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Nach 28 Jahren gehen die Lichter endgültig aus

Janusz-Korczak-Gesamtschule

Nach 28 Jahren ist Feierabend an der Janusz-Korczak-Gesamtschule. Das Ende der Schule war absehbar. Dennoch blutet Schulleiter Hermann Böcker das Herz. Ein Gespräch voller Erinnerungen.

Ickern

von Till Meyer

, 28.06.2018
Nach 28 Jahren gehen die Lichter endgültig aus

Aus 16 Lehrkräften bestand das Gründungskollegium der Janusz-Korczak-Gesamtschule im Jahr 1990. © Schule

Ein bisschen mutet das Gebäude der Janusz-Korczak-Gesamtschule wie ein Lost Place* an. Heruntergekommen, die von außen einsehbaren Räume weitestgehend leer geräumt und die Türen verriegelt. Lediglich über den Haupteingang gelangt man noch in das Gebäude. Und im Gebäude selbst herrscht Totenstille. Im Treppenaufgang in den Verwaltungstrakt das gleiche Bild – nur der Hall der eigenen Schritte ist zu vernehmen. Die Tür zu dem Bereich, in dem sich das Lehrerzimmer, das Sekretariat und der Arbeitsraum des Schuldirektors befinden, quietscht. Immerhin sind jetzt Stimmen zu hören.

„Nein, da kann ich Ihnen nicht helfen. Schicken Sie mir die Sachen einfach zu“, ist aus dem Zimmer des kommissarischen Schulleiters Hermann Böcker zu hören. Der 60-Jährige wirkt gestresst. In der einen Hand hält er das Telefon, mit der anderen blättert er einen dicken Ordner durch. „Das ist hier noch so ein Haufen an Papierkram“, klagt Böcker, schiebt den Ordner zur Seite und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Und es tut weh, dass jetzt das Ende gekommen ist.“

Gründung vor 28 Jahren

28 Jahre ist es jetzt her, dass die Janusz-Korczak-Gesamtschule gegründet wurde. Das war 1990. Ihr Name rührt vom Kinderbuchautor, Waisenhausgründer und Pädagogen Janusz Korczak her. Seit 1993 läuft die Gesamtschule in Ickern, die am Rande einer ehemaligen Bergarbeitersiedlung liegt, unter diesem Namen. Weit über ein Jahrzehnt hinaus nahm die Bevölkerung die Schule und ihr Konzept an. „Wir sind viele, viele Jahre vierzügig gefahren“, erinnert sich Böcker: Zu jedem neuen Schuljahr nahm man vier 5. Klasse a 28 Schüler auf. Das ist schon lange vorbei.

Nach 28 Jahren gehen die Lichter endgültig aus

Der kommissarischer Schulleiter Hermann Böcker bei den Aufräumarbeiten in der Schule. © Till Meyer

„Nach der Jahrtausendwende haben nach und nach die Anmeldezahlen nachgelassen“, berichtet Böcker. Das habe damit zu tun gehabt, dass der Nachbarort Waltrop seine eigene Gesamtschule bekommen habe. „Damit sind uns natürlich viele potenzielle neue Schüler weggebrochen, die vorher zu uns kamen“, so Böcker. Und während er das sagt, klingelt wieder das Telefon. „Zur Ruhe kommt man hier nicht“, hadert der nur noch kommissarische Schulleiter, der in Recklinghausen schon eine neue Stelle angetreten hat. „Bis alles sauber geregelt ist“, sagt er, „bin ich noch hier.“

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Das Ende als solches – Ende Juni verabschiedete sich der letzte zehnte Jahrgang – kam nicht überraschend. „Aufgrund der sinkenden Anmeldezahlen hat die Stadtverwaltung der Bezirksregierung unsere Schule für eine Schließung vorgeschlagen“, erinnert sich Böcker. 2012 sei dann die offizielle Entscheidung gefallen, die Janusz-Korczak-Gesamtschule auslaufen zu lassen. Heißt: Seit diesem Zeitpunkt wurden keine neuen Schüler mehr aufgenommen. Somit waren fortan Jahr für Jahr weniger Schüler da – und im Schuljahr 2017/2018 gar nur noch zwei zehnte Klassen. „Einen Abiturjahrgang haben wir seit 2012 schon nicht mehr angeboten“, so Böcker.

Nach 28 Jahren gehen die Lichter endgültig aus

Hermann Böcker baute die Schule mit auf. Nun ist er auch an deren Abbau maßgeblich beteiligt. © Till Meyer

Die Nachnutzung des Gebäudes ist schon geklärt. Ohnehin nutzt das Westfälische Landestheater (WLT) seit geraumer Zeit den Mitteltrakt der Schule. Ende Juni sind zudem die Flüchtlinge aus der Friedrich-Harkort-Schule aus Merklinde in Räume an der Janusz-Korczak-Gesamtschule umgezogen. „Mir blutet dabei das Herz. Ich habe diese Schule mitaufgebaut, habe alle Funktionen innegehabt, die man nur haben kann und muss jetzt den Niedergang tatenlos mit ansehen“, sagt Böcker.

Das Mobiliar ist schon zu großen Teilen abgeholt worden. „Was genau damit passiert, weiß ich gar nicht“, so Böcker. Auch für die Lehrmittel hätten sich Abnehmer gefunden, so der Schulleiter. So hat zum Beispiel das ASG die Techniksammlung bekommen.

Akten kubikmeterweise im Spezialcontainer abgeholt

Am meisten Arbeit mache ihm derzeit das Sichten und Archivieren aller Dokumente. „Abschlusszeugnisse unserer Schüler müssen 50 Jahre archiviert werden“, sagt der 60-Jährige, „darum müssen wir alles in Kartons verpacken und zur Willy-Brandt-Gesamtschule schaffen.“ Außerdem seien gut sieben Kubikmeter Schriftverkehr in einem Spezialcontainer abtransportiert worden. „Und wir brauchen noch einen solchen Container. Es liegt hier noch so viel rum“, sagt Böcker, während er sich einen neuen Ordner schnappt.

Etwas, das dem scheidenden Schulleiter auf immer in Erinnerung bleiben wird, so sagt er, sei der Schweigemarsch der Schüler und der Lehrkräfte im Januar 1991 gewesen. „Das war schon ein starkes Zeichen damals. Gemeinsam zog die große Gruppe zum Ickener Marktplatz. Eine ganze Schule protestierte gegen den Golfkrieg. Kaum einer sprach.

Heute spricht hier auch kaum noch einer. Freitag ist „Abrissparty“.

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*Lost Place bedeutet so viel wie „vergessener Ort“.
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