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Islamdiskussion im Gemeindehaus Wellinghofen

WELLINGHOFEN Sie kennt den Koran. Sie kennt ihre Kritiker. Und sie kritisiert selbst: „Die muslimischen Verbände haben es verschlafen, etwas für die Integration der Jugend zu tun.“

Islamdiskussion im Gemeindehaus Wellinghofen

Die Lehrerin und Schulbuchautorin Lamya Kaddor aus Duisburg nimmt als Teilnehmerin des Integrationsgipfels der Bundesregierung und Pädagogin in einem Problemstadtteil viele Perspektiven ein.

Mit solchen Sätzen nimmt sie polarisierenden Diskussionsteilnehmern den Wind aus dem Segel, und mit Sätzen wie diesem trifft sie den Nagel auf den Kopf: Lamya Kaddor, Deutsche, Duisburgerin, Schulbuchautorin, Lehrerin in einem Problem-Stadtteil, Mitglied des Integrationsgipfels der Bundesregierung und: Muslimin. Welcher Religion sie angehört, das ist erst seit dem 9. September 2001 interessant: „Vor den Terroranschlägen in Amerika war ich Lamya Kaddor. Jetzt bin ich Lamya Kaddor, die Muslima.“ Sagte sie am Dienstag im evangelischen Gemeindehaus an der Overgünne, wo sie als Gast des „Runden Tischs Grimmelsiepen“ mit rund 60 Teilnehmern teilweise kontrovers und mit nur einer Ausnahme immer sachlich über Kinder, den Koran und die Zukunft des Islams diskutieren konnte.

Nehmen wir die eloquente Rednerin, die Tochter einer syrischen Gastarbeiter-Familie ist, perfekt Deutsch und nur Zuhause mit ihren Eltern arabisch spricht, beim Wort, dann hat es in den vergangenen Jahrzehnte keine Fortschitte bei der Integration der Gastarbeiter-Kinder gegeben. Denn die sollten in den 60er- und 70er-jahren ihre Muttersprache lernen, um für die niemals angetretene Rückkehr in die Heimat gerüstet zu sein. Erst seit 2003 steht die verstärkte Förderung der deutschen Sprache im Mittelpunkt des täglichen Unterrichts – „das ist ein klares Versäumnis auch der Schulpolitik“, so die Lehrerin, die in Dinslaken an einer Schule mit 85 Prozent Ausländeranteil u. a. die „Islamkunde“ – und nicht die islamische Religion – in deutscher Sprache unterrichtet.

Da gebe es einen entscheidenden Unterschied: Sie, die Muslimin, leite nicht zum Beten an und wolle keine frommen Islam-Gläubige produzieren. Sie spreche mit den Kindern in den Kapiteln „Gottes Schöpfung“, „Auf Gottes Spur kommen“, „Geschöpf Gottes sein“ oder „Engel sind überall“ über die positiven Seiten des Korans. „Sie sollen selber sagen können: Ich will beten ... oder nicht. Sie sollen selber entscheiden können: Ich will ein Kopftuch tragen ... oder nicht.“ Kinder könnten vom Koran und dem Islam viel lernen: Auch Toleranz und Respekt gegenüber anderen, zum Beispiel „Ungläubigen“. Kaddor: „Der Koran hat das Potenzial für ein friedliches Miteinander. Wie das alte und das neue Testament“.

Mit ihren kritischen Aussagen gegenüber den muslimischen Verbänden eckt sie an. Misstrauisch begegnen der jungen Frau auch Islam-Kritiker, die in ihr den Wolf im Schafspelz sehen. Doch die Pädogogin ist da gelassen: „Solange ich von beiden Seiten angegriffen werde, mache ich wohl alles richtig.“

  • Die vier muslimischen Verbände (Ditib, Zentralrat, Islamrat, Verband islamischer Kulturzentren) repräsentieren laut Bundesinnenministerium rund 30 Prozent der Muslime in Deutschland.
  • L. Kaddor unterrichtet auch an der Uni Münster den Islamunterricht. Sie ist Mitherausgeberin des Schulbuches „Saphir“ (Klassen 5 und 6, Klösel-Verlag) und Autorin des Buches „Der Koran für Kinder und Erwachsene“ (Verlag C.H. Beck).
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