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Franz Müntefering vor dem Deutschen Seniorentag

Ohne Ehrenamtliche wäre die Lebensqualität ruckzuck im Eimer

Dortmund Unsere Gesellschaft wird älter. Damit verbinden sich Aufgaben und Chancen gleichermaßen.Vor dem Deutschen Seniorentag vom 28.-30. Mai in Dortmund verrät Franz Müntefering im Interview, wie sich das Älterwerden positiv für das Ehrenamt nutzen lässt und warum er gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle ist.

Ohne Ehrenamtliche wäre die Lebensqualität ruckzuck im Eimer

Warum „Auf Rädern zum Essen“ aus seiner Sicht noch besser ist als „Essen auf Rädern“ erzählt Franz Müntefering im Interview. Foto: Oliver Schaper

Mit 15.000 Besuchern rechnet die Bagso, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, beim Deutschen Seniorentag, der Montag in den Westfalenhallen beginnt. Matthias Langrock sprach mit dem Bagso-Vorsitzenden, dem früheren Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD), über den Seniorentag, die Bedeutung des Ehrenamts und Einsamkeit im Alter.

Herr Müntefering, der Seniorentag steht unter dem Motto „Brücken bauen“. Zwischen wem müssen Brücken gebaut werden?

Als Bagso sind wir ein Verband von Senioren-Organisationen, aber wir möchten, dass die Generationen zusammenstehen. Wir möchten eine solidarische Gesellschaft, nicht nur zwischen Alt und Jung, sondern auch zwischen Gesunden und Kranken, Reichen und Ärmeren, Deutschen und Nicht-Deutschen …

Begrüßen Sie es, dass sich die Politik aktuell stark der Gruppe 70+ annimmt?

Ich sehe das nicht ganz so. Alles, was jetzt gemacht wird, ist nicht für die, die alt sind, sondern für die, die in den nächsten 20 Jahren alt werden. Alle, die über 40 sind, sind davon betroffen. Ja, man muss alles dafür tun, dass die jungen Leute bestens ausgebildet und qualifiziert werden. Das größte Verhängnis, gegen das wir anzukämpfen haben, sind junge Menschen, die arbeitslos ins Leben starten und das auch bleiben. Wir haben jedes Jahr 60.000 Menschen ohne Schulabschluss. Das ist Hartz-IV-Nachwuchs. Wenn du keinen Schulabschluss hast, dann hast du eine Wahrscheinlichkeit von über 35 Prozent, dass du nie in deinem Leben einen Job findest. Das größte Problem des Landes ist die Bildung und die Berufsorientierung. Was aber nicht bedeuten darf, dass man nur auf die jungen Leute guckt. Heute sind fünf Millionen Menschen älter als 80, 2040 werden das zehn Millionen sein. Von denen über 80 sind heute drei Viertel so top drauf, dass sie für sich selbst sorgen können und das auch tun. Sie können aktiv sein, sie stellen viele Ehrenamtliche. Im Allgemeinen ist es so: Die Alten sollen keine Privilegien haben, aber sie sollen so gut leben können wie alle anderen auch.

Sie sprechen das Ehrenamt an. Hier spielen Senioren eine zentrale Rolle ...

Wir messen unseren Wohlstand immer am Bruttosozialprodukt. Aber wenn wir die 22 Millionen Ehrenamtlichen nicht hätten – darunter viele Ältere – , in den Vereinen und Verbänden, im Hospiz, in der Pflege, dann wäre die Lebensqualität ruckzuck im Eimer. Die Solidarität entscheidet sich in der Gesellschaft, da wollen wir als Senioren einen Teil zu beitragen und sagen: „Wir müssen uns helfen, aber auch den Jungen.“

Wird für Ehrenamtliche genug getan? Müssten sie bezahlt werden?

Das Ehrenamt müssen wir würdigen und wertschätzen. Ehrenamtliche sollten versichert sein auf dem Weg zu ihrer Tätigkeit und während der Tätigkeit. Das Ehrenamt wird nicht rundum bezahlt werden können. Es wäre aber gut, wenn Unternehmen junge Leute bevorzugen würden, wenn sie ehrenamtlich aktiv sind. Man könnte auch das Soziale Jahr stärken, auch für Ältere. Man könnte das besser bezahlen oder es verlängern, auf zwei oder drei Jahre.

Sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden, damit mehr Menschen ehrenamtlich arbeiten können?

Ich bin ein entschiedener Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich sehe darin eine große Falle: Es gibt ein Recht auf Bildung und es gibt ein Recht auf Arbeit. Die Menschen müssen ein Recht haben, in der Gesellschaft mitzumachen und nicht ausgehalten zu werden. Manche von denen, die das Grundeinkommen fordern, fordern im Grunde eine besser bezahlte Sozialhilfe. Wenn du mit 18 ein bedingungsloses Grundeinkommen kriegst und keiner nimmt dich, dann bist du mit 30 fertig. Solange ich kann, werde ich dafür streiten, dass jeder ein Recht hat, beschäftigt zu werden.

Aber tendenziell verschwinden immer mehr Arbeitsplätze ...

Ja, einige sagen: „Mit der Digitalisierung gehen Jobs verloren.“ Aber: Als ich angefangen habe, als Industriekaufmann zu arbeiten, 1954, hatten wir eine 48-Stunden-Woche. Dann kamen die Gewerkschaften und sagten: 45-Stunden-Woche. Damals hatte ich eine Chefin, die gab mir ein Buch und darin war „bewiesen“, dass ein Land, in dem die Menschen nicht länger als 45 Stunden arbeiten, innerhalb von zehn Jahren pleite ist. Das kam anders, wie wir wissen. Heute sind wir bei 35 Stunden. Ich hab nichts dagegen, wenn es irgendwann auf 32 oder 30 geht, bei vollem Lohnausgleich. Wenn die Produktivität stimmt. Dann braucht man keine Gesellschaft, in der eine Gruppe gut verdient und eine am Rande aufs Grundeinkommen angewiesen ist.

Ließe sich das Potenzial der Senioren in Sachen Ehrenamt besser heben?

Auf dem Deutschen Seniorentag haben wir viele Vorträge, die sich damit beschäftigen. Man sollte früher anfangen als im Rentenalter. Wer es bis dahin nie gemacht hat, ist nicht ganz so leicht dafür zu begeistern. Man muss begreifbar machen, dass man eine Leistung für die Gesellschaft erbringt, von der man selbst was hat.

Was in der Hospiz- und Palliativarbeit passiert, ist die schönste Bürgerbewegung, die wir in den letzten 30 Jahren entwickelt haben. Das gab’s in dem Umfang noch nie. Man muss auch sehen: Die Phase, in der die Menschen nicht mehr arbeiten und noch fit sind, wird immer länger. Es gibt so viele Dinge, die man tun kann: Patenschaften übernehmen für Kinder, Schulkindern bei den Hausaufgaben helfen. Das ist einerseits Integrationsarbeit, aber es gibt auch deutsche Kinder, die nicht klarkommen und denen wir nicht sagen dürfen: „Du hast dir dumme Eltern ausgesucht.“

Oder nehmen Sie die Grünen Damen in evangelischen Krankenhäusern: Sie bleiben an den Betten stehen und fragen: „Möchten Sie reden?“. Ich hatte ja eine Phase, da habe ich einige Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen und da habe ich das mitgekriegt. Einige sagten „Nein“, aber andere haben sich unterhalten. Und als ich sie hinterher gefragt habe, warum sie sich unterhalten haben, haben die gesagt: „Wissen Sie was? Ich bin zehn Tage hier und habe noch keinen Besuch gehabt.“

Sind wir gesamtgesellschaftlich da auf einem guten Weg?

Insgesamt dürfen wir Zuversicht haben, dass das alles gut läuft. Es ist aber kein Naturgesetz. Wir müssen das selbst gestalten. Und deswegen ist es wichtig, dass man sich engagiert. Mit der Bagso haben wir zum Beispiel angefangen mit einer Aktion: „Auf Rädern zum Essen“. Es gibt Essen auf Rädern, das ist gut, aber wenn das jemand kriegt, der alleine ist, ist die Hälfte des Charmes wieder weg. Dann musst du nicht aufstehen, dich nicht kämmen, dich nicht zurechtmachen. Die Kartoffeln sind püriert, kauen musst du auch nicht mehr, das ist alles ein bisschen trist. Gemeinsam Essen ist eine Kultur, und Alte haben Zeit dazu, das zu tun. In 120 Städten gibt es „Auf Rädern zum Essen“ mittlerweile. Da kommen Leute zusammen – 30 oder so – und mir fällt auf: Alle Damen, die da waren, waren in den vorigen zwei Tagen beim Friseur gewesen. Die waren picobello, das strukturiert die Tage.

Ist es schön, älter zu werden?

Eines ist klar: Die Tatsache, dass wir länger leben, ist für die einzelnen Menschen ein Zugewinn, das darf man sich nicht kaputtreden lassen. Das sind 10 bis 15 gute Jahre oben drauf und man muss in dem Bewusstsein leben, dass man davon was haben will. Das ist bei Männern besonders schwierig, weil die oft ihren ganzen Lebenssinn in ihren bezahlten Beruf investieren. Frauen sind da familiärer. Wenn die Männer aus dem Beruf ausscheiden, ist das oft eine andere Situation als bei den Frauen. Bei den meisten. Ich glaube, dass Frauen da realistischer sind. Es ist gut, wenn man sich rechtzeitig Gedanken über die Zeit nach dem Beruf macht. Mein erste Erfahrung damit war: Mein Vater war 62, Industriearbeiter, da wurde er arbeitslos und damals sofort Rentner. Dann hat er unseren Sauerländer Garten fünfmal im Jahr umgegraben. Und meine Mutter hat gesagt: Das ist völliger Quatsch, aber lass ihn, das ist besser, als wenn er nur im Haus ist.

Viele Gegenden klagen über Ärztemangel, Banken schließen ihre Filialen. Ist das schlimm für Senioren?

Wenn man 65, 70 ist, hast du einen Umkreis von zwei, drei Kilometern, da musst du einen Arzt haben, eine Apotheke, eine Sparkasse ... Der Handschlag beim Arzt, Papier- und Kleingeld sind drei Dinge, auf die wir nicht verzichten sollten. Wenn das weg wäre, anonymisiert das weiter. Das Argument: „Wir sparen Zeit“ zieht nicht, denn: Wir haben Zeit. Ich habe Zeit, zu Aldi oder Tengelmann zu gehen. Ich gucke mir das in Herne an, wo ich wohne. Da stehen auch im Laden Grüppchen rum, die unterhalten sich und wissen besser als die Verkäuferin, in welches Regal die Ware gehört. Einkaufen ist eine Kultur. Das Eigenheim am Waldrand hilft nichts, wenn du nicht mehr Autofahren kannst, ohne ÖPNV bist und der nächste Laden vier bis fünf Kilometer weg ist.

Der 12. Deutsche Seniorentag unter dem Motto „Brücken bauen“ läuft von Montag bis Mittwoch in den Westfalenhallen.

Die Öffnungszeiten sind am 28. und 29. 5. von 9 bis 18 Uhr, 30. 5. von 9 bis 17 Uhr.

Eine Tageskarte kostet 12 Euro, eine 3-Tages-Karte gibt es für 28 Euro, jeweils inklusive VRR-Ticket.

Karten gibt es bis Sonntag (27. 5.) im Deutschen Fußballmuseum, Platz der Deutschen Einheit 1, und ab Montag (28. 5.), 8.30 Uhr, ohne Aufpreis an der Tageskasse in den Westfalenhallen.

Der Deutsche Seniorentag besteht aus zahlreichen Vorträgen und einer Messe, unter anderem mit einem Bewegungs- und Gedächtnisparcours, der Möglichkeit zum Gesundheitscheck und Infoständen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung am Montag (28. 5.) ab 11 Uhr in der Westfalenhalle 1 hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Festrede. Am Montagabend gibt es in der Reinoldikirche ab 19 Uhr einen Ökumenischen Gottesdienst,
www.deutscher-seniorentag

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