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Körpersprache-Experte im Interview

Stefan Verra über Jürgen Klopp und Alphatiere

DORTMUND Wenn in der Bundesliga die Spiele angepfiffen werden, bekommt Stefan Verra davon nur wenig mit. Verra (41) ist Körpersprache-Experte. Er analysiert für den Fernsehsender Sky Gestik und Mimik von Trainern an der Seitenlinie. Dafür hat Sky eigens zwei Kameras in den Stadien installiert.

Stefan Verra über Jürgen Klopp und Alphatiere

BVB-Trainer Jürgen Klopp hat viele Gesichter, ist temperamentvoll, gestikuliert gerne. Für einen Körpersprache-Experten wie Stefan Verra ist das "ein gefundenes Fressen", er liest in ihm wie in einem offenen Buch.

Menschen zu beobachten findet Verra mindestens so spannend wie ein Fußballspiel. Er ist unter anderem fasziniert von BVB-Trainer Jürgen Klopp, wie er im Gespräch mit Dirk Krampe erzählt.

"Die Körpersprache ändert sich nicht grundlegend durch äußere Einflüsse. Ich habe Klopp in den vergangenen Monaten intensiv beobachtet. Und dabei ist mir aufgefallen, dass er dahin zurückfindet, wo er vor ein paar Jahren war. Wieder zu mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Die explosiven Ausbrüche werden weniger. In diesem Spiel hat er gedämpft reagiert, seine Mundwinkel waren streng nach unten gezogen. Nach dem 1:0 gab es dann kurz den "klassischen" Gefühlsausbruch."

"Klopp verarbeitet seine Umwelt anders als Guardiola. Aber da gibt es kein besser oder schlechter. Pep war in diesem Spiel ruhiger. Und das signalisiert seiner Mannschaft, dass er an sie glaubt. Als er zu Bayern kam, war das noch anders. Da wirkte er auf mich teilweise recht instabil."

"Oh ja! Es ist eine Mär, dass die das nicht mitbekommen. Ich vergleiche das mit dem Orchester, wo man glauben könnte, die Musiker gucken nur nach unten auf ihre Noten und kriegen gar nicht mit, wie sich der Dirigent da gebärdet. Doch aus dem Augenwinkel registrieren sie das sehr wohl, und die Energie, die der Dirigent dem Ensemble in bestimmten Momenten mitgibt, ist unglaublich wichtig. Der Zustand des Alphatiers bestimmt, wie das Rudel sich verhält."

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"Das war sehr faszinierend. Klopp feiert einen Sieg wie ein Spieler. Er macht dieselben Jubelgesten, er verspritzt Wasser, er feiert vor den Fans. Bei Niederlagen ist er der erste, der zu seinen Spielern auf den Platz geht. Er versucht sie aufzurichten. Das signalisiert den Spielern, aber auch den Fans: Ich bin einer von Euch."

"Salopp formuliert: Sport ist Körpersprache! Es gibt Studien, da hat man Probanden Videos von Sportmannschaften gezeigt, aber den Spielstand ausgeblendet. Zu 80 Prozent konnten sie anhand der Körpersprache erkennen, welche Mannschaft in Führung lag. Schauen Sie sich Mario Götze an. Den sehen Sie immer mit erhobenem Kopf. Das strahlt Überlegenheit und positive Energie aus."

"Da sind wir ganz schnell bei Küchen-Psychologie. Wir kennen Götze ja nicht privat. Aber er sendet durch seine Körpersprache ein positives Signal an seine Mitspieler. Wahnsinnig interessant finde ich übrigens dabei im Vergleich die Körpersprache eines Kevin Großkreutz. Dessen Blick geht oft nach unten. Das ist aber überhaupt nicht schlecht. Großkreutz ist ja der Ur-Dortmunder, und er verkörpert durch seine Körpersprache diese Arbeiter-Mentalität, die sie im Ruhrgebiet so schätzen. Das hat übrigens auch Jürgen Klopp perfekt drauf. Er drückt sich auch in Interviews nicht immer gewählt aus, das kommt im Ruhrgebiet natürlich gut an."

"Nein, nein. Klopps kommunikative Art funktioniert bundesweit, ja sogar europaweit. Er ist sich seiner rhetorischen Fähigkeiten sehr wohl bewusst. Und er ist vor den Kameras genauso, wie er in der Kneipe nebenan wäre. Ich darf übrigens mal sagen, dass er diese Qualitäten in den Zeiten des großen Erfolges aus meiner Sicht ein wenig zu weit getrieben hat. Da ließ er kaum eine Pressekonferenz aus, ohne Journalisten abzuqualifizieren. Jetzt kehrt er langsam zurück zu den Zeiten, wo er als Co-Kommentator des ZDF seine große Beliebtheit erlangt hat."

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"Es geht darum, sein Wissen erfolgreich umzusetzen. Sie kennen das vielleicht aus Ihrem Büro, wenn ein langgedienter Mitarbeiter spüren muss, dass ein jüngerer an ihm vorbeizieht, obwohl er nicht kompetenter ist. Aber er verkauft sich besser. Es gab den berühmten Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman. Den hatte Ali schon gewonnen, bevor der erste Gong ertönt war. Nur über Körpersprache."

"Wir haben mit Sky extra mal ein Training der Schalker besucht. Keller ist ein anderes Alphatier, aber mein Eindruck war, dass er besser ankam in der Mannschaft, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Keller hat u.a. mit Kevin-Prince Boateng ein „Neben-Alphatier“ installiert. Das war durchaus clever von ihm, man hat ja bei der WM mit Ghana gesehen, wie es hätte laufen können, wenn er ihn gegen sich gehabt hätte. Klopp macht das allerdings geschickter, denn man darf eins nicht vergessen: Nehme ich einen aus dem Rudel heraus und gestatte ihm eine Sonderstellung, schwäche ich damit meine eigene Alphastellung, wenn dieser Spieler nicht mehr top performt."

"Sie kennen sicher die Situation in der Straßenbahn. Es gibt dort nur einen freien Platz, bekomme ich ihn, oder mein Gegenüber? Unser Gehirn taxiert den „Kontrahenten“ und die Einschätzung erfolgt in wenigen Millisekunden. Die Entscheidung, ob ich den Platz beanspruche oder besser klein beigebe, ist dann schon gefallen. Das alles läuft im Unterbewusstsein ab, aber diese kurze Zeitspanne kann man durchaus kontrollieren. Meiner Beobachtung nach wird das im Sport noch zu selten genutzt."

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