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"Ich werde mich niemals rechtfertigen"

DORTMUND Schwacher Fußball – kaum Punkte – Kritik von der Klubführung und den Medien – Ärger mit den Fans – Spieler ohne Selbstvertrauen. Borussia Dortmunds Trainer Thomas Doll befindet sich mittendrin in einer solchen Kettenreaktion. Im „Freitalk“ spricht er über das, was ihn stört. Über das, was er nicht geschafft hat. Und über das, was ihm für die Zukunft vorschwebt.

von Von Wolfgang Bergs und Sascha Fligge

, 15.11.2007

Herr Doll, der BVB ist Dreizehnter. Stürmer Mladen Petric kritisiert das „extrem negative Umfeld“, das ihn „erschreckt“ habe. Teilen Sie seine Ansicht von einem Nährboden, auf dem der Erfolg nur schwer gedeihen kann? Doll: Ich teile seine Ansicht, dass es unangenehm ist, in Dortmund für alles kritisiert und an den Pranger gestellt zu werden. Manchmal habe ich das Gefühl, man lebt hier noch in Zeiten, in denen Champions League gespielt wurde und zieht aus diesen Zeiten das Recht auf vernichtende Urteile. Es ist nicht nur Mladen, der sich so äußert.

Petric bezog sich explizit nicht nur auf die Presse, sondern auch auf das interne Umfeld. Doll: Die Mannschaft und die Klubverantwortlichen kann er nicht damit meinen. Mladen hat mir nichts von negativen internen Einflüssen erzählt, als ich mit ihm über die Passagen gesprochen habe.

Sie kommen aus Hamburg. Die Stadt steht für boulevardeske Schärfe und ein riesiges Medienecho. Im Vergleich muss Ihnen Dortmund doch fast dörflich vorkommen. Doll: Ich habe in Hamburg auch auf die Mütze bekommen. Es gab massive Kritik. Aber der Umgang der Öffentlichkeit mit mir war respektvoller. Hier ziehe ich mich oft zurück, weil ich glaube, man lächelt dir ins Gesicht, aber wenn du dich umdrehst, sieht es schon wieder anders aus. Ich habe hier nette Leute kennen gelernt, die ich für integer halte. Aber bei einigen habe ich meine Meinung leider ändern müssen.

Zuletzt haben Sie auf die Mütze bekommen, weil Sie angekündigt hatten, „einige Spieler auf die Bank oder die Tribüne“ zu setzen. Auf der Tribüne saß niemand. Auf der Bank Nelson Valdez und Delron Buckley. Aber auch nur ein paar Minuten. Doll: Jeder sollte begreifen, dass ich der bin, der entscheidet. Ich werde mich niemals für irgendetwas rechtfertigen. Wenn jemand aus dem medialen Umfeld mitentscheiden will, soll er zuerst an der Deutschen Sporthochschule den Fußballlehrer-Schein machen. Ich habe gesagt, ein paar Profis gehen auf die Bank oder die Tribüne. Ich habe mich für die Bank entschieden. Basta!

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, KGaA-Boss Hans-Joachim Watzke würden Kontakte zu anderen Trainern nachgesagt. Haben Sie Watzke deshalb schon angerufen? Doll: Ich bin im ständigen Austausch mit Herrn Watzke und unserem Sportdirektor Michael Zorc. Ich greife nicht bei jedem Artikel zum Telefonhörer. Egal sind mir solche Formulierungen aber nicht, denn sie beschädigen meine Außendarstellung entscheidend.

Es steht jedenfalls das Zitat von Watzke, die Vertragsverlängerungen mit Ihnen und Zorc über 2008 hinaus seien abhängig von „der sportlichen Entwicklung“. Wie bewerten Sie diese denn? Doll: Wir haben in einigen Partien einen Fußball gespielt, den man schnell vergessen sollte. Wir haben es noch nicht geschafft, konstant zu sein. Wir geben gute Spiele leichtfertig aus der Hand. Wir belohnen uns in Sturmphasen nicht. Wie gegen München (0:0, d. Red.) und Frankfurt (1:1). Das hat nichts mit Taktik zu tun, sondern basiert darauf, dass wir nicht geil sind, das Tor zu erzielen. Und im Defensivverhalten sind wir noch nicht so weit, dass die Konzentration dauerhaft hoch gehalten wird. Es kann nicht sein, dass wir gegen Frankfurt mit dem einzigen gegnerischen Angriff der zweiten Halbzeit, mit einem Ball, der mehr als 30 Meter in der Luft war, das 0:1 kassieren.

Wie erklären Sie sich den Status quo? Doll: Mir fehlt in gewissen Situationen mehr Zoff, mehr Feuer, mehr Galligkeit auf dem Platz. In Phasen, in denen es nicht gut läuft, möchte ich Typen sehen, die sich von einem Gegner nicht einfach an die Wand nageln lassen. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass in Dortmund eineinhalb Jahre lang aus einem Rückstand kein Sieg mehr gemacht werden konnte. Die Spieler können nun entscheiden: Ergebe ich mich in mein Schicksal oder kämpfe ich dagegen an? Das Ego sagt ihnen im Moment zu oft: Nimm doch den leichten Weg. Ich als Trainer fordere aber eine Killermentalität. Nur: Die habe ich gegen Bayern nicht gesehen, in der ersten Halbzeit gegen Hannover nicht. Und auch gegen Frankfurt nicht.

Im Klartext: Im Winter müssen Verstärkungen her, oder? Doll: Wir werden uns in den nächsten Tagen zusammensetzen und darüber reden. Den Markt sondieren wir ohnehin immer. Aber alles, was passiert, geschieht in Absprache mit Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc. Verstärken wollen wir unser Team. Aber geduldig und unter Berücksichtigung der finanziellen Möglichkeiten. Wir sind in der Breite noch nicht so gut aufgestellt wie Leverkusen, Hamburg, Stuttgart. Klar ist: Große Sprünge können wir nicht machen.

Noch einmal: Wollen Sie neue Leute? Doll: Ich will einen Kader, in dem alle Positionen doppelt gut besetzt sind. Damit ich Druck aufbauen kann und niemand denkt, dass er gesetzt ist. Eines steht fest: Wir haben derzeit zu wenig Punkte auf dem Konto.

Ihr Vorgänger Bert van Marwijk hatte das Credo: „Mehr als ein Spielsystem kann ein Team nicht verinnerlichen.“ Sie indes haben in dieser Saison 4-4-2 mit Raute, mit flacher Vier, 4-1-4-1 und 4-2-3-1 spielen lassen. Warum? Doll: Ich bevorzuge ein 4-4-2-System mit Mittelfeld-Raute und mit einer Nummer 10. Als Trainer richte ich mich allerdings nach dem Spielermaterial, das ich habe. Ich bin nicht gewillt, Profis zu vergewaltigen, was die Festlegung ihrer Grundposition betrifft.

  Ist es DIE Aufgabe der nahen Zukunft, eine Nummer 10 für Ihr Lieblingssystem zu finden? Doll: Auch darüber werden wir sprechen. Ich mag es einfach, wenn die Spitzen, die ich aufbiete, aus der Mittelfeld-Zentrale gefüttert werden.

Florian Kringe betont, in der Qualität des Spielermaterials liege die derzeitige Misere nicht begründet. Sie sei vielmehr ein Kopfproblem. Pardon, aber dafür haben Sie einen Mentaltrainer, oder? Doll: Der wird aber sicher nicht daran gemessen, ob jemand den Ball reinschießt oder nicht. Jürgen Lohrs Aufgabe ist es, Spielern in Phasen, in denen es nicht läuft, in denen sie durchhängen, Hilfestellung zu geben. Spieler sind keine Maschinen. Spieler sind Menschen.

Empfinden Sie die Diskussion um Lohr als unfair? Doll: Ich bin überzeugt, dass er einen Riesenjob macht. Bis jetzt habe ich von den Spielern noch nichts Negatives gehört. Es kann doch nicht sein, dass gewisse Dinge aus Hamburger Zeiten von den Medien übernommen wurden und der angebliche Streit zwischen Michael Zorc, Hans-Joachim Watzke und mir auf dem Rücken von Lohr drei Tage die Schlagzeilen bestimmt hat. Ich glaube manchmal, man will mir permanent Knüppel zwischen die Beine werfen und mich als Trainer, vielleicht sogar als Mensch ändern, ja drehen. Das wird aber nicht gelingen. Darauf habe ich keinen Bock!

Kann dieser Zorn, der Ihnen deutlich anzumerken ist, dazu führen, dass Sie von sich aus die Konsequenzen ziehen – uabhängig von der Entscheidung des Vereins über eine Vertragsverlängerung? Doll: Ich habe hier ja noch gar nicht richtig angefangen. Ich hoffe, dass das jetzt erst richtig losgeht. Ich habe so viel Energie in mir, dass ich Lust habe, hier beim BVB richtig was auf die Beine zu stellen.

    

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