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100 Jahre Jazz in Dortmund

Die Dortmunder Jazz-Szene ist im Wandel

Dortmund Jazz spielt in der Dortmunder Musikkultur seit 100 Jahren eine wichtige Rolle. Swing und Groove waren erst Befreiung und wurden dann zu Populärkultur. Jetzt steht der Jazz in Dortmund vor dem nächsten Zeitenwandel.

Die Dortmunder Jazz-Szene ist im Wandel

Große Jazz-Stars sind auf Dortmunder Bühnen keine Seltenheit, so wie hier der US-amerikanische Saxofonist Kamasi Washington bei seiner ersten Europa-Tournee im Domicil. Foto: Oliver Schaper

Wenn man vor einem normalen Musikhörer dieser Zeit steht, wird man Jazz in der Mehrheit der Fälle erst einmal erklären müssen. Denn die Streaming- und Radiowelt ist auf den ersten Blick jazz-frei. Wer Songs vermarkten will, kann sich keine Harmonie-Umwege leisten. Und doch kommt jeder Mensch mit diesem Musikstil in Berührung – und sei es nur im Fahrstuhl, im Kaufhaus oder bei der von einem Algorithmus ausgewählten Weihnachtsplaylist.

Viel mehr noch: Ohne den Jazz wäre unsere heutige Musikwelt nicht so, wie sie ist. Der Dortmunder Musiker Uwe Plath von der Glen-Buschmann-Jazz-Akdemie sagt. „Jazz ist die einzige im 20. Jahrhundert entstandene Kunstart. Ohne das, was da entstanden ist, würde es heute keine Popmusik geben. Es war der Urknall für Zig-Revolutionen in der Musik.“

Die Dortmunder Jazz-Historie ist ein Beleg dafür. Sie ist so komplex, dass es ein Muster braucht, um sie zu verstehen. Zugleich bleibt Raum für Improvisation. Eine textlich-musikalische Anordnung.

Intro (Besen streicheln die Snare, ein Upright-Bass schleicht sich in die Szenerie).

Das Ruhrgebiet liegt nach dem Ersten Weltkrieg darnieder, als die neue Mode kommt. Die alliierten Besatzungsmächte bringen neue Musik ins Land, an der die gerade entstehende Schallplattenindustrie sehr interessiert ist. 1920 wird die erste deutsche Jazz-Schallplatte gepresst.

Aufbau I (eine Piano-Melodie gesellt sich hinzu - hüpfend, ansteigende Dynamik, Swing-Becken).

Jazz wird in den 1920er-Jahren zum Zeitgeistphänomen – und Dortmund macht mit. Im Café Wien auf der Brückstraße spielen Jonny Lang und „das beste Damen-Jazz- und Show-Orchester des Kontinents“ bei Hansa-Export für 38 Pfennig.  Café Corso, Uhu, der Freizeitpark im Fredenbaum – überall sind neben der klassischen Tanzmusik plötzlich Variationen und amerikanische Jazz-Standards zu hören.

Als die Menschen im Café Corso, in der Postkutsche in Aplerbeck oder im Wintergarten in Kurl tanzen und feiern, nahen schon dunkle Zeiten. Die Nationalsozialisten erklären Jazz zu „entarteter Musik“ und stellen Hören und Tanzen unter Strafe.

Ausbruch (das Piano wandert weiter, verläuft sich in einer Melodie, krachender Snare-Schlag, Crash. 1 Takt Stille).

Aus dem Untergrund ersteht der Jazz wieder auf. „Es gab in Dortmund nach dem Krieg die glückliche Fügung, dass Musiker in der Region da waren“, sagt Uwe Plath.

Der Aufstieg des Dortmunder Jazz ist mit den Namen Rainer Glen Buschmann und Wolf Escher verknüpft. 1949 gehören sie mit Rolf Düdder und anderen zu den Gründungsmitgliedern des „Hot Club Dortmund“, der fortan zum Zentrum der Jazz-Bewegung wird.  Die neue Jugendkultur trifft auf Ressentiments in der Bevölkerung. Die Musik ist Revolte, die durch den aufkommenden Rock‘n‘Roll nur noch lauter wird. Dortmund pulsiert, ist voller Konzerte und Musikerbegegnungen. Namen wie der des Klarinettisten Siggi Gerhard waren über Dortmund hinaus bekannt.

Aufbau II (Upright-Bass, Besen, Becken. Ein Vibraphon gesellt sich zum Piano hinzu).

Die 1950er-Jahre sind die Zeit, in der Dieter Jansen (80) den Jazz entdeckt. Er lernt noch klassisch am Konservatorium. Doch er will etwas anderes, er will Jazz-Vibraphon spielen. 1959 entschließt er sich, Berufsmusiker zu werden. Aus der Dortmunder Bar „Lampion“ heraus rekrutiert ein Agent seine Band für ein festes Gastspiel auf einer US-Luftwaffenbasis in Süddeutschland. „Wir waren mit einem Jazz-Programm als Tanzband unterwegs und dachten, wir hätten es geschafft“, sagt Dieter Jansen.

Tatsächlich läuft das Geschäft einige Jahre prächtig. Jansens Tanzorchester zieht um die Welt und spielt an US-Truppenstützpunkten mit den Größten der Szene. In Jansens Wohnzimmer hängt ein Foto seiner Band mit Louis Armstrong neben zahlreichen Erinnerungen an ein Leben im Zeichen des Swing.

Improvisation I (eine Trompete mischt sich ein, das Tempo zieht an).

Als Dieter Jansen Ende der 1960er-Jahre nach Dortmund zurückkehrt, packt er wie viele andere in dieser Zeit mit an. Er hilft mit, die Wände des Domicils zu streichen, das nach jahrelanger politischer Vorarbeit an der Leopoldstraße dem Jazz ab 1969 dank einer Initiative um Glen Buschmann und anderer eine feste Spielstätte in Dortmund bietet.

Es ist viel passiert. Jazz ist jetzt Teil des städtischen Kulturkonzepts. Und besitzt zugleich in den Nach-68er-Jahren eine links-alternative Prägung. Vor allem aber prägen in den Folgejahren Dortmunder Musiker wie Stefan Bauer, Matthias Nadolny und später Bands wie Time In Space einen eigenen Sound, den man mit Dortmund verbindet.

Improvisation II (Trompete).

Die Erlebniskultur verändert sich. In den 1980ern übernimmt Pop das Kommando, Jazz wird akademischer. Dortmund bleibt ein in der Musikerausbildung wichtiger Faktor, auch weil Glen Buschmann 1977 die Leitung der Musikschule übernimmt. „Er war verantwortlich für einen Wandel. Man konnte jetzt ein Instrument lernen, um Jazz zu machen. Das war vorher verpönt“, sagt Dieter Jansen. 1995 stirbt Glen Buschmann – an der Musikschule wird die nach ihm benannte Jazz-Akademie gegründet.

Outro (Besen, Kontrabass, Vibraphon).

Jazz ist so lange lebendig, wie er von den Menschen gespielt wird. Insofern ist in Dortmund vieles in Ordnung. Die Jungen kommen nach, modernisieren die Musikart. Die Älteren bewegen sich mit Hot-Jazz und Swing am musikalischen Gegenpol. Ihnen vergeht die Lust aufs Spielen einfach nicht. Dieter Jansen tritt mit den Darktown Stompers, einer der ältesten Bandformationen überhaupt in Dortmund, immer noch monatlich im Café an den Wasserbecken im Westfalenpark auf. Sie spielen dann alten Benny-Goodman-Jazz, wie sie ihn  immer geliebt haben.

Die Dortmunder Jazz-Historie ist in einem Buch von 2004 zusammengefasst, das auch Grundlage für die Daten in diesem Artikel ist.

Dr. Uta C. Schmidt, Andreas Müller und Richard Ortmann forschten intensiv in Archiven, Nachlässen und bei Zeitzeugen und veröffentlichten eine Gesamtübersicht.

Titel: „Jazz in Dortmund. Hot - Modern - Free - New“ im Klartext-Verlag.

Es gibt in Dortmund mehrer Jazz-Festivals. Die „Jazztage“ finden im November zum 25. Mal statt. Das Jazzfestival der TU Dortmund bringt regelmäßig im Januar verschiedene Spielarten des Jazz zusammen.

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