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BVB-Profi Götze schaut bei der WM zu

Kampf gegen die Erwartungshaltung von Rio de Janeiro

Dortmund Mario Götze ist der Held der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Spätestens seit seinem Final-Tor von Rio de Janeiro führt er einen Kampf gegen die Erwartungshaltung. Wer gewinnt, ist offen.

Kampf gegen die Erwartungshaltung von Rio de Janeiro

„Der kommt an. Mach‘ ihn! Mach‘ ihn! Er macht ihn. Mario Götze.“ Foto: dpa

Irgendwann kurz vor Schluss, als fast schon alles erzählt ist, trifft Jürgen Klopp eine interessante Aussage. „Jetzt willst du selber, dass es wieder funktioniert. Du weißt aber gar nicht genau, wie es funktioniert, weil du dein Leben lang dafür trainiert hast, dass du es instinktiv tust. Und auf einmal musst du es geplant tun.“

Stolz, Euphorie, Sorge, Verständnis

Klopp spricht über Mario Götze, seinen ehemaligen Spieler bei Borussia Dortmund. Es klingt sehr väterlich. Stolz, Euphorie, Sorge, Verständnis. Es ist alles dabei, während Klopp redet. „Da ist ein Mensch, der will unbedingt. Und das führt zu Verkrampfung - und dann ist es möglich, dass es erst einmal nicht so toll aussieht.“

Mario Götze will unbedingt - und es sieht derzeit nicht so toll aus. Der WM-Held, wie er seit 2014 genannt wird, schaut bei der WM 2018 nur zu. Der Bundestrainer hat ihn nicht mitgenommen. Die Leichtigkeit, die Selbstverständlichkeit in Götzes Spiel ist verloren gegangen.

Geschichte eines Wunderkindes

Der Filmemacher Aljoscha Pause hat Götze für den Internet-Streamingdienst DAZN sieben Monate lang mit der Kamera begleitet, hat mit seiner Familie, mit Wegbegleitern und mit Mitspielern gesprochen. Die vierteilige Dokumentation „Being Mario Götze - eine deutsche Fußballgeschichte“ ist das Ergebnis. Sie erzählt die Geschichte des Wunderkindes, das der Welt zeigen sollte, dass es besser ist als Messi. Die Geschichte des Wunderkindes, das 22 Jahre alt war, als es Deutschland zum WM-Titel in Brasilien schoss. Und die Geschichte des Wunderkindes, das einen ewigen Kampf gegen die öffentliche und eigene Erwartungshaltung führt.

Dabei ist in dieser Geschichte längst nicht alles neu, aber eben doch vieles. Götzes steiler Aufstieg beim BVB, der unerwartete Wechsel zum FC Bayern München, das entscheidende Tor 2014, die Rückkehr nach Dortmund, die Diagnose Stoffwechselerkrankung: Jeder, der die Karriere des heute 26-Jährigen halbwegs verfolgt, kennt die Eckdaten. Neu sind die persönlichen Einblicke, die Götze gewährt, wenngleich nicht alle Fragen beantwortet werden, beispielsweise die nach dem Einfluss von Beratern und Agenturen oder die Frage, warum aus dem Fußballer Mario Götze zunehmend die Marke Mario Götze wurde.

Tor in den Köpfen der Leute verankert

„Die Leute denken: Es ist vorbei, er schafft sein Level nie wieder. Dann frage ich mich: Was ist denn das Level? Das entscheidende Tor bei der WM?“, sagt Götze. Und weiter: „Stimmt, dieses Level wieder zu erreichen, könnte schwierig werden. Die Messlatte wurde durch das WM-Tor so hoch gelegt, dass alles darunter als schlecht wahrgenommen wird.“ Er habe damit zu kämpfen, meint Götze, „dass die Assoziation des Tores in jedem Spiel immer automatisch übertragen wird. Das Tor ist verankert in den Köpfen der Leute - und das ist nicht leicht.“

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Götze klagt diesen Umstand nicht wirklich an, er verweist mehr darauf. Und wer weiß schon, wie es sich anfühlt, das entscheidende Tor in einem WM-Finale zu schießen? Und alles, was danach kommt? Mit 22? Jürgen Klopp sagt dazu: „Sein Talent ist so herausragend, dass es ihn eben in solche Momente bringt.“ Matthias Sammer sagt: „Wo Genialität ist, ist immer auch Sensibilität.“

Zu viel Training und zu wenig Regeneration

Und vielleicht ist es ja diese Sensibilität, die Götze Anfang 2017 zur Auszeit zwingt. „Mario erwartet sehr viel von sich und setzt die Grenze sehr hoch“, erklärt sein behandelnder Arzt Dr. Thierry Murrisch, der bei seinem Patienten zu viel Training und zu wenig Regeneration diagnostiziert. „Er hatte zwar die Muskulatur eines Bodybuilders, aber sie reagierte nicht auf seine Ansteuerung. Dadurch hat er versucht, noch mehr zu machen und sich besser darzustellen. So bildete sich ein Erschöpfungszustand, der nach der EM 2016 noch einmal richtig zur Geltung kam.“ Der subjektive Leistungsdruck sei extrem gewesen, es sei allerdings keine depressive Phase gewesen. Götze selbst sagt: „Ich weiß jetzt, dass es gut ist, dem Körper auch mal Zeit zu geben. Deswegen musste ich die Reißleine ziehen.“

Zeit und Ruhe. Davon bekommt Götze in diesem Sommer mehr, als ihm lieb ist. Er wäre sehr gerne mit zur WM gefahren, daraus macht er keinen Hehl. Irgendwie hat er es von sich erwartet. Irgendwie haben es eigentlich alle von ihm erwartet. Er ist ja der WM-Held.

Neuer Trainer, neuer Anlauf

Ob die lange Sommerpause ihm nun hilft oder ihn runterzieht, wird sich zeigen. Ein neuer Trainer, ein neuer Anlauf - Mario Götze will unbedingt. Und Jürgen Klopp sagt: „Mario ist jetzt Mitte 20, da sind noch zehn Jahre Karriere möglich. Und da kann noch ganz viel kommen. Und wenn es nach mir geht: Ich würde das gerne sehen.“

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