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Hähnchenmäster setzen auf langsam wachsende Tiere

Geflügel

Bessere Fleischqualität, weniger Antibiotika-Einsatz und mehr Platz je Tier im Stall – die Hähnchenmäster Hermann-Josef und Tobias Gerwing-Gerwer gehen einen anderen Weg als viele Kollegen.

Ahaus

von Rupert Joemann

, 27.06.2018
Hähnchenmäster setzen auf langsam wachsende Tiere

Hähnchenmäster für den niederländischen Markt: Tobias Gerwing (sitzend) und sein Vater Hermann-Josef Gerwing mit langsam wachsenden Masthähnchen. © Rupert Joemann

Es war ein Zufall, doch über den sind Hermann-Josef und Tobias Gerwing-Gerwer sehr froh. Im Sommer 2015 fragte die niederländische Schlachterei, mit der sie zusammenarbeiten, Hermann-Josef Gerwing-Gerwer, ob er nicht 4000 kleine Küken nehmen könnte. Der Hähnchenmäster willigte ein. „Ich war so begeistert von den Tieren, von der Gesundheit und den niedrigen Verlusten“, sagt Hermann-Josef Gerwing-Gerwer. Deshalb mästet die Familie seit dem 1. Dezember 2015 auch langsam wachsende Hähnchen der Rasse Hubbard für den niederländischen Markt.

Die Gerwing-Gerwers mästen auf ihrem Hof im Gerwinghook sowohl schnell als auch langsam wachsende Hähnchen. Für jede Rasse gibt es einen eigenen Stall. Im Gebäude mit den schnell wachsenden Tieren für den deutschen Markt werden anfangs 40.000 Tiere gehalten. Wenn diese ein Gewicht von 1700 bis 1800 Gramm haben, werden 30 Prozent herausgenommen und geschlachtet (Grillhähnchen). Die anderen bleiben bis zu einer Mastlänge von etwa 36 Tagen.

Nur gut 14 500 Tiere befinden sich im Stall mit den langsam wachsenden Hähnchen. Sie haben zudem über einen überdachten „Wintergarten“ eine Auslaufmöglichkeit und bleiben alle 56 Tage im Stall. Ein weiterer deutlicher Unterschied besteht in der Anzahl je Quadratmeter. Sind es bei den langsam wachsenden Tieren zwölf Hähnchen, müssen sich bei den schnell wachsenden 23 einen Quadratmeter Fläche teilen.

Weniger Antibiotika

Eine Abweichung gibt es auch im Einsatz von Antibiotika. Bei den langsam wachsenden Masthähnchen mussten die Alstätter seit Ende 2015 erst zwei Mal diese Medikamente einsetzen, wie Tobias Gerwing-Gerwer betont. Bei den schnell wachsenden Tieren müssten die Substanzen öfter eingesetzt werden, aber auch nur dann, wenn ein Teil der Tiere erkrankt sei. Betroffene Tiere würden von Hand aussortiert.

„Die langsam wachsenden Tiere stehen viel höher und sind aufgeweckter“, beschreibt Maike Eismann, Amtstierärztin beim Kreis Borken, Unterschiede in der Verhaltensweise der beiden Rassen. Die schnell wachsenden Masthähnchen stünden leicht nach vorne gebeugt, so die Expertin. „Das sind Top-Sprinter“, fügt Tobias Gerwing-Gerwer hinzu. Die Züchtung auf ein schnelles Wachstum habe Auswirkungen auf den Körperbau. Ein Hochleistungssportler sei auch nicht in der Lage, seine Leistung über sehr viele Jahre zu bringen, ergänzt Gerwing-Gerwer.

Maike Eismann lobt den Zustand der Tiere in beiden Ställen. Die trockenen Böden seien vorbildlich, so die Amtstierärztin. Dadurch sinkt das Risiko, dass die Masthähnchen sich durch die tierischen Ausscheidungen und über kleine Fußverletzungen mit Krankheitserregern anstecken. Auch mit den Füßen der Tiere ist Eismann sehr zufrieden. Ebenfalls ein Indiz für den guten Boden und die gute Haltung. „Drei bis vier Zentimeter ist der Untergrund dick“, erklärt Tobias Gerwing-Gerwer. Jeden Tag gehe er morgens und abends durch die Ställe.

Am liebsten würde der Alstätter nur mit den langsam wachsenden Tieren arbeiten. „Das ist angenehmer“, so seine Erfahrung. Jedoch müsse auch die Wirtschaftlichkeit betrachtet werden. Grundsätzlich würden aber ähnliche Erträge erwirtschaftet.

Billigware bremst den Tierschutz

Amtstierarzt Dr. Albert Groeteveld redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Die Wahlmöglichkeit der Verbraucher im Supermarkt bremst den Tierschutz. Für den Erfolg von Produkten aus Haltungen mit mehr Tierwohl müsse der Handel die Wahlmöglichkeit der Verbraucher verhindern, um ein „instinktives Ausweichen auf Billigware aus konventioneller Haltung zu vermeiden“, so der Fachbereichsleiter Tiere und Lebensmittel beim Kreis.

Ein gutes Beispiel, wie es gehen könnte, sind aus seiner Sicht die Niederlande. Dort seien Hähnchen als Frischfleisch nur noch mit einem Mindeststandard erhältlich. Die unterste Qualitätsstufe sei aus dem Frischfleisch-Markt der Lebensmittelmärkte komplett verschwunden. In weiterverarbeiteten Produkten (z. B. Fast-Food-Ketten) und für den Export dürfen sie allerdings verwendet werden. Die Familie Gerwing-Gerwer mästet Hähnchen für das höherwertige Beter Leven (Ein-Stern).

Druck der Tierschützer

Der Ausschluss der untersten Qualitätsstufe erfolgte von den Lebensmittelmärkten nicht ganz freiwillig. Die Tierschutzbewegung Wakker Dier startete 2008 eine Kampagne, inklusive Werbespots im Fernsehen, gegen die Lebensmittel-Kette Albert Heijn. Die Masthähnchen der untersten Qualitätstufe wurden als Plofkip (Explosionshähnchen) bezeichnet. Albert Heijn beugte sich dem Druck und nahm die Produkte aus den Regalen, später folgten die anderen Händler. Ein staatliches Eingreifen hat es nicht gegeben.

Aus Sicht von Albert Groeteveld steht fest, dass ein besseres Tierwohl sowohl die Kosten für die Tierhaltung als auch für das Endprodukt erhöhe. Das Problem sei, so Groeteveld, dass der Verbraucher zwar sage, er wolle ein Mehr an Tierwohl, im Geschäft allerdings das billigere Produkt wähle. Er ist davon überzeugt, dass die Mast von langsam wachsenden Hähnchen bei einer moderaten Preissteigerung möglich sei.

Übrigens: Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will eine dreistufige Tierwohl-Kennzeichnung einführen. Die Kriterien dafür sind noch nicht bekannt.

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