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Ensemble Artsenico: Ein Start-Up fürs Älterwerden

„Rehe auf der Lichtung“

Mit einem theatralen Parcours auf dem Hauptfriedhof thematisiert das Ensemble „Artsenico“ in seiner nächsten Produktion das Altsein – skurril und ironisch, mal humorvoll, mal befremdlich.

DORTMUND

von Hannah Schmidt

, 03.07.2018
Ensemble Artsenico: Ein Start-Up fürs Älterwerden

Wie Rehe auf einer Lichtung stehen ältere Menschen im Park herum – und Schauspielerin Elisabeth Pleß gibt wertvolle Tipps zum Thema Alternative „Einsitzen“. © Stephan Schütze

Es bringt nicht zwangsläufig einen intellektuellen Gewinn mit sich, dass ab einem gewissen Alter jeder etwas über „das Alter“ sagen kann und als Experte auf dem Gebiet selbstverständlich irgendwie Recht hat. Folgt man den ganzen Weisheiten alter Menschen über Menschen ihres Alters, dann wird man irgendwann sowohl klüger als auch nicht unbedingt klüger, habgieriger sowie großzügiger und gesitteter wie zänkischer zur gleichen Zeit. Wer wie der DDR-Schauspieler Winfried Glatzeder findet, „Altern ist scheiße“, wäre einem der gängigsten Sprichwörter zufolge „des Alters nicht wert“. Welch ein Schlamassel.

Das Ensemble Artsenico hat für seine Stationen-Performance am kommenden Samstag und Sonntag auf dem Hauptfriedhof so uninspiriert wie provokant eines der billigen Sprichwörter zum Anlass genommen, um auf den gängigen Narrativen des Alters einmal ordentlich herumzureiten: „Rehe auf der Lichtung“ lautet der Titel, unter dem fünfzehn gar nicht mehr so „junge Rehlein“ Ratschläge geben für ein besseres Leben im Alter – so richtig ernst gemeint ist das aber, wie man bereits ahnt, nicht.

„Ironische Betrachtung des Altseins“

„Angebote für ältere Menschen sind momentan noch so ...“, sagt Regisseur und Schauspieler Rolf Dennemann – den Satz beendet er mit einem doppelten Schulterzucken. „Immer soll miteinander gesungen oder gebastelt werden. Die Annahme, es gehe eben nichts anderes, ist einfach falsch, solange Keith Richards noch auf der Bühne steht!“ Eigentlich behandele er in seiner Arbeit immer schon das Thema Alter, fügt er an, „nur ich proste es nicht so raus.“ Dass Artsenico mit der aktuellen Produktion, der „ironischen Betrachtung des Altseins im Jahr 2018“ jetzt auf den Friedhof geht, sei eigentlich nur sekundär sarkastisch gemeint: „Wir haben einen Park gesucht.“ Und auf dem Hauptfriedhof sei die Performance eben ermöglicht worden.

Samstag und Sonntag (7. und 8.7.) werden dann zu eher ungewöhnlichen Uhrzeiten (18 Uhr, 8 Uhr, 15 Uhr) kleine Gruppen von Besuchern von Guides über den Friedhof geleitet. Unterwegs sehen sie „lebendige Bilder“, dargestellt von Menschen, die mit ihren jeweils über 55 Jahren als „alt“ gelten. An fünf „Beratungsstationen“ geben Schauspieler des Ensembles – alle mit großen oder kleinen Geweihen auf dem Kopf – ironische bis zynische Ratschläge für das Alter: das können Tipps sein vom professionellen Heiratsschwindler genau wie ein Denk-Workshop und das geteilte Know-How eines Hobby-Ornithologen.

Alternative „Einsitzen“

Schauspieler Thomas Kemper erklärt, wie man es schafft, als alter Mensch dem Label „alter Mensch“ zu entkommen und als Sonderling aufzufallen. Und wer als Alternative zum Versauern zu Hause gerne rund um die Uhr betreut und versorgt werden möchte, erfährt von Elisabeth Pleß, welche Delikte sich am besten eignen, um eingeknastet zu werden – selbstverständlich ohne andere Menschen zu verletzen, und nicht so schwer, dass direkt Einzelhaft verhängt wird (wobei das, wie Dennemann anmerkt, auch besonders angenehm sein kann). Aber: Es ist eine Gratwanderung.

Mit der „Beratungs-Performance“, sagt Dennemann, habe er „eine neue Kunstform erschaffen“. Anders als man meinen könnte, richtet die sich in ihrer ersten konkreten Umsetzung aber nicht nur an alte Menschen: „Das hier ist was für die ganze Familie.“ Und nebenbei könnten die Teilnehmer auch die Schönheit des Hauptfriedhofs erfahren, „der schönste Park, den wir neben dem Rombergpark haben in Dortmund.“

Zu den unterschiedlichen Uhrzeiten tauche die Sonne die ausgewählten Stationen in ein jeweils „ganz anderes Licht“: „An manchen Stellen scheint sie wie ein Scheinwerfer herab“, sagt Dennemann. Also entweder man überlegt sich den Zeitpunkt seines Besuchs genau – oder geht einfach drei Mal hin.

„Rehe auf der Lichtung“ findet am Samstag (7.7.) um 18 Uhr und am Sonntag (8.7.) um 9 Uhr und 15 Uhr auf dem Hauptfriedhof, Am Gottesacker 25, statt. Der Performance-Spaziergang dauert insgesamt 120 Minuten, wovon 45 Minuten reine Geh-Zeit sind. Es gebe aber Schatten und Stühle, versichern die Veranstalter. Die Teilnahme kostet 15, ermäßigt 8 Euro. Karten gibt es unter orga@artsenico.de und unter Tel. (0176) 63826162. Es gibt aber auch die Möglichkeit, vor Ort den Eintritt zu bezahlen.
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