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Zum Welt-Frühgeborenen-Tag

Frühchen aus Rhade: Zwei Hände voll Leben

Rhade 440 Gramm hat Jule bei ihrer Geburt gewogen. Ihre Zwillingsschwester Maja wog 1100 Gramm. Wie die beiden Kinder aus Rhade ihren Weg ins Leben fanden, erzählen wir zum Welt-Frühgeborenen-Tag am Freitag (17. November).

Frühchen aus Rhade: Zwei Hände voll Leben

Jule und Maja waren, als sie auf die Welt kamen, ziemliche Leichtgewichte. Jule (r.) wog 440 Gramm, Maja 1100. Foto: Rademacher Foto: Foto: Marie Rademacher

Thomas Gördes deutet auf seiner Handfläche eine Linie an und wirft einen Blick auf seine kleine Tochter Jule. „Sie ging so bis hier“, sagt er. Nicht mal so groß wie die Hand ihres Vaters war die Kleine, als sie im vergangenen Jahr – viel zu früh – auf die Welt kam. Ihre Zwillingsschwester Maja war auch ein Leichtgewicht – aber wog trotzdem doppelt so viel wie ihre kleine Schwester.

Kind im Bauch nicht ausreichend versorgt

„Ungefähr in der 23./24. Schwangerschaftswoche haben wir erfahren, dass nicht alles so läuft, wie es sollte“, erinnert sich Sarah Krafczyk, die Mutter von Jule und Maja. Anfang November des vergangenen Jahres kam sie ins Krankenhaus nach Coesfeld, bei einer Ultraschalluntersuchung dort wurde klar, dass eines der beiden Babys in ihrem Bauch nicht ausreichend versorgt wird.

„Ein paar Wochen haben wir dann noch durchgehalten. Und dann war irgendwann klar: Jetzt geht nichts mehr, wir müssen sie holen“, sagt sie und schaut zärtlich ihre Kinder und ihren Mann an. Ein Lächeln schwingt in ihrer Stimme mit. Aber ein eher ironisches. Was dann folgte, war nämlich nicht unbedingt die leichteste Phase im Leben der jungen Familie. Nach nur 27 Schwangerschaftswochen (normal sind 40) kommen Jule und Maja auf die Welt. Maja wiegt 1100 Gramm. Jule 440 Gramm. 440 Gramm. Kein ganzes Pfund.

Moderne Medizin spielt große Rolle



„So kleine Mäuse im Brutkasten zu sehen...“, beginnt Vater Thomas Gördes einen Satz und sucht nach Worten, um im Rückblick seine Gefühle zu beschreiben, als er seine Töchter zum ersten Mal sah. „Wir waren nur froh, dass alles gut gegangen ist“, sagt er dann. „Ja“, pflichtet Sara Krafczyk (32) ihm bei, „das war erst einmal das Allerwichtigste. Dass beide nur mit einer Atmenunterstützung alleine atmen konnten, war auch toll, damit hätte keiner gerechnet.“

Die Technik, die moderne Medizin hat gerade in diesem frühen Lebensstadium der Kinder eine große Rolle gespielt. In der Kinder- und Jugendklinik der Christophorus-Kliniken gibt es einen Fachbereich für Neonatologie (Frühgeborenenmedizin). Die Medizin hat sich auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt. „Auch wenn es weiterhin kranke oder behinderte Kinder nach Frühgeburtlichkeit geben wird, so wurde die Zahl der gesund überlebenden Kinder doch ständig gesteigert“, erklärt Dr. Hubert Gerleve von den Christophorus-Kliniken. Er ist Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik des Hauses. „Auch Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm können heute gesund überleben. Dafür benötigen Frühgeborene neben der Technik vor allem medizinische und pflegerische Kompetenz“, sagt er.

14 Wochen im Krankenhaus

Jule und Maja sind Beispiele für diese erfreuliche Entwicklung. Fast ein Jahr sind sie nun alt. Beide haben gut aufgeholt. „Maja geht mit großen Schritten voran, Jule schaut sich aber viel ab und kommt gut hinterher“, sagt Sarah Krafczyk. Beide sind gesund. Erst 14 Wochen nach der Geburt konnte sie zusammen mit ihren Kindern das Krankenhaus verlassen. Diese, Zeit auf der Station brauchten Maja und Jule, um wirklich gewappnet zu sein für ein glückliches Kinderleben. „Neben der medizinischen Versorgung spielt die Berücksichtigung der emotionalen Bedürfnisse der Kinder eine große Rolle. Für die weitere Entwicklung ist die Art der Zuwendung von ausschlaggebender Bedeutung“, so Gerleve. „Die häufige Anwesenheit der Eltern auf der Intensivstation fördert die körperliche und geistige Entwicklung erheblich. Darum bemühen wir uns, die Eltern früh in die Pflege einzubeziehen und frühen Hautkontakt (Känguru-Methode) zu ermöglichen“, sagt der Experte weiter.

Kontakt über das Känguruhen

Davon erzählen auch Sarah Krafczyk und Thomas Gördes, die in diesen 14 Wochen jeden Tag zweimal von Dorsten aus zu ihren Kindern nach Coesfeld gefahren sind. Schwer sei das schon irgendwie gewesen, sagen sie. Gerade nach dem Känguruhen, also dem Auflegen der Kinder auf die Brust. „Und dann fährt man wieder alleine nach Hause“, sagt Sara Krafczyk. Auch an Weihnachten und Silvester. „Aber wir wussten ja, dass sie in guten Händen sind“, ergänzt Thomas Gördes. Wie viel Stress diese Zeit für sie als Eltern war, wie intensiv – „das haben wir alles erst viel später realisiert“, sagt die Zwillingsmutter. Aber, so macht es Thomas Gördes deutlich, die Zeit war alternativlos.


„Die Kinder haben Freude am Leben“, meint Hubert Gerleve mit Blick auf die Gegenwart, „und das ist das Wichtigste“. So sitzen Jule und Maja in schwesterlicher Eintracht auf dem bunten Teppich im Wohnzimmer der Familie, kauen auf Maisstangen herum, lachen, interagieren. Wer hätte das gedacht, als Jule und Maja zur Welt kamen – so klein, zerbrechlich, so schwach, zwei Hände voll Leben.

  • Als frühgeboren gelten Kinder, wenn sie vor 37 Schwangerschaftswochen geboren werden.
  • Eins von zehn weltweit geborenen Babys ist ein Frühchen.
  • Der 17. November ist der Welt-Frühgeborenen-Tag (WFT). Es gibt ihn seit 2008, er wurde von der europäischen Stiftung für die Pflege von Frühgeborenen initiiert.
  • Dieses Jahr nehmen 170 Kliniken in Deutschland, Österreich und der Schweiz den Tag zum Anlass für verschiedene Veranstaltungen. Das Motto: „Starker Start für kleine Helden.“ In den Christophorus-Kliniken in Coesfeld, wo auch Jule und Maja aus Dorsten geboren wurden, finden Podiumsgespräche mit Eltern und Kindern, Ärzten und Kinderkrankenschwestern statt.
  • Im Perinatalzentrum Coesfeld wurden in den letzten Jahren seit 2012 etwa 10.000 Kinder geboren. Über 1.400 Frühgeborene waren dabei, davon 15 unter 500 Gramm Geburtsgewicht. Das Kleinste mit 320 Gramm ist mittlerweile fünf Jahre alt und kommt bald in die Schule.

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