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Zu Mama oder Papa? Wo Kinder nach der Trennung der Eltern leben, entscheiden Gerichte. Besondere Anwälte helfen, dass auch die Kinder dabei mitreden können: ein Job, der nicht einfach ist.

Selm

, 02.12.2018 / Lesedauer: 11 min

Lea ist sieben Jahre alt, Schwester Laura ist fünf, Bruder Linus (Namen der Kinder geändert) zwei Jahre alt, als sich ihre Eltern trennen.

Die Mutter sucht sich eine eigene Wohnung, nimmt die Kinder mit. Ohne sich, wie es eigentlich vorgeschrieben ist, mit ihrem Mann darüber zu einigen, wo die Kinder ihren Lebensmittelpunkt haben sollen. Die Mutter schafft Fakten.

Rhythmus wird ständig geändert

Die Eltern haben das gemeinsame Sorgerecht. Zumindest über eine Sache einigen sich die Eltern: Wer die Kinder wann bei sich aufnehmen soll. Da Mutter und Vater in der gleichen Stadt leben, schließen die Eltern folgenden Kompromiss: Die Kinder leben von mittwochs bis sonntags bei ihrem Vater, ab montags bei ihrer Mutter bis mittwochs.

Dann wird der Rhythmus geändert, damit jedes der Elternteile die Kinder auch mal an einem Wochenende hat. Nach und nach stellt sich heraus, dass die Kinder ganz beim Papa leben möchten und nicht mehr bei der Mama. Sie wollen sie aber regelmäßig sehen.

Kinder wollen kein „Hin und her“ mehr

Der Grund für den Wunsch der Kinder: Die Mutter ist voll berufstätig, hat aber noch eine Nebentätigkeit, zu der sie die Kinder immer mitnimmt. Und: In der Wohnung der Mutter gibt es keine eigenen Zimmer für die drei Kinder. Die Kinder kommen mit diesem „Hin und her“ nicht mehr klar.

Der Vater zieht die Reißleine: Seiner Meinung nach können die Kinder unter diesen Umständen nicht gesund aufwachsen. Er sei bereit, die Kinder ganz bei sich aufzunehmen. Die wohnlichen Voraussetzungen hat er, denn er ist in der elterlichen Wohnung geblieben.

Die Mutter ist nicht bereit dazu. Und: Sie will die Kinder zwar, aber Arzttermine und alles rund um die Sorge um die Kinder, Versorgung mit Kleidung zum Beispiel, solle der Vater der Kinder übernehmen.

Eltern nehmen anwaltliche Hilfe

Der Vater sucht sich Unterstützung bei einem Anwalt und beim Jugendamt. Sein Anwalt formuliert den Grund für den rechtlichen Schritt des Vaters mit dem Begriff „Kindeswohlgefährdung“. Und zwar psychisch. Auch die Mutter nimmt sich anwaltliche Hilfe. Folge: Das Familiengericht wird eingeschaltet.

Der Familienrichter fordert nähere Informationen über die Situation der Familie, schaltet das Jugendamt ein. Das Jugendamt bietet Mediation an, eine Beratung der Eltern. Alles, um zu einer vernünftigen gemeinsamen Regelung zu kommen.

Die Angebote schlagen fehl, weil die Eltern nicht zusammenarbeiten wollen.

Was nun? In dem Fall entscheidet das Familiengericht, dass den Kindern jemand zur Seite gestellt werden muss.

Ein Verfahrensbeistand, von dem sich das Gericht weitergehende Informationen erhofft, um zu einem Beschluss über die Zukunft der drei Kinder kommen zu können.

Studierte Sozialarbeiterin hilft in Selm

Dieser spezielle Fall ist Heide-Marie Schmidt noch gut in Erinnerung. Sie war Verfahrensbeistand für Lea, Laura und Linus. Zehn Jahre lang - von 2001 bis 2011 - hat sie bei Familiengerichten in Münster gearbeitet.

Die pädagogische Mitarbeiterin der Familienbildungsstätte Selm (FBS), gelernte Erzieherin, studierte Sozialarbeiterin, hat viele Fälle wie den von Lea, Laura und Linus erlebt. Im konkreten Fall hat sie die Kinder besucht, hat mit den Eltern gesprochen, vor allem aber mit den drei Kindern.

„Sie haben mir geschildert, dass sie manchmal, wenn sie morgens aufgewacht sind, nicht wussten, ob sie gerade beim Papa oder bei der Mama sind. Der regelmäßige Rhythmus hat den Kindern vollständig gefehlt.“ Was aber viel gravierender war: „Ihnen hat vor allem das Gefühl, zuhause zu sein, gefehlt.“ Der Wunsch der Kinder sei immer stärker geworden: „Zuhause ist bei Papa.“

Jedes dritte Kind ist betroffen

Verfahrensbeistände, das erzählt Heide-Marie Schmidt aus ihrer zehnjährigen Erfahrung, sehen in der Regel, wo das Kind wirklich zuhause ist. Wenn beispielsweise der Vater in einer Wohngemeinschaft lebt und das Kind, wenn es bei ihm ist, gar nicht ein eigenes Zimmer hat, das es braucht, spreche viel dafür, dass das nicht der Lebensmittelpunkt des Kindes ist.

Wenn sich die Eltern streiten: So bekommen Selmer Kinder vor Gericht eine eigene Stimme

Heide-Marie Schmidt hat zehn Jahre lang als Verfahrenspflegerin und Verfahrensbeistand gearbeitet. © Arndt Brede

Das, was der Verfahrensbeistand dann erfährt, wird er in einem Bericht an das Familiengericht ausdrücken. „Er gibt auch wortwörtlich wieder, was das Kind gesagt hat.“ So wie bei Lea und ihren Geschwistern.

Die Zahl, die die 61-Jährige dann nennt, ist erschreckend: „Jedes dritte Kind ist von Trennung und Scheidung der Eltern betroffen.“ Oft kommt es dann zum Verfahren vor dem Familiengericht.

Vermittlungsversuche sind wichtig

Damit es gar nicht erst zum Verfahren kommt, sollten die Eltern aber zunächst einmal die Hilfeangebote, beispielsweise des Jugendamtes, in Anspruch nehmen, erklärt Stefan Linden, Richter am für Selm zuständigen Amtsgericht Lünen.

Sieben Jahre lang, bis Ende 2017, war Linden Familienrichter, heute im Betreuungsrecht im Einsatz. „Das Jugendamt hat außerhalb des Verfahrens eine ganz wichtige Funktion, als Anbieter von Lösungen, als Anbieter von Vermittlungsversuchen.“, sagt Stefan Linden.

Wenn sich die Eltern streiten: So bekommen Selmer Kinder vor Gericht eine eigene Stimme

Stefan Linden war lange Familienrichter am Amtsgericht Lünen. © Arndt Brede

Der Wunsch sei: „Auch für die Eltern und das Kind ist es besser, wenn man sich einigt.“ Besser, als wenn jemand anderer eine Entscheidung vorgibt. „Gerichtsverfahren sind erst dann nötig, wenn alle Versuche einer außergerichtlichen Einigung scheitern.“

Trennungs-, Scheidungs- und Sorgerechtsberatung findet im Jugendamt und in Beratungsstellen zum Beispiel der Caritas in Lünen, auch mit offenen Sprechstunden in Selm im Haus Nienkamp 28 donnerstags von 14 bis 16 Uhr und in der Breite Straße 148 von 10 bis 12 Uhr statt.

Individuelle Terminabsprachen unter Tel. (02306) 700424. Die Familienbildungsstätte Selm bietet kostenpflichtige Mediationen für Paare in Trennungs- und Scheidungssituationen an, um gemeinsam Einigungen für die Kinder und Eltern zu finden, die auch Anerkennung vor Gericht finden können, falls gewünscht.

Das Wohl des Kindes steht an oberster Stelle

Wenn es jedoch tatsächlich vor Gericht geht, dann ist der Verfahrensbeistand parteilich im Sinne des Kindes, weil das Wohl des Kindes an oberster Stelle steht. „Das gilt auch für das Familiengericht“, erklärt Stefan Linden.

Das gesamte Verfahren sei darauf ausgerichtet, das Kindeswohl an oberster Stelle zu sehen. Die Interessen des Kindes sollen nicht zu kurz kommen, sagt Dr. Niklas Nowatius, Direktor des Amtsgerichts Lünen.

Wenn sich die Eltern streiten: So bekommen Selmer Kinder vor Gericht eine eigene Stimme

Dr. Niklas Nowatius, Direktor des Amtsgerichts Lünen. © Peter Fiedler

„Das Gericht hat die Aufgabe, das Kindeswohl zu wahren. In fast jedem dieser Verfahren ist auch vorgeschrieben, dass sich das Gericht einen unmittelbaren Eindruck davon macht und mit dem Kind selbst sprechen muss.“ Das sei nicht einfach. Und da kommt der Verfahrensbeistand ins Spiel.

„Das Kind weiß, dass der Richter entscheiden muss. Mit einem Richter zu sprechen, von dem das Kind weiß, dass dieser Richter über sein Schicksal entscheiden muss, lässt das Kind nicht unbefangen sein“, ergänzt Linden.

Rund 20 Verfahrensbeistände

Das Familiengericht hat Kontakte zu Menschen, die Interesse bekundet haben oder mit denen das Gericht schon länger zusammenarbeite, die als Verfahrensbeistände eingesetzt werden, sagt Linden. Das seien rund 20 Namen.

Jeder der vier Familienrichter am Amtsgericht Lünen setze Verfahrensbeistände „unter Berücksichtigung des konkreten Falls“ ein, so Linden weiter. Jeder der Verfahrensbeistände habe unterschiedliche Spezialgebiete.

In einem Adoptionsverfahren sei eher ein Verfahrensbeistand mit juristischem Hintergrund uns umfassenden Kenntnissen im Familien- und Erbrecht gefordert als ein Sozialarbeiter, so Nowatius.

Sensibilität ist gefragt

Was dann auf die Verfahrensbeistände als Anwälte des Kindes zukommt, erfordert alle Sensibilität, die es geben kann. Denn der Verfahrensbeistand besucht das Kind dann in der Wohnung des Elternteils, bei dem es lebt.

„Man spricht aber auch allein mit dem Kind“, berichtet Heide-Marie Schmidt. Ein Verfahrensbeistand könne sogar auch mit dem Kinderarzt, Erzieherinnen oder Lehrern des Kindes sprechen, die dann von den Eltern von der Schweigepflicht entbunden werden können, wenn es nötig sei. Nämlich, wenn Kindeswohlgefährdung im Raum stehe.

Wenn es um Sorgerechtsentzug gehe, um das Kind zu schützen, würde das Familiengericht die Entbindung von der Schweigepflicht anordnen. „Der Verfahrensbeistand kann sich eine Menge Informationen holen, um zu sehen, ob er richtig liegt“, erklärt Heide-Marie Schmidt. Mit dem „richtig liegen“ ist das so eine Sache. „Es ist schon vorgekommen, dass das Kind sagt, es wolle beim Papa bleiben, weil er ihm ein tolles Spielgerät, einen Urlaub oder eine Hund versprochen habe, dabei macht er das nur, um die Mutter des Kindes zu ärgern.“

Aktenordner mit dem Titel „Die Ärschin“

Was wichtig sei, zu wissen, sei, „dass das Kind ein gesetzliches Recht auf Umgang mit beiden Eltern hat“. So steht es im Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG).

Umgekehrt sei es rechtlich so, „dass die Eltern das Recht und die Pflicht haben, dem anderen Elternteil wohlwollend den Umgang mit dem Kind zu ermöglichen“. Das werde Wohlverhaltensklausel genannt.

Die Realität sehe manchmal anders aus. „Ich habe selber gesehen, dass in der Wohnung des Vaters fünf Aktenordner standen, auf denen ,Die Ärschin‘ stand.“ Gemeint sei die Mutter des Kindes gewesen und bei den Ordnern habe es sich um die Akten der gerichtlichen Verfahren gehandelt.

Andere Situation: „Die Kinder kommen, werden sofort ausgezogen und kräftig geduscht, weil sie ja von der ekelhaften Mutter kommen.“ Solche Fälle widersprechen der Wohlverhaltensklausel entschieden.

Kinder können nicht schauspielern

Die Besuch des Verfahrensbeistandes beim Kind wird dem Elternteil, bei dem es gerade ist, angekündigt. Da dürfte doch die Gefahr bestehen, dass Eltern ein besonders gutes Bild der Lebenssituation zeichnen, das der Wirklichkeit eigentlich nicht entspricht.

„Natürlich wird man auch darauf geschult, aber wenn mir so etwas auffällt, würde ich auch einen zweiten und dritten Besuch machen.“ So ein Vorgaukeln könne man so lange nicht durchhalten. „Wenn ich zu meinem Kind keine gute Beziehung habe, können Kinder das nicht schauspielern.“

Ein zurückhaltendes Kind werde nicht plötzlich mutig und selbstbewusst. Sie merke auch, wenn das Kind vom Elternteil „eingeimpft“ bekommen habe, sich so oder so zu äußern. „Da werden wir geschult. Wir achten darauf, ob das Kind etwa Sätze sagt, die sich ständig wiederholen.“

Passiere das wiederholt und ein objektiver Zugang zum Kind sei nicht möglich, könne der Verfahrensbeistand ein unabhängiges Gutachten beantragen.

Spielmaterial dabei

Um die nötige Sensibilität bei den Besuchen von Kindern an den Tag zu legen, begeben sich Verfahrensbeistände quasi auf Augenhöhe mit den betroffenen Mädchen und Jungen: „Wir haben Bastel- und Spielmaterialien dabei. Wenn ich weiß, dass das siebenjährige Mädchen gern malt, habe ich das Material dabei.“

Wenn sich die Eltern streiten: So bekommen Selmer Kinder vor Gericht eine eigene Stimme

Um sensibel mit Kindern in Trennungssituationen umgehen zu können, hat Heide-Marie Schmidt auch schon mal einen Teddy mitgenommen. © Arndt Brede

In der zweijährigen Ausbildung zum Verfahrensbeistand ist so ein Kniff nicht Inhalt. „Da geht es um die rechtliche Situation, die Entwicklung des Kindes, um Entwicklungsstörungen und Auffälligkeiten.“

Bei allen Fällen ist Heide-Marie Schmidt ihr Hauptberuf zugute gekommen. Sie ist Erzieherin und arbeitet seit 30 Jahren als pädagogische Mitarbeiterin in der Familienbildungsstätte Selm (FBS).

„Ich sehe, ob sich ein Kind altersgemäß entwickelt oder nicht.“ Was sie in all den Jahren erlebt habe, sei, „dass die Kinder so dankbar sind, dass für sie ein Anwalt kommt. Endlich können sie dann sagen, was ihnen am Herzen liegt, was sie die ganze Zeit verbergen müssen“.

Gespräch mit beiden Elternteilen

Gleichwohl sei es auch mit entscheidend, dass der Verfahrensbeistand mit den Eltern spricht: „Ich komme nur an das Kind heran, wenn ich mit den Eltern spreche.“ Nur dann könne es gelingen, sich ein Bild zu machen.

Vor dem Familiengericht hat der Verfahrensbeistand die Pflicht, an den Verfahren teilzunehmen. Und er habe das Recht, gegen einen Beschluss des Familiengerichts Rechtsmittel einzulegen, „weil er der Meinung ist, dass der Beschluss nicht dem Willen des Kindes entsprochen hat“.

In zwei Fällen sei sie bis vors Oberlandesgericht gegangen, weil ein unabhängiges Gutachten nicht das widergegeben habe, was tatsächlich rund ums Kind passiert war. „Das Oberlandesgericht hat in beiden Fällen anders entschieden als das Familiengericht.“

Der Richter mit dem Bagger

Einen Beschluss herbeizuführen, erfordert auch von Richter-Seite Fingerspitzengefühl. Deshalb hören Familienrichter ebenfalls die Kinder an. „Ich bin dann mit dem Kind und seinen Verfahrensbeistand immer in mein Richterzimmer gegangen“, erzählt Stefan Linden, Richter am Amtsgericht Lünen und lange Jahre Familienrichter.

„Ich habe schon erlebt, dass Richter sich mit den Kindern auf den Boden gesetzt haben“, erzählt Heide-Marie Schmidt. „Ich hatte immer einen Spielzeug-Bagger dabei“, sagt Linden.

Keine Berufsanfänger als Familienrichter

In der Regel werden keine Berufsanfänger als Familienrichter eingesetzt, berichtet Stefan Linden. „Es müssen berufserfahrene Richter sein. Man kann ja nicht an Kindern üben. Deshalb gibt es Fortbildungen, bevor man solche Verfahren als Richter leiten kann.“

Das Gespräch zwischen Kind und Richter findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ausnahme: Der Verfahrensbeistand ist dabei. „Das liegt einfach daran, dass die Kinder nicht im Verfahren selbst aussagen müssen“, erklärt Heide-Marie Schmidt.

Vor allem nicht, wenn die Eltern mit im Gerichtssaal sind. „Die Eltern stehen so unter Druck, weil ganz viel vom Verfahren abhängt, etwa, wo das Kind leben soll.“ Diese Aufregung würde sich auf die Kinder übertragen. Denen gehe es dann schlecht, sie reagieren mit Erkrankungen.

Verfahren erleichtern und zügig gestalten

Klar sei aber auch: Familiengericht und Verfahrensbeistand tun alles Mögliche, um das Kind durch das Verfahren zu begleiten. Verfahrensbeistände, so habe sie es erlebt, arbeiten auch an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen, tauschen sich gegenseitig aus. Um das Verfahren zu erleichtern und auch zügiger zu gestalten.

„Oft vergeht ein Jahr, bis etwa ein Gutachten fertig ist.“ In diesem Jahr können dann Fakten geschaffen werden, die eigentlich nicht mehr zu veränder sind: „Wenn das Kind ein Jahr lang beim Vater gelebt hat, weil noch kein Beschluss des Gerichtes wegen fehlenden Gutachtens möglich war, wird man das Kind aus dieser Lebenssituation auch nicht mehr herausreißen wollen.“

Ausgleich zur Arbeit finden

In allen Fällen, in denen ein Verfahrensbeistand eingesetzt wird, hat er parteilich zu sein. Nämlich für das Kind. Wer sich dann für die Mädchen und Jungen einsetze, nehme solche Fälle seelisch mit nach Hause.

Im Fall von Heide-Marie Schmidt war das auch so. „Man versucht, sich eine schönen Ausgleich zu schaffen. Obwohl ich auch oft am Wochenende im Einsatz war. Weil die Besuchszeiten von Kindern bei ihren Eltern oft am Wochenende sind.“

Die Tätigkeit als Verfahrensbeistand sei aufreibend, aber es sei gerade der Austausch zwischen Verfahrensbeiständen der helfen könne, zu erkennen, ob man mit seiner Meinung über das Kind und seine Lebensumstände richtig liege.

Lange Sitzung mit Einigung

Im Falle von Lea, Laura und Linus war übrigens kein Verfahren nötig. „Es gab eine ganz lange Sitzung mit Familienrichter, Jugendamt, Anwälte, Eltern und mir als Verfahrensbeistand“, erinnert sich Heide-Marie Schmidt.

Vor der Sitzung hatten alle beteiligten Parteien bereits den Bericht von Heide-Marie Schmidt mit der Stellungnahme zum konkreten Fall erhalten. Sie war das Sprachrohr der Kinder in dieser Sitzung.

Letztendlich habe die Mutter schweren Herzens zugestimmt, das die Kinder ihren Lebensmittelpunkt beim Vater haben sollten. Sie habe das Umgangsrecht an Wochenenden bekommen. Mit folgender verbindlicher Regelung: Zehn Tage beim Vater, drei Tage bei der Mutter.

Das war der Zeitpunkt, an dem der Job von Heide-Marie Schmidt als Verfahrensbeistand für diese drei Kinder erledigt war. Die Eltern hatten sich ja geeinigt. Bis zu dieser Einigung hatte es seit dem Auszug der Mutter ein Jahr gedauert.

Als es soweit war, seien die Kinder sehr glücklich gewesen, weil es so ausgegangen war, wie sie sich das gewünscht hatten. Sie hatten ein Zuhause, konnten aber weiter Kontakt mit ihrer Mutter haben.

Auch schon Angst gehabt

„Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre es dem Kind schlecht ergangen.“ Diesen Satz habe sie sich oft gesagt. Die Arbeit als Verfahrensbeistand sei erfüllend, weil man sich für die Kinder voll einsetzen könne.

Da kann es auch schon mal gefährlich werden, wie Heide-Marie Schmidt erzählt. Ein 16-jähriges Mädchen sei aus ihrer Familie geflohen. Heide-Marie Schmidt sei an die holländische Grenze gefahren, wo sich das Mädchen aufgehalten habe, um mit ihm zu reden.

„Dann habe ich bis nachts um 2 Uhr eine Stellungnahme geschrieben. Am nächsten Morgen war die Anhörung. Ich bin dann mit der Straßenbahn zur Anhörung gefahren, damit mein Auto nicht erkannt werden konnte. Dann bin ich in die Kneipe gegenüber vom Familiengericht gegangen, schnell rüber zum Anhörungstermin, bin rein, habe geschildert, was das Mädchen mir gesagt hat, nämlich, dass es misshandelt worden sei. Danach bin ich im Zickzack nach Hause, damit mich die Familie, die draußen gewartet hat, nicht verfolgen konnte. Ich hatte Angst.“

Letztendlich sei aber wichtig gewesen, dass das Gericht dem Wunsch des Mädchens entsprochen habe, nicht wieder zur Familie zurückkehren zu müssen.

Die schönen Seiten der Arbeit

So ausfüllend die Arbeit als Verfahrensbeistand ist: Oftmals ist der richterliche Beschluss eben nicht zu 100 Prozent der, der zum allerbesten des Kindes ist.

„Den Königsweg wird es nie geben“, sagt Heide-Marie Schmidt. Umso schöner ist es dann, wenn es Entwicklungen gibt, die anfangs so nicht zu erwarten gewesen sind.

„Ich bin mal als Verfahrensbeistand für ein noch nicht geborenes Kind bestellt worden, weil die Mutter nicht geschäftstüchtig war.“ Sie sei geistig zurückgeblieben gewesen. Ein Kind war schon in Obhut des Jugendamtes genommen worden, weil sie keinen festen Wohnsitz hatte.

Der Familienrichter habe dann sie als Verfahrensbeistand hinzugezogen, „weil ich sehen sollte, ob die Mutter auch in der Schwangerschaft alles tun würde, damit es dem Kind gut geht. Die Frau hat dann noch vier Kinder bekommen. Ich war bei allen Kindern Verfahrensbeistand.“

Die Geschichte ging gut aus: „Die Frau hat geheiratet. Das war ein ganz vernünftiger Mann, der auch gearbeitet hat. Die beiden haben ihre Kinder unglaublich geliebt und sind immer gut mit ihnen umgegangen.“ Die Kinder sind alle bei der Mutter und ihrem Mann geblieben.

  • Grundlage für die Bestellung eines Verfahrensbeistandes ist das Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (FamFG). Konkret: der Paragraf 158.
  • Verfahrensbeistände bekommen eine Pauschale als Entschädigung.
  • Rund 65 Verfahrensbeistände sind laut dem Berufsverband der Verfahrensbeistände, Ergänzungspfleger und Berufsvormünder für Kinder und Jugendliche (BVEB) in Nordrhein-Westfalen aktiv tätig. Juristen, Sozialarbeiter und -pädagogen, Lehrer, Erzieherinnen, Familientherapeuten sind darunter.
  • Im Bereich des Amtsgerichts Lünen (zuständig für Lünen, Selm und Werne) gebe es jährlich rund 500 Verfahren, in denen es um Sorgerecht und Unterbringung von Kindern geht, sagt Dr. Niklas Nowatius, Direktor des Amtsgerichts Lünen.
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