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"Nach Westen"

Ausstellung erzählt die Geschichte der Zuwanderer

BOCHUM Überlebensgroße Porträtfotos begrüßen den Ausstellungsbesucher beim Betreten des LWL-Museums in der ehemaligen Zeche Hannover. Denn bei der Ausstellung „Nach Westen. Zuwanderung aus Osteuropa ins Revier“ geht es um Lebensgeschichten. Und um Identität - jenseits von Stereotypen, ganz persönlich.

Ausstellung erzählt die Geschichte der Zuwanderer

Maria Sesler mit einem Foto, auf dem sie erst wenige Stunden alt ist.

„Das Autoklauen ist zu einem Stereotyp geworden – das ist ein ganz eigenes Geschichtsbild“, sagt Museumsleiter Dietmar Ossen. Dabei ist das wahre Gesicht der Migranten ein ganz anderes: „Und deren Geschichte erzählen wir hier.“

Die meisten der Migranten, die nach dem Niedergang der Sowjetunion nach Bochum kamen, waren sehr gut ausgebildet, viele von ihnen Akademiker. Sie verließen gute Posten. So auch ein Ehepaar aus Moskau, von dem Dr. Ingo Grabowsky vom Seminar für Slavistik an der Ruhr-Universität erzählt. Sie war Leiterin der Poliklinik, er Chefarzt – in Deutschland angekommen mussten beide von Sozialhilfe leben. „Aber sie haben diesen Schritt für ihre Kinder gewagt, um ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen“, erklärt Grabowsky. Oft wurden die Studienabschlüsse aus Osteuropa in Deutschland nicht anerkannt. Dennoch erschien vielen Familien das Leben jenseits des zerbrochenen Sowjet-Regimes anziehend – besonders den Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. „Auch heute noch hängen dort viele der These der jüdischen Weltverschwörung an“, sagt Grabowsky.

Vor den antisemitischen Tendenzen ausgerechnet nach Deutschland zu fliehen, klingt zu nächst befremdlich. „In der Sowjetunion wurde der Holocaust nicht sehr stark thematisiert – es wurde eher das gesamte Volk als Opfer gesehen“, so Grabowksy. Auch davon erzählt die Ausstellung. In dünnen Heftchen in einer Glasvitrine findet sich antisemitische Propaganda aus Sowjet-Zeiten. Doch die Ausstellung weiß auch schöne Geschichten zu erzählen: Von der Pelmenica, die vorsorglich aus Russland mitgebracht wurde, um auch in der neuen Heimat gefüllte Teigtäschchen backen zu können, von Babyfotos und Kristallglas-Services, die für Bewunderung an der Kaffeetafel sorgen sollten. In enger Zusammenarbeit des LWL-Museums mit der Ruhr-Uni trugen Studenten und Museumsmitarbeiter allerhand persönliche Erinnerungsstücke zusammen. Der Vater von Maria Sesler, die als Slavistikstudentin an der Ausstellung mitgewirkt hat, nahm vor der Abreise etwas Erde von den Gräbern der Verwandten in einer kleinen Schachtel mit. „So kann er sie immer bei sich haben, hat er gesagt.“ In den nächsten Monaten weilt die emotional geladene Erde in einem gläsernen Schaukasten in Hordel. Die Ausstellung läuft bis zum 28. Oktober.

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