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Der ehemalige Waffelino-Wirt hat gerade eine Haftstrafe abgesessen. Ein freier Mann ist er aber trotzdem nicht. Geht es nach der Staatsanwaltschaft, wird er das auch so schnell nicht werden.

Selm

, 18.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Die Nacht zum 5. August 2017 werden 21 Selmer nicht vergessen. Es hätte nicht viel gefehlt, und giftige Rauchgase hätten sie im Schlaf getötet: die Folge eines Feuers, das jemand gelegt hat, der sich am nächsten Morgen selbst als bemitleidenswertes Opfer präsentieren wird. Das glaubt zumindest die Staatsanwaltschaft Dortmund. Vor zwei Wochen hat Staatsanwalt Felix Giesenregen die Anklageschrift fertiggestellt. Sie hat es in sich.

Giesenregen wirft einem 31-jährigen Selmer nicht nur gefährliche Körperverletzung und schwere Brandstiftung vor, sondern auch versuchten Mord. Grundsätzlich könnte versuchter Mord – genauso wie der ausgeführte Mord – eine lebenslange Freiheitsstrafe nach sich ziehen. Egal, wie das Gericht entscheiden wird: Der Name des einstigen Cafés an der Kreisstraße 50 ist bereits jetzt fest verbunden mit einem der schwersten Kriminalfälle in der jüngeren Selmer Geschichte: Waffelino.

Kurz vor der Flucht gibt Familie Interview

Dazu haben nicht nur Habgier, Heimtücke und der Einsatz gemeingefährlicher Mittel gesorgt, wie es der Staatsanwalt dem 31-Jährigen unterstellt, der das Café zusammen mit seiner Lebensgefährtin betrieben hat, sondern auch eine besondere Dreistigkeit.

„Wir haben alles verloren.“ Das hatte der Angeklagte kurz nach dem verheerenden Brand und wenige Tage vor seiner Flucht in einem Interview mit den RN gesagt. Auf seinem Arm: das damals neun Monate alte Söhnchen, neben ihm die Lebensgefährtin: das Bild einer jungen Familie, der das Schicksal böse mitgespielt hat, wie es damals schien.

Erst ein schlimmer Kellerbrand in der Römerstraße, der ihren Hausrat zerstört, dann die zu frühe Niederkunft und der lebensbedrohliche Herzfehler des Babys, schließlich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten mit dem im Juni 2017 eröffneten Cafés, weil wegen des Kreisstraßenumbaus die Kunden ausbleiben. Der Brandanschlag auf das Waffelino sei der Höhepunkt einer dunklen Serie, sagen beide und lächeln traurig. In die Kamera schauen, will der Mann aber lieber nicht.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft endet jäh

Dieses Bild und ihre Geschichte lösen Mitleid und eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Selmer sammeln noch Spenden, da verschwindet die kleine Familie plötzlich. Zurück bleibt ein böser Verdacht. Sollte das Opfer am Ende der Täter sein?

Staatsanwalt Giesenregen ist davon fest überzeugt. Beweise, die Brandsachverständige der Polizei gesammelt haben, bestärken ihn darin.

Verhandlungsbeginn ist noch offen

Ob das Gericht das genauso sehen wird, bleibt abzuwarten. „Wann die Verhandlung beginnen wird, weiß ich noch gar nicht“, sagt der Staatsanwalt. Spätestens im Februar. Dann endet die Sechs-Monats-Frist für die Untersuchungshaft des Angeklagten, die er jetzt antreten musste. Im Gefängnis ist er aber schon seit dem 12. Dezember.

Die kleine Familie landet an diesem Tag auf dem Düsseldorfer Flughafen. Vier Monate lang waren die Drei in Bulgarien unterwegs gewesen. Anfangs hatte die Lebensgefährtin sogar noch Strandbilder mit lachendem Kind und stolzem Vater gepostet. Irgendwann muss es ihr und ihrem Partner aber zu unsicher geworden sein. Er wird schließlich mit einem internationalen Haftbefehl gesucht. Eine Verhaftung in Bulgarien hätte bedeutet, dort ins Gefängnis zu müssen. Da zieht der Selmer den deutschen Strafvollzug vor, den er schon durch eine Reihe von Vorstrafen kennt.

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Er stellt sich und kommt gleich ins Gefängnis – wegen anderer Delikte quer durch das Strafgesetzbuch: Verstoß gegen Bewährungsauflagen, Betrug im Zusammenhang mit dem Verkauf einer Wohnung, uneidliche Falschaussage, Beleidigung, unerlaubtes Entfernen vom Unfallort.

Brandrauch war lebensgefährlich

Von der bonbonfarbenen Ladeneinrichtung, den Kunstlederbänken und der Theke mit den Waffelautomaten ist nichts mehr zu sehen. Von den Spuren des Feuers auch nicht. Heute steht das Ladenlokal an der Kreisstraße leer. Die Wände sind weiß gestrichen. Die Schilder auf denen einst der Name Waffelino zu lesen war, verschwunden. Die Erinnerung aber bleibt – besonders bei den 21 Bewohnern. Sie haben Rauchgasvergiftungen erlitten, wie Staatsanwalt Giesenregen mitteilt. Es hätte aber auch viel schlimmer ausgehen können. Denn Brandrauch enthält eine Vielzahl hochgiftiger Gase und Substanzen. Oft reichen wenige Atemzüge, um das Bewusstsein zu verlieren: ein Tod, der die meisten im Schlaf ereilt hätte. „Zum Glück war ein aufmerksamer Passant vorbei gekommen und hatte Hilfe gerufen“, sagt Staatsanwalt Giesenregen.

Der mutmaßliche Brandstifter hatte im vergangenen Jahr noch behauptet, erst durch einen Anruf von dem Feuer erfahren zu haben. Das glaube ihm Polizei und Staatsanwaltschaft nicht. Verdachtsmomente gegen die Lebensgefährtin gebe es aber nicht, so Giesenregen. Ob sie zusammen mit dem kleinen Sohn wieder nach Selm zurückgekehrt ist, weiß er nicht.

Motiv: „Zum Glück versichert“

„Wir sind zum Glück versichert“, hatte der Waffelino-Wirt vor einem Jahr im Interview mit den RN gesagt – damals noch in der Rolle des vermeintlichen Opfers. Diese Versicherung zu kassieren ist nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft das Motiv des mutmaßlichen Täters. Das Gericht wird entscheiden.

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