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Politischer Gefangener erzählt vom Knast-Alltag im Stasi-Staat

Autor Michael Naue im Cornelia-Funke-Baumhaus Dorsten

Zeitzeuge Michael „Mischa“ Naue wurde in Stasi-Haft gefoltert. Im Interview vor seiner Lesung im Cornelia-Funke-Baumhaus in Dorsten berichtet er, wie er die Welt bereist hat und wie er zum Zen-Buddhismus gekommen ist und warum er die Zeit in Gefangenschaft trotzdem nicht missen möchte.

Dorsten

von Anke Klapsing-Reich

, 08.06.2018
Politischer Gefangener erzählt vom Knast-Alltag im Stasi-Staat

Acht Monate saß Mischa Naue im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen als politischer Gefangener in Haft. Heute führt er als Zeitzeuge durch die Gedenkstätte. © Anita Maria

Fotograf, Koch, Referent in der politischen Bildungsarbeit und jetzt auch noch Imker – wenn man sich Ihre Tätigkeitsfelder anschaut, überrascht die Vielfalt. Sind Sie ein Multitalent oder wie würden Sie sich beschreiben?

Es kommt immer anders im Leben, als man denkt. Durch meinen Rausschmiss aus der Schule als Achtklässler musste ich ja schon früh meine berufliche Laufbahn starten.

Entschuldigen Sie meine Unterbrechung. Warum wurden Sie rausgeschmissen?

Ich konnte mich schon als Jugendlicher nicht in diesem sozialistischen System anpassen. Wenn ich wieder diese politischen Lieder nicht mitsingen wollte, mit Jeans oder einer Einkaufstüte aus dem Westen als Schultasche in die Klasse kam, hagelte es Tadel. Ich konnte mit diesen Autoritäten einfach nichts anfangen. Ja und irgendwann, war´s dann wohl zuviel.

Wie ging’s dann weiter?

Zuerst wurde ich als 14-Jähriger in eine Lehre im Gleisbau gesteckt. Danach habe ich das Sattlerhandwerk gelernt. Dann kamen die Fluchtversuche, die Haftzeit als politischer Gefangener. Nach meinem Freikauf gelangte ich in die Bundesrepublik und machte eine Ausbildung zum Koch. Ich habe Reisen nach Südamerika, Thailand und Korea unternommen und dann habe ich meinen Traum wahr gemacht: Ich bin nach Japan gegangen, habe drei Jahre im Kloster den Zen-Buddhismus gelernt und bin Priester geworden.

Wie sind Sie denn mit dem Zen-Buddhismus in Kontakt gekommen?

Ich war schon als Jugendlicher sehr an Hermann Hesse und der asiatischen Kultur interessiert. Ein Literatur-Professor versorgte mich mit entsprechender Lektüre. Und dann passierte etwas, das sich irgendwie lustig anhört, aber wahr ist: Als 16-Jähriger habe ich mich einfach an den Grenzübergang nach West-Berlin gestellt und so lange gewartet, bis ich jemanden aus Asien traf. Das war dann ein japanischer Kalligrafie-Professor aus West-Berlin. Den habe ich angesprochen, ob er mir etwas über Zen-Buddhismus beibringen könne. Und das war ein großes Glück. Denn danach trafen wir uns regelmäßig in Ost-Berlin und er wies mich in diese buddhistische Welt ein. Das war der Stasi übrigens auch ein Dorn im Auge. Später habe ich erfahren, dass sie zwei meiner besten Freunde auf mich angesetzt hatte.

Sie erzählen in Ihrem Buch „Gefangen mit Buddha. Meine Rebellion im Stasi-Staat“ davon, dass Ihnen der buddhistische Glaube in ihrer Gefangenschaft Halt und Hilfe war. Inwiefern?

In Hohenschönhausen hatte ich nach meinen beiden Fluchtversuchen vier Monate in Stasi-Untersuchungshaft eingesessen. Nach meiner Verurteilung zu zwei Jahren Haft wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“ war ich dann von April bis Dezember 1984 in der Strafvollzugseinrichtung Naumburg eingesperrt. Wenn man roher Brutalität ausgeliefert ist, können innere Ruhe und Harmonie eine wichtige Stütze sein. Ich habe die Isolation überlebt, angekettet in einer Einzelzelle. Auch die systematische Folter mit brennenden Zigaretten, Tritten, Schlägen und psychologischer Misshandlung.

2015 – also mit großem zeitlichen Abstand – haben Sie Ihre Erinnerungen an Ihre Jugend in einem Buch aufgeschrieben. Was hat Sie so spät noch dazu bewogen?

Ich wollte immer wieder nach Berlin-Hohenschönhausen zurück. Als ein Freund die Stasi leugnete, regte mich das so auf, dass ich vorschlug, den Ort gemeinsam zu erkunden. Damals war er stillgelegt, noch keine Gedenkstätte. Was mein Freund dann sah, war ein echter Schock für ihn. Viele Jahre später, als Hohenschönhausen schon Gedenkstätte war, wurde ich als Zeitzeuge nach einem Interview gefragt. Danach kam dann die Anfrage vonseiten der Gedenkstätte, ob ich nicht als Referent für politische Bildung für Jugendliche tätig werden wolle. Ich habe mir kurze Bedenkzeit erbeten und dann zugesagt. Denn wer sonst soll den Menschen erzählen, was damals hinter diesen Mauern passierte? Daraus ergab sich dann die Idee zum Buchprojekt.

Sind Sie auch nach Naumburg zurückgekehrt?

Ja. Nach der Wende diente die Einrichtung dem normalen Strafvollzug. Dann wurde sie komplett geschlossen. Ich habe 2015 die Initiative „Erinnerungsort Gefängnis Naumburg“ ins Leben gerufen und über den dortigen Bürgermeister zwei Tage der offenen Tore erwirken können, an denen die Öffentlichkeit Einblicke gewinnen konnte. Doch die Perspektiven, Naumburg auch als Gedenkstätte einzurichten, stehen nicht so günstig. Wie es der Zufall so wollte, habe ich nach meinem ersten Naumburg-Besuch den ehemaligen Gefängnisdirektor, der offensichtlich unbehelligt dort weiterlebt, auf dem Marktplatz gesehen. Da kam alles wieder hoch. Ich musste mich erst mal setzen und habe mich gefragt: Warum bist Du nicht lieber nach Mallorca gefahren?

Sie touren als Autor und Zeitzeuge durchs Land, mit welcher Botschaft im Gepäck?

Die erste Botschaft heißt: „Geht alle wählen!“ Die Zweite appelliert ans eigenverantwortliche Handeln. In den Diskussionen bei meinen Lesungen werde ich oft gefragt, ob ich nicht wütend sei und auf Rache sinne. Dann sage ich immer: Wenn man es geschafft hat, sich wieder zusammenzusetzen, dann sollte man versuchen, glücklich zu sein. Und ehrlich gesagt: Natürlich hätte ich gut darauf verzichten können, politischer Gefangener zu sein. Andererseits möchte ich in der Rückschau die Zeit nicht missen, denn sie hat meinen Sinn für Freiheit und Schönheit gestärkt. Und daraus habe ich viel positive Kraft gezogen.

Was erwartet Ihre Zuhörer bei der Lesung in Dorsten?

Keine klassische Lesung. Ich bin nicht so der große Vorleser. Ich werde zwar kurze Passagen aus meinem Buch lesen. Aber ich könnte mir denken, dass es für die Leute interessanter ist, wenn ich Ihnen erzähle, was sie wissen wollen. Wo ich schon mal live da bin, können sie mir gerne Fragen stellen.

Michael Naue: „Gefangen mit Buddha. Meine Rebellion im Stasi-Staat“; November 2015, Eigenverlag. Naue lebt in West-Berlin und ist Mitbegründer der Initiative „Erinnerungsort Gefängnis Naumburg“. Weitere Infos über Mischa Naue gibt es hier. Karten (7 Euro) für die Kooperationsveranstaltung von Cornelia-Funke-Baumhaus und Amnesty International am Dienstag (12. Juni), 19.30 Uhr, im Cornelia-Funke-Baumhaus, Halterner Straße 5, gibt es in der Stadtinfo, Recklinghäuser Straße 20, und an der Abendkasse.
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