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Unsere Heimat - aus dem Blick junger Menschen

„Heimat kann ich nicht kaufen“

Ahaus Heimat ist nichts für junge Leute. So lautet ein gängiges Vorurteil. Aber stimmt das wirklich? Wir sind der Frage auf den Grund gegangen – mit überraschenden Ergebnissen.

„Heimat kann ich nicht kaufen“

Jan Wiefhoff (l.) und Marvin Barkanowitz am Ahauser Schloss; auch ein Stück Heimat. Foto: FOTO: Christian Boedding

Jan Wiefhoff ist 24 Jahre alt, Ahauser und Vorsitzender der Jungen Union Ahaus. Seit fünf Jahren studiert er in Essen Medizin. Marvin Barkanowitz kommt aus Velen-Ramsdorf, ist 26 Jahre alt, Kreisvorsitzender der Jungen Union, und studiert im Masterstudiengang Dienstleistungsmanagement an der Westfälischen Hochschule in Bocholt. Im Gespräch mit unserer Redaktion haben beide erzählt, was für sie „typisch Heimat“ ist und was „Heimat“ ausmacht.

Herr Wiefhoff, Heimat, was ist das überhaupt?

Wiefhoff: Heimat hat viele Dimensionen. Ich kann Heimat geografisch festlegen, zum Beispiel in Ahaus. Dann wird der eine sagen, meine Heimat ist Wessum. Der andere kann sagen, Heimat verorte ich kulinarisch, mit Reibeplätzchen und Schwarzbrot. Heimat kann ich auch als gemeinsame Wertebasis in Europa definieren. Aber was das Zwischenmenschliche angeht, ist ganz klar das Münsterland ein großer Teil von Heimat. Wir haben hier eine sprachliche Art und einen Wesenszug, der uns zum Beispiel vom Rheinländer oder Sachsen unterscheidet.

Sehen Sie sich als Ahauser?

Wiefhoff: Ich persönlich hänge nicht so an der Teilung in Ortsteile und Kernstadt. Ahaus ist meine Heimat. Heimat ist mehr als der Punkt, wo ich gerade lebe. Heimat ist, wo ich aufgewachsen bin, wo ich familiär, durch Freundschaften, durch das Ehrenamt geprägt worden bin. Dort, wo meine Wurzeln sind, ist meine Heimat.

Barkanowitz: Ich bin Velen-Ramsdorfer, das ist meine Heimat. Es gibt keine einheitliche Definition, was den Begriff Heimat angeht. Für mich ist Heimat eine gesellschaftliche Verwurzelung. Etwas, wo man sich Zuhause fühlt, wo man sich freut, anzukommen. Ich bin beruflich oft im Ruhrgebiet unterwegs. Wenn ich die A 31 entlang fahre und mir das Schild „Münsterland“ auf der rechten Seite entgegenstrahlt, dann ist das ein schönes Gefühl, wieder nach Hause zu kommen

Unsere Heimat - Die Serie

Was Heimat für die Menschen bedeutet

NRW Noch nie veränderte sich Heimat so schnell wie heute. Mit unserer Serie „Heimat“ wollen wir Orientierung bieten und beschäftigen uns dazu mit vielen Facetten eines oft schwierigen Themas.mehr...

Was ist das Besondere an Ihrer Heimat?

Barkanowitz: Velen ist ja deutlich kleiner als Ahaus. Für mich ist es das Gefühl, sich zu kennen, sich zum Beispiel auf der Straße zu grüßen, beim Einkaufen, in der Kneipe. Man kennt sich, man grüßt sich. Selbst, wenn es mit dem typisch mürrischen Brummen des Münsterländers ist. Oft reicht schon das anerkennende Zunicken. Man fühlt sich geborgen.

Wiefhoff: Das Besonderere an meiner Heimat ist die Verantwortung, die jeder übernimmt. Für sich, für seine Familie, für das soziale Umfeld. Wir haben hier eine starke ehrenamtliche Einbindung, Vernetzung und Absicherung. Ich bin Feuerwehrmann. Ich bekomme mit, wenn sich ein Kollege verändert, dann frage ich zum Beispiel, warum er die letzten drei Wochen nicht da war, was los ist. Wir haben Verantwortung füreinander. Diese Verantwortung übernehmen Marvin und ich auch politisch. Ich versuche, die Region mitzugestalten, weil sie mir am Herzen liegt. Das macht Heimat aus. Mir ist nicht egal, wie viel Geld die Stadt Ahaus ausgibt. Mir ist wichtig, dass wir langfristig in stabilen Verhältnissen leben können.

Was muss ein Ort haben, um sich nach Heimat anzufühlen?

Wiefhoff: Menschen. Ein Raum, eine Region allein macht keine Heimat aus. Wenn sie auf die Straße gehen, merken sie, ob sie in Köln sind oder in Ahaus. Wir sind keine Rheinländer, wir sind Münsterländer. Ich tue mich auch mit dem Begriff des Westfalen schwer, weil ich ihn nicht so greifen kann.

Barkanowitz: Es ist die Sicherheit, die Geborgenheit, die man spüren muss.

Was ist typisch für Ihre Heimat?

Wiefhoff: Schwarzbrot.

Barkanowitz: Ich sehe uns als Anpackerregion. Wir reden nicht lange drumherum, wir krempeln die Ärmel hoch und machen.

Herr Wiefhoff, was ist für Sie typisch Ahaus?

Ein Gefühl. Kein Ort. Es ist das Gefühl, eine Heimat zu haben.

Herr Barkanowitz, was ist typisch für Ihre Heimat?

Eine flache Landschaft, überschaubare Wiesen, gut ausgebaute Radwege. Für mich war es als Kind das Schönste, an lauen Sommerabenden mich mit meinen Eltern aufs Rad zu schwingen und eine Runde durch die Bauerschaften zu drehen. Dann kommt man in ein Alter, da spielt das keine Rolle. Heute, mit 26, ist wieder eine Zeit, wo es mir Spaß macht, sonntagnachmittags hier spazieren zu gehen und die Ruhe zu genießen.

Ist der Begriff „Heimat“ in Ihrer Generation und in Ihrem Freundeskreis überhaupt ein Thema?

Barkanowitz: Natürlich. Ich kenne viele, die ihren Ort für ein Studium verlassen haben und anschließend zurückkommen. Heimat ist definitiv ein starker Begriff. Ich bin hier aufgewachsen, habe hier meine Berufsausbildung absolviert und gehe hier zur FH. Ich überlege: Gehe ich für meinen Beruf weiter oder sehe ich hier meine Verwurzelung und möchte hier blieben, in Ramsdorf. Da stehe ich mit meiner Freundin an einem Punkt, dass wir hier bleiben wollen.

Wiefhoff: Der Begriff Heimat ist ein Thema. Aber wir reden ihn nicht kaputt.

Wird sich der Begriff „Heimat“ in der Zukunft verändern?

Wiefhoff: Stetig. Jeder fasst Heimat unterschiedlich auf. Gehen wir ein paar Hundert Jahre zurück, da war Heimat ein neutraler Begriff. Durch die NS-Zeit ist Heimat ein negativ belegter Begriff geworden. Seit einigen Jahren bekommt „Heimat“ eine Lobby. Ich habe den Eindruck, Heimat ist wieder positiv belegt.

Barkanowitz: Gerade im Zuge der Globalisierung.

Was sagen Sie dazu, dass Rechtspopulisten auch gerne den Begriff Heimat vereinnahmen?

Wiefhoff: Es geht nicht darum, den Begriff Heimat zu besetzen. Heimat kann ich nicht kaufen. Ich muss mit Heimat etwas verknüpfen. Etwas Positives. Was die Rechtspopulisten versuchen, ist eine Abgrenzung und Ausgrenzung. Aber auf die Heimat habe ich kein Anrecht. Sie ist kein Gut. Jeder hat das Recht, dieselbe Heimat zu haben, wie ich sie auch habe. Wir müssen dazu beitragen, dass dieser Begriff positiv bleibt und nicht missbraucht wird.

Barkanowitz: Heimat an sich wird einem Wandel unterliegen, sei es durch politisches Ringen oder für jeden Einzelnen.

Wir haben in Deutschland jetzt auf Bundesebene ein Heimatministerium. Brauchen wir das wirklich?

Barkanowitz: Was in Berlin bewegt werden kann, ist nicht das große Ganze. Vieles liegt in der Hand der Länder oder vor Ort. Ich bin skeptisch, ob das Heimatministerium sinnhaft ist.

Wiefhoff: Es ist eine Reaktion darauf, dass der Bevölkerung gezeigt wird: Wir haben verstanden. Heimat als Thema ist für euch relevant. Aber es kann keinen Erlass geben, der Heimat regelt.

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