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Viele Fragen nach tödlichem Messerangriff in Hörde

Eine Woche danach: 1000 Fragen und ein Warum

Dortmund Eine Woche ist seit dem tödlichen Messerangriff auf eine 15-Jährige am Hörder Bahnhof vergangen. Die mutmaßliche Täterin war nicht zum ersten Mal straffällig und das Opfer in Obhut des Jugendamtes. Ein Messer macht stark, sagt ein Psychologe. Und dass es eher angesagt ist zu glotzen, als zu helfen.

Eine Woche danach: 1000 Fragen und ein Warum

Betroffenes, betretenes Schweigen im Hörder Parkhaus. Foto: Stephan Schuetze

Wenige Stunden nach dem tödlichen Messerstich in einem Hörder Parkhaus wurde der Ort dann eine Art permanente Gedenkstelle. Jugendliche trafen sich dort, irgendwie Betroffene, Eltern von Jugendlichen, es wurde viel gesprochen. Wer das Opfer war, wussten alle – wer die Täterin war auch, viele kannten beide. Einer der Jugendlichen charakterisierte kaum 48 Stunden nach der Tat die 16-Jährige, die das Messer geführt hatte, wie folgt: „Sie hatte zwei Seiten. Sie konnte nett sein. Aber da war auch etwas sehr, sehr Dunkles.“

Vor weniger als einem Jahr war sie schon einmal ausgerastet

Ob man das, was der Jugendliche meint, dunkel nennen kann, ist unklar. Klar ist inzwischen: Gewalttätig war die 16-Jährige, die seit der Tat in Untersuchungshaft sitzt, schon vor der Tat in dem Hörder Parkhaus, in dem am Freitagabend eine Gedenkfeier stattfand.

Nach Recherchen unserer Redaktion gab es in den vergangenen zwei Jahren rund zehn Vorfälle, in die das Mädchen involviert war und die sie polizeibekannt machten. Die vermutlich folgenschwerste Tat geschah im April 2017. Die heute Tatverdächtige trat damals derart auf ein Mädchen auf einem Schulhof in Aplerbeck ein, dass das Opfer mit einem angebrochenen Kiefer mehrere Wochen behandelt werden musste. Auslöser auch dieser Tat war eine Nichtigkeit, konkret: ein Spritzer aus einer Wasserflasche. So erzählen es Zeugen, die damals dabei waren.

Die Staatsanwaltschaft schweigt. Zurecht.

Zwar räumt die Staatsanwaltschaft Dortmund ein, dass es in Folge dieser Tat ein inzwischen abgeschlossenes Verfahren gegeben hatte – zu weiteren Details im Bezug auf eventuelle Vorstrafen will sich die Staatsanwaltschaft mit Blick auf das jugendliche Alter der mutmaßlichen Täterin nicht äußern. Lediglich, dass die junge Frau nicht Teil des Intensivtäterprogramms für jugendliche Straftäter gewesen sei, sagt die Staatsanwaltschaft.

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Das Schweigen der Staatsanwaltschaft ist richtig, alles andere wäre fahrlässig. Aber unbeantwortet bleibt somit, ob die 16-Jährige bereits vor Vollendung ihres 14. Lebensjahres polizeibekannt war. Und wie viele Vorstrafen oder Ermittlungsverfahren sie konkret in den letzten Jahren gesammelt hat.

Und natürlich die Frage, die dann über allem schwebt: Hätte jemand, der im April 2017 einen anderen Menschen übel zusammentritt und schwere Verletzungen in Kauf nimmt, der bedroht und prügelt, nicht davon abgehalten werden können, zehn Monate später einen anderen Menschen zu töten? Wahrscheinlich nicht. Aber weiß man es?

Das Kerngeschehen der Tat vom vergangenen Freitag, der eine 15-Jährige zum Opfer fiel, ist inzwischen relativ klar. Nach einer Auseinandersetzung wegen einer Nichtigkeit gab es zwischen den beiden Mädchen eine handgreifliche Auseinandersetzung. Als die schon fast beendet war, eskalierte die Situation vor Ort erneut, vermutlich wegen eines Flecks auf der Hose der Täterin.

Messer als Tatwaffe gilt inzwischen als relativ

Sie zog ein Messer und stach damit zu. Der Stich traf das Herz, die 15-Jährige brach in einem Treppenhaus zusammen und starb später im Krankenhaus. In dem Parkhaus selber gab es mal Kameras, die wurden beschädigt. Heute hängen Kameras auf der anderen Straßenseite, ihre Linsen zeigen ins Gebäude und filmten einen großen Teil des Geschehens.

Dass die Tatwaffe ein Messer war, gilt inzwischen als relativ sicher. Dieses Messer wurde später aufgrund von Zeugenaussagen zerstört in einem Papiercontainer in einem anderen Stadtteil gefunden. Die Person, die das Messer dorthin gebracht hatte, ist der Staatsanwaltschaft bekannt – die 16-Jährige kann es nicht gewesen sein, sie wurde kurz nach der Tat in einer nahegelegenen U-Bahn-Station festgenommen. Dass die Hauptverdächtige ein Messer dabei hatte, sei, so sagten es mehrere Jugendliche am Tatort, nichts Ungewöhnliches: Jeder zweite oder dritte junge Mensch habe ein Messer oder etwas anderes bei sich.

„Ein Messer zu haben, gilt als cool. Man fühlt sich stärker und mächtiger.“

Laut Dr. Claus-Rüdiger Haas, er ist Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Marl-Sinsen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, haben junge Leute ein Messer nicht nur bei sich, weil sie Angst vor einem Angriff haben: „Ein Messer zu haben, gilt als ‚cool‘. Man fühlt sich stärker und mächtiger.“

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Auch dass das Opfer von Feuerwehrleuten alleine im Treppenhaus vorgefunden wurde, kann Haas erklären, für ihn ist das kein Jugendphänomen: „Junge wie ältere Menschen sind zu Beobachtern geworden. Wenn jemand verprügelt wird, wird eher das Smartphone aus der Tasche genommen und gefilmt, statt zu helfen. Das erleben wir bei unserer Arbeit häufig. Das ist eine Mentalität geworden. Gaffer bei Unfällen zum Beispiel handeln genauso. Das scheint heute einfach viel angesagter zu sein, als zu helfen.“ Wichtig sei es, so Haas, die Arbeit der Schulsozialarbeiter weiter zu stärken, um letztlich solche impulsiven Taten zu verhindern.

Über 250 suchten ein Gespräch mit Betreuern vor Ort

In den vergangenen vier Tagen waren jeweils von 10 bis 20 Uhr professionelle Ansprechpartner des Jugendamtes mit einem Transporter im Parkhaus. Man sah sie schon von weitem, sie waren gut zu erkennen an ihren Westen. Und dann waren ja auch noch öfter Polizisten in der Nähe. Über 250 Jugendliche haben dort das Gespräch gesucht, heißt es am Freitagabend von der Stadt.

Als die Tat geschah, waren 15, vielleicht 20 Jugendliche in dem zugigen Parkdeck. Viele waren in den Tagen nach der Tat, bereit zu sprechen, zu erzählen, wie sie das so erlebt hatten. Es war von stabiler Seitenlage die Rede, davon, dass man geholfen habe, aber die 15-Jährige wurde dann von Feuerwehrleuten trotzdem allein vorgefunden. Vielleicht sind Erinnerungen eher das, wie man es gerne erlebt hätte, als das, wie es dann tatsächlich geschah.

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Hörensagen ist wenig wert, die Staatsanwalt ermittelt und schweigt, die Jugendlichen frieren im Parkhaus und trauern. Trauern wie unter dem Instagram-Kanal des Opfers. 29 Bilder sind dort gepostet worden. Unter dem letzten Bild, einem Selfie vor einem Spiegel, stehen eine Woche nach der Tat über 600 Beiträge. „RIP“ steht da, oder „Engel“ oder auch „Es bricht mir das Herz“.

Dazwischen wird sich beschimpft. Wer wen besser kannte und wer sich richtig verhalten habe, und wenn man diese Kommentare liest, hat man das Gefühl, in einem überdimensionalen Schulhofstreit gelandet zu sein. Aus einem fürchterlich traurigen Anlass.

„Eingriff in die Eigentumsrechte“

Auch das 15-jährige Opfer, das Mädchen vor dem Spiegel, hatte Kontakt zum Jugendamt und lebte nach Informationen unserer Redaktion in einer Jugendhilfeeinrichtung in einem anderen Stadtteil. Auch so eine Frage, die sich stellt: Ist es normal, dass eine 15-Jährige, die in so einer Einrichtung lebt, an einem Freitagabend um 22.40 Uhr in einem Parkhaus unterwegs ist? Dass sie überhaupt unterwegs ist?

Von Seiten der Stadt hieß es auf diese Frage, dass das Aufstellen und Einhalten von Regeln immer Sache der jeweiligen Einrichtung sei. Sie seien keine geschlossenen Einrichtungen.

Am Freitagabend dann, eine Woche nach der Tat, also die Gedenkveranstaltung. Ein Sprecher des Parhausbesitzers sagt, man habe „vor dem Hintergrund der besonderen Situation“ die Zustimmung zu so einer Feier gestattet. Ausnahmsweise möchte man anfügen, denn da, wo heute viele Kerzen stehen und Blumen liegen und Jugendliche an die Wände geschrieben haben, da also kann dauerhaft keine Gedenkstelle bleiben. Es gebe Interessen von Mietern und Kunden, die gewahrt bleiben müssten. Ein Gedenkort sei ein „Eingriff in die Eigentumsrechte“. Er sagte das wirklich so.

Da, wo sich monatelang Jugendliche trafen und tranken und kifften und abhingen. Bis jemand starb.

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