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Viele Beschwerden über Ärzte

Patienten schildern drastische Erfahrungen in Praxen

Dortmund Die Brustkrebspatientin erhielt keine Kompressionsstrümpfe. Das sei nicht wirtschaftlich für die Praxis, hieß es als Begründung. Der Fall kochte hoch. Am Ende stand ein Hausverbot. Das ist nur ein Beispiel aus vielen drastischen Erfahrungen in Arzt-Praxen. Die Folge: Viele Beschwerden über Ärzte.

Patienten schildern drastische Erfahrungen in Praxen

Es geht auch anders: In den weitaus meisten Fällen sind die Patienten zufrieden mit ihren Ärzten. Da darf gerne auch mal im Wartezimmer mit der Arzthelferin gescherzt werden. Foto: picture alliance / dpa

In keiner anderen Stadt als in Dortmund gab es innerhalb der Region Westfalen-Lippe im letzten Jahr – pro Kopf auf die Ärzte bezogen – so viele Beschwerden über Mediziner wie im hiesigen Verwaltungsbezirk der Ärztekammer. Dazu gehören auch der Landkreis Unna und die Stadt Hamm.

Auf Anfrage dieser Redaktion erläutert Bärbel Wiedermann die jüngste Zahl von 107 Beschwerden, die 2017 aufliefen. Die frühere Krankenhaus-Ärztin ist Vorsitzende der örtlichen Bezirksstelle der Kammer. Sie sieht die Beschwerde-Entwicklung mit Sorge, denn an erster Stelle ihrer jährlichen Statistik stehen Vorwürfe zu mangelnder Sorgfalt und unzureichender Behandlung. Patienten reklamieren eine regelrechte Fließband-Arbeit in Praxen und haben Angst, dass der Arzt etwas übersieht.

Es mangelt an Kommunikation

Auf Platz zwei beim Patienten-Ärger landete unfreundliches, unangemessenes Verhalten von Ärzten und Arzthelferinnen. Bärbel Wiedermann macht einen großen Nachholbedarf an Schulungen für den freundlicheren Umgang im Wartebereich und im Behandlungszimmer aus. Auch das Argument vieler Ärzte, sie könnten nicht überblicken, was sich an der Anmeldung tue, lässt sie nicht gelten. Die Niedergelassenen müssten als Chefs mitbekommen, was in ihren Praxen läuft. „Es mangelt an Kommunikation, deshalb müssen Schulungen stattfinden“, sagt Bärbel Wiedermann.

Ein drastisches Beispiel kam ihr auf den Tisch, es hätte der betroffenen Patientin fast das Leben gekostet: Da wurde eine Frau mit starken Unterleibsbeschwerden und einer zuvor diagnostizierten Eierstock-Zyste nicht zu ihrer Frauenärztin durchgelassen, weil die Arzthelferin ihrer Chefin erklärt hatte, es handele sich um „Flankenschmerzen“. Statt einer Begutachtung erhielt die schmerzgeplagte Frau eine Überweisung zum Urologen mit Verdacht auf eine Nierenerkrankung. Dieser untersuchte sie und stellte fest, es könne nur die Zyste sein, die der Patientin die Schmerzen bereite.

Not-OP in der Klinik

Die Frau kehrte in die Praxis zurück, berichtete dies und wurde wieder nicht vorgelassen. Stattdessen hieß es, dazu brauche es eine Ultraschalluntersuchung, die 40 Euro koste. Und weil die Patientin das nicht zahlen konnte, wurde sie nach Hause geschickt. Daheim wurden ihre Schmerzen immer unerträglicher. Die Patientin kam als Notfall in eine Klinik, wo Einblutungen im Bereich der Zyste festgestellt wurden. Die Ärzte mussten auf der Stelle operieren.

Das Nicht-Erstellen von Gutachten oder nicht rechtzeitig fertig gewordene Begutachtungen landeten auf Platz 3 der Beschwerdeliste. Zur Eingruppierung einer Schwerbehinderung zum Beispiel mit möglichen beruflichen Folgen können solche Gutachten schnell existenzielle Bedeutung für den Erkrankten bekommen.

Unwirtschaftlich für die Praxis

Viele Beispiele aus der Beschwerden-Sammlung machen Bärbel Wiedermann fassungslos. Sie nennt den Fall aus der Praxis einer Gynäkologin. Dort wollte sich eine Brustkrebspatientin ein Rezept abholen für Arm-Kompressionsstrümpfe zur Therapie von Lymphödemen nach der Entfernung von Lymphknoten. Die Ärztin sah in der Verschreibung ein wirtschaftliches Risiko für ihre Praxis, wie sie sogar schriftlich mitteilte. Sie erwarte Respekt, Vertrauen und Freundlichkeit, so die Gynäkologin, die ihrer Patientin das Behandlungsverhältnis aufkündige und ihr Hausverbot erteilte.

Bei zerrütteten Verhältnissen zwischen Arzt und Patienten bleibt dem Erkrankten im Endeffekt nur der Wechsel der Praxis, während der beschuldigte Arzt vor der Ärztekammer Stellung beziehen muss für sein Verhalten.

Kein Cannabis verschrieben

Ein 33-jähriger Mann, der aufgrund einer chronischen Schmerzerkrankung keiner Arbeit nachgehen kann, dies aber unbedingt möchte, hatte Weinkrämpfe am Telefon, als er Bärbel Wiedermann von der Weigerung seines Arztes berichtete, ihm gegen die starken Schmerzen Cannabis zu verschreiben. Alle anderen Mittel hatten bereits die inneren Organe des Mannes angegriffen und ihm nicht wirklich geholfen. Cannabis vertrug er gut, darüber gab es sogar ärztliche Gutachten.

Doch nach dem Umzug in eine andere Stadt und dem damit erfolgten Arztwechsel biss der Patient beim Mediziner auf Granit. Da hilft nur ein erneuter Arztwechsel. Die Bezirkschefin der Ärztekammer riet dem Mann, auch die Dortmunderin Claudia Middendorf als Patientenbeauftragte des Landes in seinen Fall mit einzuschalten.

Eltern sollten zahlen

Ein krasses Beispiel eines nicht hinnehmbaren Abzockversuchs erlebten Eltern in der Praxis eines Kinderarztes. Sie fragten nach einem Termin zur Vorsorgeuntersuchung und sollten 50 Euro als Pfand hinterlegen. Sie boten 20 Euro an, weil sie nicht mehr hatten. Die Arzthelferin sagte, das sei zu wenig und schickte die Eltern weg. Bärbel Wiedermann forderte eine Stellungnahme an, in der ihr der Arzt erklärte, sie machten das immer so, damit die Termine auch eingehalten würden.

Die Bezirksvorsitzende der Ärztekammer war konsterniert: „Ein solcher Fall ist einzigartig.“ Künftig nimmt die Praxis kein Pfandgeld mehr. Bärbel Wiedermann beklagt, dass es generell viel zu wenig Kinderärzte in Dortmund gebe. Kammer und Kassenärztliche Vereinigung bemühten sich um Abhilfe, so die Medizinerin.

Keine unterlassene Hilfeleistung

Probleme gebe es auch immer wieder mit Igel-Leistungen, den individuellen Gesundheitsleistungen, die in den Praxen privat abgerechnet werden. Viele Patienten fühlen sich darüber regelrecht abgezockt.

„Unterlassene Hilfeleistung“ wurde wiederholt von Kranken reklamiert bei der Kammer, wenn sie nicht behandelt wurden. Da allerdings stellt Bärbel Wiedermann klar: „Es ist keine unterlassene Hilfeleistung, wenn der Arzt einen Patienten wieder wegschickt. Zum Beispiel, weil er überhaupt keine zeitlichen Kapazitäten hat. Ein Arzt darf nur Notfälle nicht wegschicken. Doch bei einem Notfall liegt immer eine Bedrohung des Lebens vor.“

Ärger mit Hausärzten

Die meisten Patienten-Beschwerden betreffen Internisten und Hausärzte, gefolgt von Orthopäden und Chirurgen. Im Gegensatz zu den geschriebenen Beispielen aus gynäkologischen Praxen ging der Ärger über Frauenärzte deutlich zurück, wie auch der über Neurologen, hier sogar um die Hälfte.

Von den insgesamt 6290 Medizinern im Verwaltungsbezirk Dortmund sind 1930 Ärzte ambulant tätig, 2772 in Krankenhäusern und 1234 auf der Verwaltungsebene. Beschwerden von Patienten aus Kliniken erreichen Bärbel Wiedermann deutlich weniger, weil Ärger auf den Stationen zunächst bei Patientenfürsprechern und Beschwerdemanagern aufläuft.

In jeder Klinik in Dortmund gibt es Patientenfürsprecher und ein Beschwerdemanagement, wenn man sich als Patient dort schlecht aufgehoben fühlt. Wer die Namen und Telefonnummern der Ansprechpartner weder im Aushang noch auf einem Flyer findet, sollte gezielt danach fragen.

Die Patientenberatung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Kassenärztlichen Vereinigung berät unter der kostenlosen Rufnummer 0251/9299000 (montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr; freitags von 9 bis 11 Uhr).

Antragsformulare für die Gutachterkommission finden Patienten, die vermuten, von einem Arzt fehlerhaft behandelt worden zu sein, im Internet: www.aekwl.de (auf den Button „Patient“ und dann „Gutachterkommission“ klicken).

Der Verwaltungsbezirk Dortmund der Ärztekammer am Westfalendamm 67 ist erreichbar unter Tel. 94323299.

Das Büro der Beauftragten der Landesregierung für Behinderte und Patienten, Claudia Middendorf, ist erreichbar unter Tel. 0211 855 3008 (mo bis fr, 9 bis 17 Uhr). E-Mail: kontakt@lbbp.nrw.de

Auch Krankenkassen bieten Unterstützung bei Behandlungsfehlern an. Gesetzlich sind sie aber nicht verpflichtet zu Rechtsberatung, Gutachten oder Hilfe in Schadensersatz-Prozessen. Versicherte sollten sich für Nachfragen direkt an ihre jeweilige gesetzliche Krankenkasse wenden.

www.krankenkassen.de

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