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Salongespräch mit Dominik Schottner

„Traut euch, über das Tabu zu sprechen“

Dorsten Dominik Schottner wuchs mit einem suchtkranken Vater auf und verlor ihn an den Alkohol. Beim Salongespräch am Mittwochabend berichtete er darüber - ein intensiver Abend.

„Traut euch, über das Tabu zu sprechen“

Susanna Schönrock-Klenner mit ihren Gästen im „Salongespräch“ zum Thema Alkohol: (v.l.) Dominik Schottner (Journalist und Buchautor), Karl-Heinz Berse (Suchtberatung der Caritasverbände Dorsten und Haltern) und Matthias Feller (Leiter der Sparkasse Vest in Dorsten). Foto: Foto: Anke Klapsing-Reich

Nur fünf Aufzeichnungen auf dem Anrufbeantworter sind Dominik Schottner von seinem Vater geblieben. Eine davon spielte der Buchautor und Radioredakteur am Mittwochabend den Besuchern des Salongespräches vor, das Susanna Schönrock-Klenner mit der Sparkasse Vest anlässlich der Dorstener Männertage in den Sparkassenräumen zum Thema Alkohol organisiert hatte.

Schonungslose Offenheit

Die freundliche Stimme mit dem fränkischen Zungenschlag gehörte zu einem Opa, der sich interessiert nach seinem Enkelsohn erkundigte. Dass sie auch die Stimme eines hoffnungslosen Alkoholkranken war, der sich mit billigem Wodka eines Discounters totgesoffen hat, davon erzählte anschließend der Sohn in schonungsloser Offenheit.

Nach dem Tod des Vaters vor drei Jahren begann Schottner in der Familien-Vergangenheit zu graben. Wie konnte es zu dieser tragischen Entwicklung kommen, welche Gründe gibt es dafür? „Als Kind konnte ich die Dimension des übermäßigen Alkoholkonsums meines Vater gar nicht einordnen und begreifen. Für mich war mein Vater der coole Papa, der meiner Fußballmannschaft einen Trikotsatz spendete und mit mir Sandautos am Urlaubsstrand baute.“

Doch als ihn eines Nachts der lautstarke Streit seiner Eltern aus dem Bett trieb und er wie ein Späher in seinem Versteck gewalttätige Übergriffe mit ansehen musste, kippte das Bild: „Da war mein Vater nicht mehr der Beschützer meines Lebens, sondern eine Gefahr. Ich hatte Angst vor ihm, Angst davor, er werde die Familie zerstören.“

Langjährige Erfahrung

Karl-Heinz Berse weiß aus seiner langjährigen Erfahrung als Suchtberater bei der Caritas, was Kinder von suchtkranken Eltern durchleiden: „Sie fühlen sich hilflos, dürfen ihre Fragen nicht stellen, ihre Emotionen nicht äußern, denn dieses Thema ist schambesetzt und tabu.“ Rund 2,6 Millionen Kinder leben in Deutschland in einer Familie mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil. „Studien besagen, dass ein Drittel davon gefährdet ist, im späteren Leben psychisch, ein anderes Drittel an Alkoholsucht zu erkranken, und das dritte Drittel entwickelt sich gesund und stark“, so Berse.

Dominik Schottner ist „noch relativ glimpflich“ durch die Alkoholzeit seines Vaters gekommen, wie er selber sagt, im Gegensatz zu seiner Schwester, die die volle Breitseite mitbekommen habe. Er hatte den Mut, dieses Thema anzufassen, die Lügen zu durchschauen, die Sprachlosigkeit zu durchbrechen: „Diese Geschichte mit all ihren Härten in ein les- und hörbares Produkt zu bringen, das nicht schmerzt, das ist das schwerste“, gesteht Schottner, der sich oft in die Rolle des Spielverderbers gedrängt sieht.

Mut ist unverzichtbar

Mut, die Tatsachen beim Namen zu nennen, hält auch Karl-Heinz Berse für unverzichtbar: „Viele unserer Klienten erklären nach einer Therapie, dass sie im Nachhinein froh darüber seien, auf ihren Missbrauch angesprochen worden zu sein: ,Das sind die richtigen Freunde.’“ Dabei gibt Berse eine Goldregel an die Hand: „Nur über Abhängigkeit sprechen, wenn der Adressat nüchtern ist.“

Auf Nachfrage von Moderatorin Susanna Schönrock-Klenner erklärte Berse, wie die Suchtberatung, die auch Angehörige mit einbezieht, helfen könne: „In einem ersten Gespräch führen wir eine Basisberatung durch, anschließend besprechen wir, welches der vielfältigen Angebote von ambulant über teilstationär bis stationär für die individuelle Situation des jeweiligen Klienten am sinnvollsten ist.“

Denn jeder habe seine eigene Suchtgeschichte, die hinter dem Alkoholmissbrauch stecke. Ziel der Therapie müsse es also sein, dass jeder ein persönliches Suchtverständnis für sich erarbeitet, um auch in Zukunft die Risikofaktoren im Blick zu halten: „Wie ein Männchen, das auf der Schulter sitzt und bei Gefahr in Verzug die Alarmglocken schrillen lässt.“

Ambulante Therapien

Ambulante Therapien eröffnen den Alkoholkranken die Möglichkeit, ihren Arbeitsalltag weiter zu stemmen. „Bei uns wird keiner deswegen vor die Tür gesetzt“, sieht Matthias Feller, Leiter der Sparkasse Vest in Dorsten, auch die Arbeitgeber in Verantwortung für ihre erkrankten Mitarbeiter. „In unserer Dienstvereinbarung zum Suchtverhalten ist festgelegt, dass der Betroffene keine personalrechtlichen Konsequenzen oder Einträge in die Personalakte zu befürchten hat.“

Nach einem intensiven, emotional dichten Abend bedankte sich Susanna Schönrock-Klenner beim Publikum und ihren Gästen. Vor allem bei Dominik Schottner, der aus Berlin nach Dorsten angereist war: „Traut euch, darüber zu sprechen“, appellierte er ans Publikum. Habt den Mut, den Gegenwind auszuhalten.“

Dominik Schottner: Dunkelblau. Wie ich meinen Vater an den Alkohol verlor“, Pieper, 15 Euro. Der Journalist wurde für seinen Radio-Beitrag über seinen alkoholkranken Vater mit dem Radiopreis 2016 ausgezeichnet. Kontakt zur Suchtberatung der Caritas Dorsten: Karl-Heinz Berse, Tel. ( 02362) 918730; E-Mail: kh.berse@caritas-dorsten.de Hier geht’s zur preisgekrönten Radioreportage

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