Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Anzeige
Anzeige

Rosa Strippe in Bochum

Ein Gespräch über Diskriminierung und Coming-out

BOCHUM Die Menschen, die zu Markus Chmielorz (48) und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen, suchen Hilfe und Rat. Chmielorz ist Leiter der Rosa Strippe, dem Bochumer Beratungszentrum für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transmenschen und deren Familien. Im Interview mit Michael Nickel spricht er über Diskriminierung, Coming-outs und den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl.

Ein Gespräch über Diskriminierung und Coming-out

Markus Chmielorz leitet seit 2011 die Bochumer Beratungsstelle Rosa Strippe.

Ist das Leben in der Gesellschaft für Schwule und Lesben im Jahr 2016 einfacher als noch vor 30 Jahren? Markus Chmielorz: Ja und Nein. Hier gibt es zwei Seiten der Medaille. Ja, es ist vieles leichter geworden, manches dadurch, dass es inzwischen gesetzliche Regelungen gibt, die auch im Bewusstsein der Bevölkerung etwas verändert haben. Ein gutes Beispiel ist das Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft von 2001. Seit 1997 mache ich Workshops mit Schülern, heute ist es für viele von ihnen selbstverständlich, dass Schwule und Lesben heiraten, das war am Anfang noch etwas anders.

Dass es insgesamt immer noch nicht einfacher ist, und die Antwort eigentlich Nein lauten müsste, sieht man an unseren Fallzahlen, die kontinuierlich steigen. Heute ist es so, dass die Menschen, die zu uns kommen, psychisch deutlich belasteter sind als noch vor 20 Jahren und sie auch zum Teil von deutlich heftigeren Diskriminierungserfahrungen berichten.

 

Wie sieht diese Diskriminierung aus? Chmielorz: Es gibt ein gutes Netzwerk hier in Bochum, das bietet eine gute Stelle für Jugendliche, die zuhause ihr Coming-out haben und auf massive Ablehnung sowie psychische Gewalt stoßen. Dazu gehört so etwas wie das Wegnehmen des Handys oder des Schlüssels und Kontaktverbot zu schwulen Freunden und lesbischen Freundinnen. Das geht bis hin zu körperlicher Gewalt: Angespuckt oder von den Eltern geschlagen werden. Das sind aber Ausnahmen.

Schwierige Themen sind außerdem das Coming-out in der Schule und am Arbeitsplatz. Es ist auf den ersten Blick oft keine aktive Diskriminierung, sondern das Verschweigen der eigenen Identität. Man spricht zum Beispiel mit Arbeitskollegen nicht darüber, wie man das Wochenende verbracht hat. Die Erwartung der Diskriminierung bewirkt dann, dass ich einen wichtigen Teil meiner Persönlichkeit verschweige.

 

Oft hat man das Gefühl, dass viele Menschen „Angst“ vor Homosexuellen haben. Warum ist das so? Chmielorz: Es ist keine Angst vor Lesben und Schwulen im Sinne einer psychischen Störung, wenn ich zum Beispiel Angst habe, auf weite Plätze zu gehen oder ins Flugzeug zu steigen. Es ist vielmehr eine gesellschaftlich-soziologische Sache: die Abwertung der anderen, weil sie lesbisch oder schwul sind. Es gibt in NRW gute Forschungsergebnisse dazu, 20 Prozent der Bevölkerung äußern sich ablehnend, sie finden es unmoralisch oder ekelhaft, wenn Schwule und Lesben sich küssen. Diese Abwertung von Minderheiten gibt es bei Rassismus und Sexismus, er trifft eben auch Lesben und Schwule.

 

Der Anteil an Menschen über 50, die zu Ihnen kommen, ist innerhalb eines Jahres stark gestiegen. Haben sie dann ihr Coming-out oder suchen Sie erst dann Rat? Chmielorz: Es gibt einen großen Unterschied zwischen älteren lesbischen Frauen und älteren schwulen Männern. Die Arbeit mit den Männern in diesem Alter gehört zu den schwierigeren Momenten. Viele, die zu uns kommen, sind sehr isoliert und psychisch sehr belastet. Sie wissen schon sehr lange, dass sie schwul sind und haben dementsprechend gelebt.

Es gibt einen Teil, der bis ins Alter alleine durchs Leben gegangen ist, und es gibt den Teil, der sehr lange in einer Beziehung war. Aber nicht unbedingt mit einem sozialen Netzwerk von anderen schwulen Freunden. Diejenigen fallen zum Beispiel nach dem Tod des Partners in ein sehr tiefes Loch und sind sozial überhaupt nicht eingebunden. Sie suchen hier Kontakt. Bei den lesbischen Frauen ist es meist so, dass sie hier gerne in der Gruppe mithelfen und etwas bewegen möchten.

 

Welche Fälle sind die, die Sie persönlich am meisten berühren? Chmielorz: Es sind diejenigen, die einsam und isoliert sind. Wir selbst bieten zwar keine Psychotherapie an, vermitteln aber Kontakt zu Psychotherapeuten, die sich mit lesbisch-schwulen Lebenswelten auskennen und nicht so eine Konstruktion im Kopf haben, dass das eine Störung sein könnte. Diese Fälle gibt es tatsächlich noch, obwohl Homosexualität seit 1992 keine psychische Erkrankung mehr ist. Auch bei den Jugendlichen, die zuhause geschlagen werden oder rausfliegen, bin ich empathisch. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl. Die Jugendlichen brauchen Mitgefühl und einen Platz, wo sie sein können, wie sie sind.

 

Treten solche Reaktionen auf das Coming-out des Kindes – also Prügel oder Rauswurf – nur in bestimmten Gesellschaftsschichten auf? Chmielorz: Ja, das sind vor allem Familien, die eine sehr klassische Vorstellung davon haben, wie ein Mann oder eine Frau sein sollte. Und es sind häufig Familien, die sehr religiös sind, unabhängig davon, welche Religion das ist.

 

Was sind die schönen Momente Ihrer Arbeit? Chmielorz: Am meisten Freude machen mir noch immer die persönlichen Beratungsgespräche. Und wenn hier jemand am Ende der Beratungsreihe rausgeht und das Gefühl hat: ‚ich bin ein selbstbewusster schwuler Mann‘, ‚ich bin eine selbstbewusste lesbische Frau‘, ‚ich traue mich, mich zu verlieben‘.

 

Glauben Sie, dass es Diskriminierung gegen Schwule und Lesben irgendwann nicht mehr geben wird? Chmielorz: Da bin ich mir ziemlich sicher. Die Tatsache, dass ein Schulprojekt, das wir 2008 ins Leben gerufen haben, seit 2012 vom Land gefördert wird, zeigt, dass die Diskriminierung hier schon abgenommen hat. Das Thema Lesben und Schwule wird auch immer selbstverständlicher, genauso haben wir mittlerweile eine neue Zielgruppe – die Transjugendlichen. Das Thema Transsexualität war vor 20 Jahren noch eher ein Thema der zweiten Lebenshälfte und ist jetzt da, wo es hingehört. Nämlich beim Erwachsenwerden von Jugendlichen. Da gibt es Kinder und Jugendliche, die beim Erwachsenwerden merken, dass dieser Körper nicht der für sie passende ist.

Vielleicht ist es irgendwann nicht mehr so wichtig, zu fragen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, wenn man an einem Kinderwagen steht. Ich kann mir auch vorstellen, dass es irgendwann für Eltern nicht mehr selbstverständlich ist, dass das Kind einen gegengeschlechtlichen Partner hat.

- Markus Chmielorz (48) ist Diplom-Pädagoge, Diplom-Sozialpädagoge und systemischer Therapeut. Seit 2011 ist er Leiter der Rosa Strippe, für die er seit 1997 arbeitet.
- Im Jahr 2003 beriet die Rosa Strippe 505 Personen in 1162 Kontakten, 2014 waren es 1472 Beratungskontakte bei 680 Personen.
- Rund 30 Prozent der Ratsuchenden sind jünger als 27. 2015 war der älteste 72 Jahre alt, die Jüngsten 14.
- Der Anteil an Über-50-Jährigen lag 2013 bei 3 Prozent, 2014 bei 14 Prozent.
- Einmal im Jahr gibt es einen Info- und Gesprächsabend speziell für Eltern an.
- Die Rosa Strippe gibt es seit 1980, finanziert wird sie von Stadt und Land. Zur ihrer Arbeit gehören neben Beratung auch diverse Projekte, wie zum Beispiel Workshops an Schulen und das Kooperationsprojekt „Schule der Vielfalt – Schule ohne Homophobie“
- Informationen und Beratung gibt es unter der Telefonnummer (0234) 194 46 oder unter

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Gerichtsprozess

Werner Arzt drohen vier Jahre Haft wegen Betrugs

Bochum/Werne Er soll eine Bank um 1,6 Millionen Euro betrogen haben: Im Betrugsprozess rund um eine Bochumer Privatklinik drohen dem angeklagten Arzt aus Werne über vier Jahre Haft. Das hat das Bochumer Landgericht am Montag signalisiert.mehr...

Auf Cranger Kirmes verloren

Polizei Bochum fahndet nach Schnuffelbär "Heia"

BOCHUM Mit einer ungewöhnlichen Vermisstenanzeige will die Bochumer Polizei dem dreijährigen Malte helfen. Denn seitdem der Junge aus Gelsenkirchen vor einer Woche auf der großen Cranger Kirmes seinen „Schnuffelbären Heia“ verloren hat, schläft er schlecht.mehr...

Bauchschuss-Drama

Sieben Jahre Haft für Bochumer Pistolenschützen

BOCHUM Nach einem beinahe tödlichen Nachbarschaftsstreit ist ein 56-jähriger Pistolenschütze am Freitag in Bochum zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte im Streit um zu laute Musik seinem Nachbarn in den Bauch geschossen.mehr...

Zeltfestival Ruhr 2017

Royal Republic: Weekend Men in Bochum

BOCHUM Beim Zeltfestival Ruhr in Bochum stand am Donnerstagabend eine besondere Rockband auf dem Programm. Wer auf den letzten Drücker kam, konnte bereits im Biergarten hören, wo es lang ging, denn schon bevor die Schweden überhaupt auf der Bühne standen, schallten „Royal Republic“-Sprechchöre aus dem kleinen Zelt.mehr...

Unversteuerter Tabak sicher gestellt

Zoll durchsucht zehn Shisha-Cafés in Bochumer City

BOCHUM Bei einer Razzia in zehn Bochumer Shisha-Cafés am Montagabend stellten Beamte des Hauptzollamts Dortmund, der Polizei und des Ordnungsamtes über 60 Kilo Wasserpfeifentabak sicher. Bei dem Einsatz in der Innenstadt wurden außerdem mehrere Strafanzeigen geschrieben.mehr...

Mit einem Obstmesser

Anklage: "Scheren-Frau" raubte Dolmetscher aus

BOCHUM Eine Spielzeugpistole, drei Messer, eine Schere und dazu ein Beutel mit Glasscherben: Das Waffenarsenal, das eine dreifache Mutter (38) bei einem mutmaßlichen Raubüberfall in ihrer Handtasche trug, war bizarr, unheimlich und verstörend. Seit Donnerstag steht die „Scheren-Frau“ in Bochum vor Gericht.mehr...