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Zum Tee bei

Bernd Tönjes will keinen schnöden Abgesang

DORSTEN Bernd Tönjes mag auf den ersten Blick nicht so wirken, doch ist er ein Kind des Bergbaus. Mit Marion Taube spricht er über seine Vergangenheit und die Zukunft der RAG.

Bernd Tönjes will keinen schnöden Abgesang

Der Vorsitzende der RAG wünschte sich das Tee-Gespräch im ehemaligen Atelier Tisas im Souterrain des Ursulinenklosters, als Patron der Tisa von der Schulenburg-Stiftung genoss er sichtlich die kreative Atmosphäre

Man stellt sich einen Bergmann zugegebenermaßen optisch anders vor. Aber im Gespräch zeigt er entwaffnend offen die Seele eines Bergmannes. Und wenn man mit ihm über den Abschied von der Kohle spricht, kommt Zuversicht auf, dass es kein schnöder Abgesang wird, sondern gerade dieser Mann für die Zukunft des RAG-Konzerns eine neue Geschichte zu schreiben bereit ist: Bernd Tönjes ist ein Kind des Bergbaus und zugleich sein oberster „Amtsherr“ an der Spitze der RAG. Als gebürtiger Hervester war er schon als Junge mit seinem Vater auf Fürst Leopold 1000 Meter untertage, wenn auch damals noch aus reiner Abenteuerlust und „total illegal“, wie er verrät.

Ja, in Dorsten hat alles angefangen. Der ehemalige Bergwerksdirektor auf Leopold, Dr. Kleinschmidt, war mein Mentor schon während der Diplomarbeit und er hat mich im Grunde davon abgehalten, zu promovieren und hierher gelockt: „Komm zu mir, arbeite vor Ort, alles andere ist Quatsch. Learning by doing, das ist der richtige Weg.“ Ich habe immer das Konkrete gemocht. Und so habe ich in Dorsten die Ochsentour durch den Bergbau begonnen, das ganze Programm, da war man nicht der Herr Ingenieur am Schreibtisch. Aber irgendwann ist klar, dass man das Bergwerk wechselt und Erfahrungen an anderen Standorten sammeln muss.

Ja, das war eine tolle Zeit, eine abgegrenzte Truppe, man konnte die Arbeit sehen, bodenständig…

Bergbau ist auch im großen Stil handfeste Arbeit, die konkrete und ablesbare Ergebnisse bringt. Der Zusammenhalt unter den Bergleuten ist ein besonderer, ´Kumpel sein´ ist bis heute eine Ehrenbezeichnung. Kohleförderung war und ist Teamarbeit und auch in der Werksleitung bleiben Sie ja ein Teil des ganzen Betriebes; der höhere Grad an Verantwortung schwächt ja die Nähe zum Gesamtgeschehen nicht ab, eher im Gegenteil: dadurch, dass ich immer alle Wege der Kohle aus eigener Anschauung kannte, konnte ich oft viel unmittelbarer und zugleich im Überblick entscheiden.

Die Kohleproduktion läuft tatsächlich Ende 2018 aus. Natürlich trifft mich das sehr. Aber der Auslauf wird ja sozialverträglich gestaltet, das ist mir ein wichtiges Anliegen. Und die RAG bleibt bestehen. Wir sind auch weiterhin für Bergschäden verantwortlich. Außerdem regeln wir für die RAG-Stiftung die sogenannten Ewigkeitsaufgaben. Und: wir nutzen Ressourcen und Wissen auf unseren ehemaligen Standorten für die Gewinnung Erneuerbarer Energien: Windräder auf Halden, die dort küstenähnliche Bedingungen finden oder Pumpspeicherkraftwerke in ehemaligen Schachtanlagen. Darüber hinaus wird unser Bergbau-Know-how seit langem weltweit nachgefragt und vermarktet.

Das Gedächtnis an die Ära von Kohle und Stahl lebendig zu halten, ist eine der zentralen Aufgaben. Da gibt es bereits tradierte und lebendige Einrichtungen, die alle eine hervorragende Arbeit machen und die man im Netzwerk stärken muss – im Sinne von wertschätzen: von den zahlreichen Knappen- und Geschichtsvereinen, über das Bergbaumuseum und die Stiftung Bibliothek des Ruhrgebietes, beide in Bochum, oder die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur auf der Kokerei Hansa in Dortmund, in der ich stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender bin…

Absolut, es ist eine Ehre, diese Persönlichkeit der Tisa von der Schulenburg so nah mit der Geschichte des Bergbaus verbunden zu wissen. Eine so starke und kluge Frau, eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts, die sich als Mensch, Künstlerin und Ordensfrau immer eingemischt hat und zu den Bergleuten eine tiefe aufrichtige Verbundenheit hegte.

Ich habe sie in den 90ern bei den Mahnwachen für den Steinkohlenbergbau erleben dürfen: solidarisch, glaubwürdig, unbeugsam und dennoch mitfühlend, großartig. Diese Erinnerung immer wieder zu beleben, ist eine vornehme Aufgabe und ich bin dankbar, dass es in Dorsten soviel Engagement und Unterstützung dazu gibt. Die Einweihung des „Erinnerungsgartens für Tisa“ im letzten Jahr beispielsweise wäre ohne den Kunstverein und auch Einzelpersonen wie Frau Kipp nicht denkbar gewesen. Dass sich bei solchen Projekten dann auch noch Schülerinnen und Schüler dieser Stadt und Auszubildende unseres Unternehmens bei der Arbeit begegnen und voneinander lernen, ist der beste Zukunftsimpuls, den ich mir denken kann. Und ich bin fast sicher, dass wir in diesem Jahr weitere Tisa-Projekte erleben dürfen.

(strahlt) Im Februar ist die ganze Schalker Mannschaft auf Auguste Viktoria angefahren. Trainer Huub Stevens hat dabei sehr eindrucksvoll an die gemeinsame Geschichte erinnert. Die harte Arbeit untertage ist ja für die meisten jungen Leute gar nicht mehr vorstellbar. Erinnerungsarbeit ist daher unbezahlbar und eine der wertvollsten Investitionen in das Zeitalter nach der Kohle, um das Gedächtnis wirklich auf „ewig“ lebendig zu erhalten. 

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