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Zeltfestival Ruhr

Die Grußworte von Jochen Malmsheimer

BOCHUM Elf Seiten umfasst das Manuskript. Es ist mit "Grußwort" überschrieben. Auch wenn Malmsheimers Texte eigentlich zum Hören und weniger zum Lesen gedacht sind, veröffentlichen wir hier Auszüge seiner Eröffnungsrede beim Zeltfestival.

Die Grußworte von Jochen Malmsheimer

Gewinner des Deutschen Kabarett-Preises 2009: Jochen Malmsheimer.

Hohes Zelt!Herr Präsident, Frau Oberbürgermeisterin,Eminenzen und Exzellenzen, Monstranzen und Substanze,geschätzte Damen, edle Herren, theure Thiere,Älteste, Quiriten, Bochumer!Lieber Heri, lieber Björn, lieber Lukas!Auch ich möchte, gleich meinen geschätzten Vorrednerinnen und Vorrednern, eine Grußadresse absondern, […] welche den Beitrag, den dieses außergewöhnliche Ereignis zum Nutzen und Frommen der Bürgerinnen und Bürger unserer gequälten Gemeinde leistet, gebührlich und angemessen herauszuarbeiten, im Sinne hat.Dabei möchte ich gleich zu Beginn darauf hinweisen, dass ich, anders als jene, die vor mir adressierten, ausschließlich für mich selber spreche, eine Fähigkeit, die ich mir unter Mühen antrainierte und die mich eigentlich seitdem hinreichend ausfüllt. […]

Wie wir alle wissen, leidet die jeweilige Obrigkeit dieser Stadt, wohlgemerkt nur die Obrigkeit, das aber seit Gründung der Gemeinde, also seit über 900 Jahren, unter der Tatsache, dass Bochum nicht Dortmund ist. Oder Essen. Selbst zu Witten hat es nicht gereicht. Und das nagt. Und bohrt. Und frisst. Und ätzt. Und löchert. Und brennt.Und dann, in diesem schwarzen, sauren Momente finsterster Niedergeschlagenheit, muss irgendjemand auf der Suche nach irgendetwas Besonderem durch Zufall das Buch im Bochumer Stadtwappen entdeckt haben.Ein Buch!Das stimmt zunächst, wiewohl es wichtig, zu wissen, dass es sich bei der Herleitung des Emblemes im Jahre 1381 aus dem Namen der Stadt „Bukhem“ schon damals um das Ergebnis eines Übersetzungsfehlers oder schlichter Unkenntnis gehandelt hat, bedeutet „Bukhem“ doch nicht „Bücherheim“ sondern wohl eher „Heim unter Buchen“. Doch das focht vor siebenhundert Jahren niemand an und tut es heute immer noch nicht, womit eine offensichtlich zentrale Eigenschaft der Bochumer Verwaltung, nämlich das durch keinerlei Sachverstand angekränkelte oder gar durch Recherche getrübte, wider jede Vernunft betonierte Verharren im Irrtum, sehr schön herausgearbeitet ist. […]

 Dies ist die Stadt, die trotz der Mahnungen und Warnungen vieler, nicht nur der Fachleute sondern auch vieler ihrer Einwohner, ihre Kanalisation mitsamt der Scheiße an die Amerikaner verkaufte und den ganzen Rotz jetzt verlustreich zurücknehmen musste, weil selbst der Amerikaner mit Scheiße aus Bochum nichts anfangen kann. Vielleicht hätte man die Verwaltung verkaufen und die Scheiße behalten sollen…

Dies ist die Stadt, die eine Image-Kampagne in Auftrag gab, und die dann, nach Vergabe dieser Schwachsinnsidee ausgerechnet an eine, wie es scheint mental, wie handwerklich erloschene Essener Agentur, dem erbrüteten Slogan „Bochum macht jung!“ in paradigmatischer Gedankenarmut auch noch die Zustimmung erteilte, anstatt diesen als leuchtendes Beispiel für die Generalabsens von Intellekt und Verstand und für die geradezu erschütternde und maßlose Dumpfbichelei und Geschmacklosigkeit der so genannten Werbetreibenden auf die Halde arschdummer Gesichtsfurzereien zu werfen, und die dann die ganze Sache nicht wegen ihrer stupenden Blödigkeit einstellte, sondern weil es bei der Auftragsvergabe auch noch zusätzlich nicht mit rechten Dingen zugegangen war…

…dies ist die Stadt, die vollmundig, um nicht zu sagen: großmäulig, die Notwendigkeit zur Installation eines vollkommen unnützen Konzerthauses verkündet, ohne einen Bedarf dafür zu haben und die Kosten des laufenden Betriebes decken zu können, und das alles in einem Kulturraum, der inzwischen über mehr nicht ausgelastete Konzerthäuser verfügt, als er Orchester unterhält, und die das alles dann doch nicht hinkriegt, weil der Regierungspräsident zum Glück solchen und ähnlichen Unfug einer Gemeinde untersagt hat, die ihre Rechnungen in einer Größenordnung im Keller verschlampt, die unsereinen für Jahre in den Knast brächte und die finanziell noch nicht mal in der Lage ist, die Frostschäden des letzten Winters im Straßennetz zu beseitigen…

Apropos Kultur: Dies ist auch die Stadt, die einen „Platz des europäischen Versprechens“ für Kunst hält, anstatt sich einzugestehen, dass solcher Unfug nur etwas für die ganz besonders eitlen Idioten ist, denen es nicht schnell genug geht, ihren Namen auf einem Stein lesen zu können.

Apropos Bildung: Und natürlich ist das auch die Stadt, die, ohne mit der Wimper zu zucken und auf das langjährige Betreiben eines gescheiterten ehemaligen Schülers, ein seit Generationen über die Grenzen der Stadt wirkendes Haus humanistischer Bemühungen, eines jener am Daumen einer Hand abzuzählenden Dinge, die mal wirklich über die Grenzen dieses Weilers hinaus segensreich wirken, die solch ein Gymnasium also einfach weg haut und die Schüler und Lehrer aus den seit 150 Jahren mit Geist, Witz und Verstand imprägnierten ehrwürdigen Mauern in einen PCB-versuchten Bimsbunker sperrt, um dieses Filetgrundstück und das Gebäude anschließend an die Justiz zu verscherbeln!An Die Justiz! Ausgerechnet!Ausgerechnet an die Fachrichtung, für die ein „Ausreichend“ eine gute Note ist! Ausreichend![…] Ich sagen Ihnen eins: Ich wollte immer schon mal an der Außenmauer des Gerichtsgebäudes ein emailliertes Schild anbringen auf dem steht: Alle Gerichte auch zum Mitnehmen! Nie wünsche ich mir solches dringender als zur Zeit.

Dass es Heri, Björn und Lukas ausgerechnet in dieser Stadt zu so einer Zeit doch gelungen ist, ein solch schönes, ertragreiches und doch familiäres, mit großen Namen ebenso, wie mit den Abseitigen bestücktes, ein gerade im Detail so liebevoll gestaltetes, sich kulinarisch aus dem Brei erhebendes, fast Vip-Lounge-loses, in der Ladenstraße kaum Schrott, sondern Gutes und Eigenartiges anbietendes, ökologisch energieversorgtes, auf die Landschaft Rücksicht nehmendes und darob hernach fast spurlos verschwindendes, kurz: ein so famoses und spezielles Festival nun schon zum dritten Mal HIER auf die Europaletten zu stellen, muss als einzigartig betrachtet werden, macht mich sehr froh und illustriert das Können, den Willen, die Vorstellungskraft und den Teamgeist der Ideengeber und Organisatoren und ihren vielen Helferinnen und Helfer im Verein der Sparkasse und den Stadtwerken, die sich für diese besondere Sache leichten Herzens von Geld und Strom trennten, auf das Trefflichste! Und wie man hört, war selbst die Stadtverwaltung mal kaum im Wege, ja hat in Teilen wohl nach ihrem Vermögen gar das eine oder andere sinnvolle Detail beisteuern können.Vermutlich weil ein Großteil der sonst Verantwortlichen zur Zeit im Urlaub ist.

Doch das ist mir wurscht, wir haben es hier, das Fest, die Zelte stehen und bald geht es los. Ich für meinen Teil freue mich riesig und wünsche Ihnen allen die Zeit, mal neben ihren Pflichten einen Rundgang zu machen, sich auf der Piazza ein Eis oder ein Bier oder beides in dieser Reihenfolge zu gönnen und einen italienischen Augenblick im Gründen zu genießen.Ich für meinen Teil werde genau das jetzt tun. […]

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