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Holocaust-Überlebende berichtet über KZ-Erlebnisse

„Perfider, grausamer Schein“

HALTERN Als Kind war die Holocaust-Überlebende Eva Weyl mit ihren Eltern ins Konzentrationslager Westerbork gebracht worden. Das Leben dort gestaltete sich jedoch gänzlich anders als in anderen KZs.

„Perfider, grausamer Schein“

Eva Weyl erzählte am Montagabend im Schulzentrum von ihrer Kindheit im Konzentrationslager Westerbork. Foto: Foto: Mark Pillmann

Nur wenig lässt sich erahnen, wenn man sich den alten Schwarzweiß-Stummfilm des jüdischen Fotografen Rudolf Breslauer ansieht: Ein Kind spielt mit einem Kälbchen, ein Mann füttert Hühner, ein Dirigent stimmt sein Orchester ein. Sogar ein Krankenhaus, ein Zahnarzt, ein Kabarett mit tanzenden Frauen und eine provisorische Synagoge sind zu sehen. „Gerade dieser perfide, grausame Schein war es, der das Lager so böse gemacht hat“, erklärte Eva Weyl, Überlebende des Konzentrationslagers Westerbork jetzt in der Aula des Gymnasiums.

Direktzug nach Auschwitz

Kurz drauf springt der Film, zeigt Viehwagen, in die Menschen mit Armbinden und Judensternen freiwillig und ohne Angst einsteigen, freudig in die Kamera winken, als würden sie in den Urlaub fahren. Immer dabei ein Mann in Uniform: SS-Obersturmführer Albert Gemmeker, Lagerkommandant des Durchgangslagers Westerbork. Der Zug ist ein Direktzug nach Auschwitz. Nur wenige Menschen ahnen Böses. Wenige werden es überleben.

Westerbork war einmalig, berichtet die heute 82-jährige Eva Weyl. „Einmalig, weil es einmalig geführt wurde. Weil es ein perfider, böser Schein war.“ Niemand im Lager musste Hunger leiden, für alle gab es genug zu essen. Es gab keine Gewalt der SS-Angehörigen gegenüber den Juden. Sogar eine Schule gab es. Arbeit in Verwaltung und im Handwerk, Spielplätze. Geduscht wurde alle zehn Tage. Selbst Fluchtversuche endeten nicht in Folter oder Mord. „Die einzige Strafe war der Zug“, so Weyl. Der Zug nach Auschwitz, Theresienstadt, Treblinka oder Sobibor.

Eva Weyl war gerade fünf Jahre alt, als sie mit ihren Eltern nach Westerbork kam. „‚Wir ziehen um‘, so erklärten mir das meine Eltern.“ Mit dem Zug ging es in das abgelegene Lager auf ödem Land.

„Niemand wollte weg“


„Die ersten Wochen waren hart für mich. Bis dahin war ich sehr behütet aufgewachsen, mit einem weichen Bett und schönen Kleidern. Zum ersten Mal war ich von meinem Vater getrennt, denn Frauen und Männer durften nicht zusammen schlafen.“ Erst später bekam die Familie ein gemeinsames Zimmer. Das Leben im Lager war kein Luxus. Es war kalt, zugig, stank in den Baracken. Es wurde viel gestohlen, gab keine Privatsphäre. Und doch war es so viel anders als in anderen KZs. Die Menschen durften ihre Kleidung behalten, wurden nicht geschoren, konnten sich frei im Lager bewegen. „Niemand wollte weg. Nach und nach kamen Gerüchte über die Lager im Osten auf, über die geplante, organisierte Vernichtung. Aber kaum einer glaubte daran“, berichtete Weyl.

Dreimal entging die Familie dem sicheren Tod im Osten. Zum Beispiel, als sie bereits mit gepackten Koffern am Zug standen und ein alliierter Bomberangriff den Abtransport verhinderte.

Heute lebt Eva Weyl in Amsterdam, hat zwei Söhne, fünf Enkelkinder. Sie reist durch Deutschland und die Niederlande, spricht vor Schulklassen – und zum ersten Mal nun auch vor Erwachsenen, bildet „Zweitzeugen“ aus. Ihr Vater habe gesagt: „Wir müssen immer darüber reden.“ Daran versuche sie sich zu halten. „Wir dürften nicht vergessen, was war. Gerade in den heutigen Zeiten.“

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