Positive Bilanz

Flüchtlingsdorf Wickede: Letzte Bewohner nach Brackel gezogen

WICKEDE Das Flüchtlingsdorf Morgenstraße ist jetzt Vergangenheit. Mehr als 400 Menschen haben fast zwei Jahre hier gewohnt, die letzten Bewohner sind vor gut einer Woche zusammen mit einem Teil der Betreuer in das Flüchtlingsdorf Haferfeldstraße in Brackel umgezogen.

Flüchtlingsdorf Wickede: Letzte Bewohner nach Brackel gezogen

Die Flüchtlinge fühlten sich in Wickede wohl, und auch für die Betreuer war es eine schöne Zeit.

Eine Abschiedsfeier der Mitarbeiter, die anschließend die letzte Nacht in der Einrichtung schliefen, beendete das Kapitel. Bezirksbürgermeister Karl-Heinz Czierpka: „Da sind tatsächlich einige Tränen geflossen“. Zuletzt siedelte Kerstin Edler, als Leiterin vom ersten Tag an mit dabei, auch noch Dorfkater Ricky nach Brackel um.

Die erste große Container-Übergangseinrichtung für Flüchtlinge in Dortmund war 2015 an den Start gegangen, die Planungen dazu wurden von heftigen Protesten begleitet. Beide Bürgerinformationsveranstaltungen konnten nur unter Polizeischutz stattfinden, Karl-Heinz Czierpka wurde wegen einer Morddrohung geschützt, und einige direkte Anwohner sind bis heute keine wirklichen Freunde der Einrichtung geworden.

Zwei- und Dreibett-Containern

Am 16. März 2015 zogen die ersten Flüchtlinge ein, es waren die jungen Männer, die schon ein Vierteljahr lang unter schwierigen Bedingungen in den Brügmann-Hallen hatten leben müssen. Hier konnten sie endlich in Zwei- und Dreibett-Containern ein gewisses Maß an Privatspähre finden. Interessant: Zum Schluss waren unter den nach Brackel umgesiedelten Bewohnern immer noch Männer aus dieser ersten Gruppe. Denn während es für Familien schnell gelang, passende Wohnungen zu finden, sind junge Männer kaum im Wohnungsmarkt zu vermitteln.

Im Dorf begann ab März das pralle Leben: Es wurden Blumengärten angelegt, es wurde Musik gemacht, Deutsch gelernt, an Fahrrädern gebastelt, es wurden Behördengänge vorbereitet, Umzüge in eigene Wohnungen organisiert.

Mehrere Kinder wurden geboren, und natürlich bekamen die jungen Männer immer mal wieder Besuch – keine einfache Situation, auch nicht für die Betreuer, die die Hausordnung durchsetzen mussten. Zeitweise wohnten mehr als 170 Menschen in der für 150 Personen ausgelegten Einrichtung, Flüchtlinge aus vielen Ländern dieser Erde, selbst drei Chinesen logierten dort für mehrere Wochen.

Freundliche Stimmung trotz aller Einschränkungen

Konflikte blieben nicht aus. Doch das vielsprachige Helferteam konnte viele Meinungsverschiedenheiten und Streitereien frühzeitig entschärfen. Czierpka: „Die AWO hat von Beginn an sehr klug gearbeitet und der Sprachkompetenz der Mitarbeiter einen hohen Stellenwert eingeräumt.“ Der Bezirksbürgermeister, selbst Wickeder, war oft zu Gast in der Einrichtung und lobt die freundliche Stimmung trotz aller Einschränkungen. „Eine Flucht ist eine schlimme Lebenserfahrung. Hier konnten die Menschen zur Ruhe kommen und wieder Fuß fassen.“ Kein Wunder, dass viele der Flüchtlinge immer wieder an die Morgenstraße zurückkamen, auch als sie schon eine eigene Wohnung gefunden hatten.

Was bleibt? Die Erinnerung an viele nette Kontakte und die große Welle der Hilfsbereitschaft. Karl-Heinz Czierpka: „Die Menschen aus dem Stadtbezirk haben sehr schnell Mittel und Wege gefunden, den Flüchtlingen zu helfen und ihnen den Weg in unsere komplizierte Gesellschaft zu ebnen.“ Die Container bleiben noch einige Zeit stehen, denn niemand kann vorhersagen, wie sich die weltweite Lage entwickelt.