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Kubasik im NSU-Untersuchungsausschuss

"Man hat uns jahrelang das Leben genommen"

DORTMUND/DÜSSELDORF Was geschah nach dem Mord an dem Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik? Der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags befasst sich seit Mittwoch mit den Ermittlungen zu der Tat aus dem April 2006. Zu Beginn sagten Kubasiks Frau Elif und seine Tochter Gamze aus. Sie bezeugten einmal mehr ein Staatsversagen.

"Man hat uns jahrelang das Leben genommen"

Gamze Kubasik - hier am Rande des NSU-Prozesses in München im Dezember 2015 - sagte am Mittwoch zusammen mit ihrer Mutter vor dem NRW-Untersuchungsausschuss zu den NSU-Morden in Düsseldorf aus.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn man unverschuldet vom Opfer zum Täter wird? Was macht das mit den Menschen? Es tut ihnen nicht gut, das ist klar. Wie schlecht es ihnen tatsächlich bekommt, konnte man am Mittwoch im Landtag sehen. Elif und Gamze Kubasik, Frau und Tochter des im April 2006 erschossenen Mehmet Kubasik, sagten vor dem NSU-NRW-Untersuchungsausschuss aus. 

Vernommen zu werden, das ist für Mutter und Tochter nichts neues mehr. Sie wurden ab dem 5. April 2006 regelmäßig befragt. Das war ein Tag nach dem - nach allem, was wir heute wissen - von dem NSU begangenen Mord an Mehmet Kubasik in einem Kiosk an der Mallinkrodtstraße in der Dortmunder Nordstadt.

Zwei Schüsse in den Kopf

Vier Schüsse aus einer Czeska 83 wurden damals gegen 12.55 Uhr abgefeuert. Zwei verfehlten ihr Ziel, zwei trafen Mehmet Kubasik in den Kopf. Die Tochter, damals 20 und Schülerin auf einem Berufskolleg, sollte kurz nach der Schule den Vater ablösen, damit der Einkäufe erledigen konnte - auf ihrem Weg zum Kiosk sieht sie erst Polizei und Menschen davor, dann die Absperrung, an ihr kommt sie nicht vorbei.

Sie wollte, erklärt sie am Mittwoch vor dem Ausschuss, hinein, für ihren Vater übersetzen. Der habe zwar gut deutsch gesprochen, nicht aber, wenn er nervös gewesen sei. Der Vater brauche keine Hilfe, er mache das gut, habe ihr ein Polizist gesagt. Kurz darauf dann habe sie in einem Polizeiwagen erfahren, dass ihr Vater erschossen wurde. Ihre Mutter kam etwas später dazu, die war von einer Nachbarin angerufen worden, vor dem Kiosk sei so viel Polizei.

Wenn man den aufeinanderfolgenden Aussagen von Mutter und Tochter an diesem folgt, war das der Moment, in sie zum Opfer wurden. Täter wurden sie kurz darauf. 

Die Stimme von Elif Kubasik stockt

Elif Kubasik, geboren 1964 in der Türkei, wird zuerst vernommen, sie hat einen Anwalt und eine Übersetzerin an ihrer Seite. Sie stockt in ihren Ausführungen, als sie vom Tattag berichtet. Und sie stockt, als sie weiter erzählt. Am zweiten Tag nach der Tat habe die Polizei die Wohnung, den Keller und das Auto der Familie durchsucht - in weißen Schutzanzügen und mit Spürhunden. "Ab da hatten wir von den Leuten den Stempel, wir hätten etwas mit der Mafia zu tun, Heroingeschichten und all das."

Im folgenden Jahr sei sie drei, vier Mal vernommen worden, jeweils fünf bis sechs Stunden lang. Sie sei befragt worden: zu allen Verwandten, einem Schlüssel zu einem Parkplatz, zu den drei Bankkarten, zu einem vor der Tür seit Ewigkeiten abgestellten Fahrrad. Zu einem weißen Auto, mit dessen Fahrer ihr Mann kurz zuvor Streit gehabt haben soll, zu Schulden bei einem Cousin in Frankreich, zu Blutfehden, Drogengeschäften ihres Mannes sowie zu einer Geliebten ihres Mannes.

"Man hat uns jahrelang das Leben genommen - und das war die Polizei"

Diese Fragen haben die Ermittler, das wird in den Ausführungen der Tochter deutlich, genauso den Freunden und Nachbarn gestellt. Nur eben nicht offen. Die Nachbarn sei gesagt worden: Ihr Vater hätte Drogen verkauft, eine Geliebte gehabt und bei der PKK gewesen. "Man hat uns jahrelang das Leben genommen - und das war die Polizei." Am Anfang sei in der Familie relativ wenig über die Tat gesprochen worden, weil so viele andere darüber gesprochen hätten. "Wir wollten diese Gerüchte nicht mehr hören."

Die Mutter habe dann irgendwann gesagt, dass die Tat von Rechtsradikalen verübt worden sein müsse, alles andere könne sie ausschließen. Das hätte die Polizei ausgeschlossen, weil sie keine Beweise dafür hätte.

Elif Kubasik traute sich kaum noch aus dem Haus

Erst wurden die Vernehmungen weniger, dann die Anrufe der Polizei, irgendwann muss es dann ganz ruhig geworden sein in der Wohnung in der Nordstadt. Die Mutter traute sich, so sagt sie, kaum noch aus dem Haus und fürchtete sich, wenn sie es doch musste, vor bösen Blicken sowie Männern mit Mützen und Fahrrädern. Der zum Zeitpunkt des Mordes elf Jahre alte Sohn hatte keine Kontakte mehr in der Schule, sein Vater habe, hieß es dort, Heroin und Gras verkauft. Und die älteste Tochter, die eine Ausbildung in Münster machen wollte, scheiterte an der halbstündigen Zugfahrt.

Von den Taten des NSU erfuhren sie 2011 dann durch Anrufe bzw. durch das Fernsehen. Drei, vier Tage später seien dann auch wieder Polizisten erschienen, um ihnen zu sagen, was sie wussten.

Zschäpes Ausführungen finden sie "unhöflich und ekelhaft"

Elif und Gamze Kubasik haben all diese Aussagen schon einmal gemacht. Am 5. November 2013 vor dem Oberlandesgericht in München, dort wird gegen Beate Zschäpe und mehrere mögliche NSU-Unterstützer zu Gericht gesessen. Die Ausführungen Zschäpes finden sie "unhöflich und ekelhaft". 

Die Mutter sagt: "Ob ich ihr verzeihe, ist eine ganz andere Sache, aber man muss doch Reue fühlen. Es gibt nichts zu verzeihen, es sind so viele Menschen tot, aber man müsste doch Reue fühlen". Die Tochter sagt:"Bevor der Prozess begann, hatte ich sehr große Hoffnung auf eine 100-prozentige Aufklärung. Heute weiß ich, dass das nicht so ist."

Am Freitag sagen Ermittler aus

Am Freitag werden in Düsseldorf unter anderem Polizeibeamte und der damals zuständige Staatsanwalt vernommen. Ziel des PUA ist es, mögliche Unterstützer des NSU in NRW zu finden. 

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