatte Zimmer zusammen mit Prof. Dr. Winfried Palmowski den Kinderschutzbund Unna gegründet zusammen mit Partnern wie den Jugendämtern, den Schulen, Kindergärten und Tageseinrichtungen der Kriminalpolizei weitere psychosoziale Einrichtungen im Kreisgebiet (. „Seitdem hat sich nichts geändert daran.“ Ein Klaps habe noch keinem Kind geschadet, werde nach wie vor gerne gesagt. Oder: „Das müssen die Eltern ja selber wissen.“ Selbst von Lehrern wisse er, denen mitunter die Hand ausrutsche, ohne dass das thematisiert werde. Zimmer appelliert, Zivilcourage zu zeigen und Betroffene anzusprechen und auf den Kinderschutzbund hinzuweisen: „Nicht, weil wir die Betroffenen bestrafen wollen, sondern weil wir ihnen Hilfen anbieten können - zum Beispiel Handlungsalternativen für Überlastungssituationen, die doch alle kennen, die selbst Kinder haben.“

„Nichts ist schlimmer als Weggucken“

Während Zimmer dazu ermutig, die Backpfeife, die ein Nachbar seinem Sohn gebe, direkt anzusprechen, rät er bei dem Verdacht sexuellen Missbrauchs von allzu offensivem Vorgehen ab. „Da sollte sich jeder erst Rat holen“ - etwa beim Kinderschutzbund oder beim Jugendamt. Denn ein unbedachtes Gespräch mit einer Familie - „da wird dann natürlich alles abgestritten“ könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass das betroffene Kind nur noch mehr unter Druck gesetzt würde. Aus Unsicherheit lieber wegzugucken und gar nichts zu tun sei aber das Allerschlimmste. „Das Kindeswohl geht über alles.“

In Grundschulen gegen Cybermobbing

Manchmal sind es auch Kinder, die das Kindeswohl anderer bedrohen. Frank Zimmer nennt nur ein Stichwort: Cybermobbing. 39 Fälle kreisweit hatte der Kinderschutzbund 2017 begleitet, sechs davon in Selm. Betroffen waren fünf Mädchen und ein Junge. Per WhatsApp eine fiese Bemerkung verschicken, Fotos oder Videos. Das sei schnell gemacht, weiß Zimmer.

„Alle lachen dann“ - bis auf die- oder denjenigen, der im Fokus dieses Spots steht. „Kinder sind nicht bösartig“, sagt der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes. Sie wüssten gar nicht, was sie da bei ihren Mitschülern anrichteten, wenn sie sie im Internet ärgerten, beleidigten und ausgrenzten. „Wir sprechen oft schon von Grundschülern.“ Manchmal kämen auch schon Kindergartenkinder mit Handys in die Einrichtung. Der Kinderschutzbund habe auf diese Entwicklung reagiert und biete gezielte Beratung an. „Eine Kollegin geht seit 2015 in Grundschulen.“ Auch die Selmer Schulen könnten sie anfordern: eine wichtige Prophylaxe.

Zu Gast im Selmer Ausschuss

Auch wenn die Befürchtung des Linken-Kreistagsmitglieds Werner Sell nicht zutrifft. „Ich bin froh, dass er sich dafür eingesetzt hat, dass ich in der nächsten Jugendhilfeausschusssitzung in Selm die Arbeit des Kinderschutzbundes vorstellen kann“, sagt Frank Zimmer. Je mehr sie publik werde, desto mehr sinke die Berührungsangst, sich selbst an ihn und seine Kolleginnen zu wenden. Oder an das Jugendamt. „Damit arbeiten wir in Selm sehr gut zusammen“, so Zimmer. Das Kompliment gibt Amtsleiter Wolfgang Strickstrock zurück. Er schätze die Fachkompetenz des Kinderschutzbundes. Er passe sich gut in das Netz der Hilfen an, die das Jugendamt geknüpft habe: ob soziale Gruppenarbeit in den Schulen, Schulsozialarbeit, ein Elterntreff, Kooperationen mit verschiedenen Fachdiensten oder Wissenstransfer innerhalb des Netzwerks frühe Hilfen.

Die Wirkung all dieser Maßnahmen? Strickstrock zuckt die Schulter. „Das lässt sich nicht beziffern, aber wir gehen deutlich davon aus, dass die Maßnahmen an der Zielgruppe ankommen und zumindest in einer deutlichen Häufigkeit greifen, um soziale Folgen und damit auch die Folgekosten zu vermeiden.“ Und um Kindern ihre Kindheit zu bewahren helfen.

So kommentiert Redakteurin Sylvia vom Hofe
Das geht uns alle an

Selm an der Spitze des Kreises, wenn es um Kindesmissbrauch geht? Gut, dass sich dieser böse Verdacht nicht bewahrheitet hat. Gut auch, dass es in Selm mehr Beratungsangebote gibt als anderswo und sie intensiv genutzt werden. Gut, dass das Selmer Jugendamt zusammen mit dem Kinderschutzbund ein enges Netz der Hilfen geknüpft hat für Kinder, Jugendliche, Eltern, Ärzte und Pädagogen. Doch obwohl das Wort jetzt gleich dreimal in Folge gefallen ist: Gut ist an dem Thema Kindesmissbrauch gar nichts.

Denn hinter jeder Fallzahl in der Statistik verbirgt sich eine menschliche Tragödie. Opfer sind die Jüngsten. Die, die unseres Schutzes besonders bedürfen. Die unsere Zukunft sind. Nichts mit diesem Thema zu tun zu haben, kann niemand behaupten. Denn gegen Kindeswohl wird in allen gesellschaftlichen Schichten verstoßen. Da ist schon viel getan, nicht wegzuschauen, sondern Partei zu ergreifen für die geschlagenen, drangsalierten, gedemütigten, vernachlässigten und missbrauchten Mädchen und Jungen.

  • Der Ausschuss für Jugendhilfe tagt am Donnerstag, 13. September, 17 Uhr, im Feuerwehrhaus Selm, Auf der Geist 2. Dort wird Frank Zimmer, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes, referieren. Interessierte sind willkommen.
  • Kontakt: Deutscher Kinderschutzbund Kreisverband Unna e.V. Märkische Straße 9, Unna, Tel. (02303)15901, E-Mail-Adresse: info@kinderschutzbund-kreisunna.de: Montag bis Donnerstag, 9 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr; Freitag, 9 bis 14 Uhr
  • Nummer gegen Kummer für Kinder- und Jugendliche: Tel. 0800 – 111 0 333
  • Elterntelefon: Tel. 0800 – 111 0 55
Lesen Sie jetzt