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Buch über NSU-Prozess veröffentlicht

„Das NSU-Urteil soll kein Schlussstrich sein“

Dortmund Zum zwölften Mal jährt sich am 4. April 2018 der Todestag von Mehmet Kubasik. Angehörige und Anwälte haben nun unter dem Titel „Kein Schlusswort“ ein eigenes Resümee des NSU-Prozesses, der seit 2013 läuft, in Buchform vorgelegt.

„Das NSU-Urteil soll kein Schlussstrich sein“

Der Gedenkstein für Mehmet Kubasik an der Mallinckrodtstraße 190. Foto: Dieter Menne Dortmund (Archiv)

Am 4. April 2006 ist Mehmet Kubasik in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße 190 erschossen worden – mutmaßlich von Mitgliedern der rechtsextremistischen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Im NSU-Prozess, der seit 2013 gegen Beate Zschäpe und weitere Angeklagte läuft, sind Angehörige der Opfer als Nebenkläger aufgetreten.

Angehörige und Anwälte haben nun unter dem Titel „Kein Schlusswort“ ein eigenes Resümee des Prozesses in Buchform vorgelegt – unter anderem mit Beiträgen von Mehmet Kubasiks Witwe und Tochter Elif und Gamze. Das Buch kostet 19,80 Euro. Tobias Großekemper hat Herausgeberin Antonia von der Behrens zu Buch und Prozess befragt.

DORTMUND „Diese Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund hat viele Anfänge. Das macht es schwer, sie zu erzählen.“ So beginnt die große Reportage zum Rechtsextremismus in Dortmund. Monatelang hat sich Tobias Großekemper auf die Spurensuche gemacht - das Ergebnis füllt mehrere Seiten. Jetzt gibt es hier die ganze Geschichte bequem zum Hören als Podcast. mehr...

Hat der Prozess Stärken?

Trotz erheblicher Schwierigkeiten ist es aus meiner Sicht in dem Verfahren gelungen, die Schuld der fünf Angeklagten entsprechend der Anklage der Bundesanwaltschaft nachzuweisen, also bezüglich Zschäpes insbesondere die täterschaftliche Beteiligung an den Morden, Anschlägen und Raubüberfällen und bei den übrigen vier Angeklagten, u.a. Beihilfe zu neun Morden durch Lieferung der Tatwaffe, der Ceska 83, und Unterstützung der terroristischen Vereinigung NSU.

Hat der Prozess Schwächen?

Es wurde im Verfahren noch nicht einmal versucht, wesentliche Fragen der Familie Kubasik zu klären. Die Mandanten treiben seit der Selbstenttarnung des NSU die Fragen um: Gab es insbesondere in Dortmund Unterstützer des NSU, die diesem zum Beispiel Hinweise auf den Kiosk von Mehmet Kubasik gegeben, diesen ausgespäht haben? Leben diese vielleicht heute noch in Dortmund? Hätte der Mord an Mehmet Kubasik oder möglicherweise sogar die ganze Mordserie des NSU mit dem Wissen des Verfassungsschutzes verhindert werden können?

Der Titel des Buches lautet: „Kein Schlusswort: Der Nationalsozialistische Untergrund und der Stand der Aufklärung“. Wie ist der Stand der Aufklärung?

Die kurze Antwort lautet: Das Bild, das die Anklage vom NSU als einer terroristischen Vereinigung zeichnet, die nur aus drei völlig abgeschotteten Personen bestanden habe, deren Aufenthalt dem Verfassungsschutz nicht bekannt gewesen sei, ist nicht haltbar. Diese Annahmen können wir schon heute widerlegen. Was wir aber zum Beispiel nicht wissen, ist, ob der Verfassungsschutz etwas Konkretes über die Taten des NSU wusste und warum er das vorhandene Wissen nicht an die Polizei weitergeleitet hat.

Warum brauchte es dieses Buch?

Wir haben es vor dem Urteil veröffentlicht, das wir jetzt im Frühsommer erwarten. Das Urteil soll nicht als Schlussstrich unter die Aufklärung wahrgenommen werden mit der Folge, dass damit die Forderung nach weiterer Aufklärung in der Öffentlichkeit verstummt. Wir wollen deutlich machen, dass das Gericht sich nur mit der Tat- und Schuldfrage der fünf Angeklagten befasst hat. Die Fragen nach dem Netzwerk, nach Helfern an den Tatorten und dem Wissen des Verfassungsschutzes sind weiter offen.

Wie haben Sie die Familie Kubasik erlebt?

Sehr stark. Elif, die Witwe von Mehmet Kubasik und Gamze, seine Tochter, haben sich nach dem Mord trotz allem Schmerz, trotz aller Stigmatisierung nicht zurückgezogen. Sie haben unmittelbar nach dem Mord mit der Unterstützung der Familie Yozgat, deren Sohn zwei Tage nach Mehmet Kubasik in Kassel ermordet worden war, eine Demonstration in Dortmund unter dem Titel „Kein 10. Opfer“ organisiert. Die Demonstration hatte das Ziel, die Öffentlichkeit aufzurütteln, auf die Mordserie hinzuweisen und darauf, dass die Mordermittlungen in die falsche Richtung gingen, das die Opfer nichts mit organisierter Kriminalität etc. zu tun hatten, dass man mit solchen Ermittlungsansätzen die Täter nicht finden würde. Elif Kubasik hat schon 2006 und 2007 in Interviews mit der Presse gesagt, dass sie sich nur ein „fremdenfeindliches“ Motiv für den Mord vorstellen könne. Doch wurde dies bis 2011 von der Dortmunder Polizei ignoriert. Nach der Selbstenttarnung des NSU hat die Familie weiter diese Stärke gezeigt und öffentlich Aufklärung eingefordert. Elif Kubasik ist immer wieder nach München zum Verfahren gekommen, obwohl sie jedes Mal danach krank wurde. Sie wollte mit ihrer Anwesenheit deutlich machen, wie wichtig ihr und der Familie die Aufklärung ist.

Antonia von der Behrens wird das Buch „Kein Schlusswort“ am 4. April ab 19.30 Uhr in der Auslandsgesellschaft an der Steinstraße vorstellen und Fragen zum NSU-Prozess beantworten.

Die Familie Kubasik sowie ihre Anwälte und einige Politiker legen bereits am Nachmittag Blumen am Gedenkstein an der Mallinckrodtstraße 190 nieder. Um 18 Uhr startet dort zum „6. Tag der Solidarität – Gedenken an die Opfer des NSU“ eine Demo mit Kundgebung.

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