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Jazz-Band-Ball im Domicil

Mel Maroon, der Jet und wir

DORTMUND Mel Maroon nennt sich der Mann, und er komme jedes Jahr zu Halloween aus Chicago nach Dortmund, um an Halloween beim Jazz-Band-Ball im Domicil zu singen, erzählte er uns in breitem US-Amerikanisch beim Pressegespräch im Privatjet. Wir haben versucht, in angemessener Form darüber zu berichten.

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Mel Maroon beim Pressegespräch im Jet mit seinen Begleiterinnen Léontine (l.) und Mieke.

Am Dortmunder Flughafen: Mel Maroon, der niemals ohne Fliege flöge.

Das Kamerateam: Corinna Schultz (r.) und Kevin Kisker.

Mel Maroon zu Besuch in Dortmund

Hinweis: Wenn Sie sich beim Lesen bitte eine dieser rauen, unerbittlichen Männerstimmen vorstellen wollen, wie sie den Text liest, trüge das zur Atmosphäre bei.

Beim heiligen Benny Goodman

Die Dinge erwischen dich ohne zu fragen, ob du bereit bist. Sie passieren und du musst zusehen, wie du damit klarkommst. Bei den meisten Dingen spielt das keine Rolle. Aber nicht, wenn es um Mel Maroon geht. Mel Maroon spielt eine Rolle. Beim heiligen Benny Goodman, Mel Maroon ist die Rolle.

Diese Gedanken ziehen innerlich an mir vorüber, während die eintönige Landschaft der A 40 das gleiche mit den Scheiben unseres Smarts macht. Mit gut 110 Sachen – einer Geschwindigkeit, bei der selbst die Tachonadel zittert – segeln wir über die Autobahn, Richtung Dortmunder Flughafen. Es eilt.

Ich schaue rüber zu meinem Beifahrer, Kevin Kisker. Wir brauchen heute Videoaufnahmen, und Kisker ist ein gottverdammter Beethoven an der Kamera. Jung, hungrig. Jungrig? Schwer auf Zack jedenfalls.

Im Rückspiegel sehe ich, wie der zweite Smart unserer kleinen cyanfarbenen Kolonne langsam aufholt. Ich kann das Gesicht am Steuer erkennen: Kollegin Corinna Schultz, heute unser Kamerakind. Talentiert wie zwei Dutzend Jugend-forscht-Gewinnerinnen. Weiß der Geier, warum sie mitgekommen ist, nur um die zweite Kamera zu halten. Vielleicht, weil sie mich in der Redaktion von diesem Termin hat reden hören. Und neugierig wurde. Weil sie ihn treffen will. Das wollen wir alle. Aber ich am meisten.

Einige Kerben im Kuli

Seit sechs Jahren bin ich Kulturredakteur. Rund 300 Termine im Jahr, mit Künstlern aller Art, Kulturveranstaltern, Kulturpolitikern. Ich habe, könnte man sagen, die eine oder andere Kerbe im Kuli. Mit anderen Worten: Ich bin keiner von denen, die bei Schachtelsätzen lange Zähne kriegen.

Sie brauchen jemanden, der mit einem Künstler über dessen Gedanken während des Malens spricht? Jemand, der das Wort "Empfindung" aussprechen kann, ohne zu husten? Dann bin ich Ihr Mann.

Es ist ein Job, der einen Mann verändert. Was mich nicht umbringt, macht mich härter: Seit einiger Zeit liebe ich das Ballett, und manchmal träume ich von Metaebenen.

Zurück zum Thema. Mel Maroon, denke ich. Der Typ ist wie ein gutes Theaterstück: unterhaltsam und fesselnd, doch irgendwann merkst du, dass du dich eigentlich die ganze Zeit mit dir selbst beschäftigst.

Verdammt enge Kurve

Wir kommen an. Ich lenke den Smart auf das Flughafengelände. Die Kurve ins Parkhaus ist verdammt eng, die kleinen, zähen Reifen würden kreischen, wenn ich nur ein wenig weniger normal fahren würde. Dann steht das Automobil. Ich atme aus. Es auch.

Meine Hände lösen sich vom Lenkrad, und für eine Sekunde meine ich die Abdrücke meiner Finger im schwarzen Verbundwerkstoff zu erkennen. B 1, A 40, morgendlicher Berufsverkehr. Spät dran. Wilder Ritt. Das Handgelenk sagt: 8.49 Uhr. Noch eine Minute bis zu unserer Verabredung.

Es begann wie in jedem Jahr. Ein paar Wochen vor Halloween ruft sein, wie er sagt, Dortmunder Kontaktmann in der Redaktion an: "Hey, Frank Scheele hier. Mel Maroon hat sich gemeldet!" Er sei dann und dann in Dortmund für einen Pressetermin, um den Jazz-Band-Ball anzukündigen. Ob man kommen wolle? "Ja, gern", sagt man dann. Gibt es eine rhetorischere Frage?

Der Swing-Magier. Der Swagier

Mel Maroon. Der Swing-Magier. Der Swagier. Und: das Phantom. Es gibt Gerüchte, er habe ein Alter Ego. Und in seinem Amerikanisch meinen manche einen deutschen Akzent zu hören. Mehr weiß niemand. Nie. Mand. Mit Ausnahme vielleicht eines exklusiven Kreises von Insidern. Und die halten dicht wie Silikon. Zehn Leute. Vielleicht zwanzig, höchstens hundert. Tausend, maximal. Viel mehr Menschen interessiert es wahrscheinlich auch nicht. Aber, beim allmächtigen Violinschlüssel: Das sollte es!

Seit 2002 gibt es den Jazz-Band-Ball im Domicil. Immer an Halloween, am 31. Oktober. An diesem einen Tag im Jahr ist Mel Maroon in Dortmund und singt seine Fans zur Ekstase. Was er den Rest des Jahres treibt – ein Mysterium. Ob er wirklich aus Chicago kommt, wie er sagt?

Oder sollte ich vielleicht eher fragen: Er fackelt einmal im Jahr ein verdammtes Feuerwerk ab, das alle Zuschauer verschwitzt, gereinigt und erlöst verlassen – also hey, wen interessiert’s?

8.50 Uhr. Wir stehen vor dem General Aviance Terminal. Keine Minute zu früh. "Ein gutes Pferd springt knapp", denke ich unwillkürlich. Guter Spruch – wo hab ich den her? Wahrscheinlich von Maroon. Obwohl der verrückte Hund kein Wort Deutsch spricht.

Wir halten schwarze Taschen in den Händen, mit Technik, die Sichtbares aufzeichnen kann. HD-Kameras, digitale Spiegelreflexknipsen, Zoomobjektive, Vollformatsensoren, Videogeräte. Aber werden die auch den reinen, puren Swing verarbeiten können?

Eine freundliche Flughafenmitarbeiterin empfängt uns. Hier hinein, Taschen dadurch, biep, nächste, biep, ziehen Sie bitte diese Warnwesten über, hier entlang bitte.

Das ist also der Horizont

Das Flugfeld. Das ist also der Horizont, den man innerhalb Dortmunds nur aus Büchern kennt oder aus Schilderungen der Alten. Die Grenze, an der Erde und Himmel einander entgegenstemmen, darüber die weite, wolkige Kuppel des Firmaments.

Im Zentrum: der Jet, nicht viel größer als ein Segelflugzeug. Aber massiver, gedrungen. Ein ruhender Pfeil, nein, ein Bolzen, und die Startbahn ist seine Armbrust. Der Wind zieht uns eisige Klingen durchs Gesicht. In den Fenstern des Jets glimmt warmer Schein. "Dort?", frage ich tonlos. "Ja, dort", sagt die Flughafensprecherin.

Wir nähern uns. Später wird keiner von uns mehr sagen können, ob die Gangway bereits ausgeklappt war, oder ob Mel Maroon persönlich sie herunterfahren ließ, während wir auf das Flugzeug zugingen. Endlich stehen wir direkt davor. Vier Stufen, die hineinführen. Äußerlich wirken Kisker und Schultz völlig cool. Knallharte Profis. Meine Knie sind aus Marmelade. Ich steige empor.

In der Swing-Röhre

Die Passagierkabine ist eine enge Röhre, rechts und links je eine Sitzreihe, wer hier aufrecht stehen kann, heißt Peter Maffay. Mel Maroon sitzt links vom Gang, sein Lächeln weht mir entgegen: "Hello Mr. Airbag, come in, please, sit down!"

Neben und hinter ihm "my personal assistents from Chicago, Léontine und Mieke", zwei überirdische Schönheiten, gekleidet mit der lyrischen Eleganz eines Count-Basie-Solos.

Mel Maroon breitet die Arme und die Mundwinkel aus und lässt sein Amerikanisch perlen: Jedes gute Lied habe es verdient, verswingt zu werden, und genau das werde er im Domicil auch wieder tun. Swing sei die Liebe, und die wolle er mit allen Menschen teilen. Denn darum gehe es, das bewahre doch die Welt vor ihrem Untergang. Selbst am Boden bleiben Maroons Botschaften himmlisch.

Singen, schnipsen,  lächeln, bye.

Er zeigt uns das Plakat für den Jazz-Band-Ball mit dem Titel "Auf der Suche nach dem Swing des Lebens". Er singt "Moonriver" und "Fly me to the moon" und schnipst dazu mit den Fingern, seine Assistentinnen lächeln, lächeln, lächeln.

Auf dem Weg zurück treibt uns der Wind übers Rollfeld, aber wir spüren ihn nicht. Wir setzen uns wieder in die Smarts und fahren zurück zur Redaktion. Die Ohren swingeln uns immer noch.

Anmerkung der Redaktion: Einige Ereignisse dieses Pressegesprächs wurden im Text aus Gründen der Dramaturgie leicht überhöht dargestellt.

 

Mel Maroon - was wir wissen

  • Mel Maroon wurde am 31. Oktober 1924 in Chicago als Sohn transsylvanischer Einwanderer geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf.
  • In den 30ern sang er ein erstes Duett mit der jungen Ella Fitzsimmons. Titel: "Where’s my yellow basketball?" In diesem Jahrzehnt veröffentlichte er zwölf Alben, unter anderem "It’s up to you, Chicago, Chicago".
  • In den 60ern zog er mit Frank Sumatra und Jimmy Davis Senior als "Rat Brothers" durch Los Angeles. Er verbrachte einige Zeit in Indien und kehrte erleuchtet zurück. Mehr Angaben zur Biografie auf Mel Maroons Seite.
  • In Dortmund tritt Mel Maroon nur einmal im Jahr auf, immer nur beim Jazz-Band-Ball zu Halloween im Domicil. Den Rest des Jahres ist er hier nicht zu sehen – mit Ausnahme der Pressekonferenz vor dem Konzert.
  • Der Redaktion liegen Hinweise vor auf ein mögliches Alter Ego Mel Maroons. Wir haben uns jedoch dazu entschlossen, dieses Geheimnis nicht preiszugeben, aus Respekt vor der musikalischen und performativen Leidenschaft des Künstlers Mel Maroon.   

Der Jazz-Band-Ball

Jazz-Band-Ball am Montag (31. Oktober, Halloween) im Domicil











 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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