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Das erste Lebensjahr ihres Babys ist für Eltern spannend und oft kräftezehrend. Das Angebot „Wellcome“ gibt jungen Eltern in Selm seit zehn Jahren, was ihnen oft am meisten fehlt.

Selm

, 13.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Moritz und Felix liegen seelenruhig nebeneinander und schlafen. Der Schein trügt allerdings. Die erst wenige Wochen alten Zwillinge ruhen sich lediglich von der vergangenen Nacht aus, die deutlich kürzer ausfiel, als es ihrer Mutter lieb war. Was man den beiden Brüdern nicht anmerkt, klingt in der Stimme ihrer Mutter mit. Viel geschlafen habe sie nicht, sagt Christiane Bäumker. In diesen Momenten ist die 36-Jährige froh, dass sie auf die Unterstützung von Angelika Gosch setzen kann. Die 64-Jährige engagiert sich als Ehrenamtliche bei dem gemeinnützigen Angebot Wellcome, das junge Eltern während des ersten Lebensjahrs ihres Kindes unterstützt.

Das Angebot Wellcome feiert in Selm in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen. Organisiert wird es von der Familienbildungsstätte (FBS). Selm war die erste Stadt in Nordrhein-Westfalen, die das gemeinnützige Projekt übernahm. Es ist ein sogenanntes „Social Franchise“, das 2002 in Hamburg von der Sozialpädagogin Rose Volz-Schmidt gegründet wurde. Die Wellcome-Idee ist laut dem aktuellen Jahresbericht von 2017 mittlerweile in rund 14 Bundesländern sowie in Österreich und in der Schweiz aufgegriffen wurden. Insgesamt bestehe Wellcome aus 250 einzelnen Teams, heißt es in dem Bericht weiter.

Wellcome vermittelt keine Kindermädchen

Für die FBS in Selm koordiniert Heide-Marie Schmidt das Wellcome-Team, das zurzeit aus elf Ehrenamtlichen besteht. Jede Ehrenamtliche unterstützt dabei eine junge Familie für wenige Stunden an ein bis zwei Tagen pro Woche. Das Angebot ist zeitlich beschränkt: Eltern können es im ersten Lebensjahr ihres Kindes für wenige Euro pro Stunde in Anspruch nehmen. Ein Ersatz für die Tagesmutter oder ein Kindermädchen sei Wellcome auf keinen Fall, macht Heide-Marie Schmidt deutlich.

So entlastet „Wellcome“ junge Eltern während des ersten Lebensjahres ihres Kindes

Christiane Bäumkers Zwillingssöhne Moritz und Felix sind erst wenige Wochen alt. Die 36-Jährige ist froh, Hilfe von der Wellcome-Ehrenamtlichen Angelika Gosch zu bekommen. © Karim Laouari

Wie im Fall von Christiane Bäumker sind es ganz alltägliche Dinge, für die die ehrenamtliche Wellcome-Helferin Angelika Gosch durch ihre Unterstützung für Zeit zum Luftholen sorgt. Durch Zufall sei die 36-Jährige auf Wellcome aufmerksam geworden. Im Spielzeugladen bekam sie – da war sie noch schwanger mit den Zwillingen – den Hinweis, dass es Wellcome in Selm gibt. Schon die Schwangerschaft war für die junge Frau nicht leicht: Insgesamt sechsmal war sie im Krankenhaus, erzählt sie. „Und der große Bruder musste auch versorgt werden“, erzählt Christiane Bäumker. Die doppelte, beziehungsweise dreifache Belastung ist das, wobei Angelika Gosch der Familie einmal in der Woche für ein bis zwei Stunden hilft. Mit Felix und Moritz im Kinderwagen geht sie spazieren. Am Kanal oder am Ternscher See. Schöne Ecken gibt es in Selm und Umgebung genug. Die frische Luft in Kombination mit der Bewegung: „Das klappt eigentlich immer“, sagt die 64-Jährige, die sich seit neun Jahren bei Wellcome engagiert.

Christiane Bäumker gewinnt dadurch Zeit, die sie in der Regel ihrem ältesten Sohn widmet. Manchmal müsse die dreifache Mutter das Zeitfenster für liegen gebliebene Hausarbeit nutzen oder sich auch einfach nur ausruhen und neue Kraft tanken.

Hilfe ist nicht nur bei Schreibabys ratsam

Genau das ist besonders wichtig für junge Eltern, weiß die Sozialpädagogin und Psychotherapeutin Susanne Burow. Die 54-Jährige berät in der Hebammenpraxis von Annette Höning in Selm Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Dazu gehört unter anderem auch eine Schreibaby-Beratung. Als exzessives Schreien bezeichnet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Kinder, die „über längere Zeit (drei Wochen) an mehr als drei Tagen die Woche jeweils länger als drei Stunden schreit und quengelt“.

Exzessives Schreien sei ein Beispiel für eine extreme Belastung, mit der manche Eltern konfrontiert würden, sagt Susanne Burow. Die Psychotherapeutin ist aber zurückhaltend damit, den ausschlaggebenden Punkt dafür, sich Hilfe zu suchen, daran festzumachen, ob eine solche Regel erfüllt sei oder nicht. „Wenn Eltern sagen: ‚Ich kann nicht mehr‘, oder wenn eine Störung im Verhältnis zwischen Eltern und Kind entsteht, sollten sich Eltern Unterstützung holen“, rät die Expertin.

Denn im ersten Lebensjahr entwickelt sich nicht nur das Kind selbst, sondern auch die Bindung zu den Eltern. „Das erste Lebensjahr ist die Matrix für alle weiteren Beziehungen“, beschreibt Susanne Burow. Wer in dieser Zeit eine sichere Bindung zu seinen Eltern aufgebaut habe, sei auch in Beziehungen mit anderen Menschen sicher, erklärt sie weiter.

Hilfe anzunehmen, auch eine psychologische Beratung, sei dabei für viele Eltern heute längst nicht mehr eine so große Hürde wie vor einigen Jahrzehnten, weiß Susanne Burow. Sei der Gang zum Therapeuten früher eher mit Scham behaftet gewesen, so kämen heute viele Familien in ihre Beratung, die den entscheidenden Tipp im Gespräch mit Nachbarn oder Freunden bekommen hätten.

Was können Eltern also tun, um dieses so wichtige erste Jahr bestmöglich zu nutzen? „Es braucht Feingefühl, die Signale des Babys richtig zu deuten“, sagt die Psychotherapeutin. Und sie kann junge Eltern, die sich nach der Geburt ihres Kindes unsicher fühlen, beruhigen: Die Regungen eines Kindes immer richtig zu deuten sei nicht angeboren, das müsse sich mit der Zeit entwickeln. Grundlegend wichtig sei dabei, dass Eltern so erholt und ausgeruht wie möglich seien. „Die Batterien müssen aufgeladen sein“, sagt Susanne Burow. Eltern müssten Kraft tanken.

„Ich war am Anfang skeptisch“

Mit einem Baby, das das Leben seiner Eltern von einem Tag auf den anderen komplett umkrempelt, ist das aber nicht einfach. Deshalb seien Angebote wie Wellcome so wichtig für viele junge Eltern. Die Batterien wieder aufladen zu können, war auch für Elvira Schneider einer der Gründe, die Hilfe von Wellcome in Anspruch zu nehmen – sogar gleich zweimal. Ihr viertes und zuletzt ihr jüngstes Kind, Sohn Andrej David, hat sie ein- bis zweimal pro Woche in die fürsorglichen Hände der Wellcome-Ehrenamtlichen Mathilde Hiltrop gegeben. Auch hier stimmte die Chemie bei Mutter, Kindern und der Ehrenamtlichen auf Anhieb. Dabei gibt die 39-jährige Elvira Schneider zu: „Ich war am Anfang skeptisch.“ Heide-Marie Schmidt sagt, dass viele Mütter zuerst den Gedanken im Kopf hätten: „Ich gebe mein Kind einer fremden Frau.“ Elvira Schneider sei bei den ersten Terminen fast nur zu Hause gewesen, hätte Hausarbeit nachgeholt und das Handy immer in Griffweite gehabt.

Alltägliches wurde stressfreier

Schnell habe sich allerdings gezeigt, dass Mathilde Hiltrop ein wahrer Segen für die Familie und allen voran die junge Mutter war. So habe die 39-Jährige nicht nur vieles erledigen, sondern sich auch einfach ausruhen können. „Andrej hat in den ersten drei Monaten viel geweint“, erinnert sich Elvira Schneider. Nicht nur für die Eltern war das eine kräftezehrende Zeit – auch für Andrejs vier Geschwister im Alter von 17, 15, 13 und 6 Jahren. Alltägliche Dinge, wie Besuche beim Kinderarzt, seien durch die ehrenamtliche Hilfe stressfreier zu bewältigen gewesen, berichtet die Selmerin.

Jetzt, kurz nach Andrejs erstem Geburtstag, ist die gemeinsame Zeit von Familie Schneider und Mathilde Hiltrop zu Ende gegangen. Und für die Ehrenamtliche endet auch – vorerst – das Engagement für Wellcome. Sechs Jahre hat die 63-Jährige junge Paare in diesem wichtigen ersten Lebensjahr ihres Kindes unterstützt. Jetzt wird ihre Hilfe und Erfahrung woanders benötigt: Mathilde Hiltrop will jetzt ihre eigenen Kinder entlasten und mehr Zeit mit den Enkelkindern verbringen. Abbrechen werde der Kontakt zu Familie Schneider allerdings nicht. Dafür sei das Band zwischen Mathilfe Hiltrup und Familie Schneider in den vergangenen Jahren viel zu eng geworden, sagt die 63-Jährige.

Wellcome ist auf das Ehrenamt und Spenden angewiesen
  • Etwa 100 Familien haben in den zehn Jahren, in denen es Wellcome in Selm gibt, von dem Angebot profitiert, berichtet Heide-Marie Schmidt.
  • Wellcome finanziert sich über Spenden. 5000 bis 6000 Euro seien nötig, um das Angebot zu ermöglichen.
  • Vor zwei Jahren stand Wellcome in Selm wegen fehlender Spenden auf der Kippe. Nach Spendenaufrufen in der Öffentlichkeit konnte das Angebot aber erhalten werden.
  • Jede Ehrenamtliche betreut pro Jahr ein Kind.
  • Ehrenamtliche können alle Frauen im Alter von 18 bis 75 Jahre werden. Die Helferinnen sind versichert und nehmen an Fortbildungen teil, zum Beispiel Erste-Hilfe-Kursen für Kleinkinder.
  • Die Selmer Wellcome-Koordinatorin würde sich noch weitere Ehrenamtliche wünschen. Infos im Internet unter www.fbs-selm.de
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