Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige

Schulleiter Hans Hatebur verabschiedet sich in den Ruhestand

Grundschule Sythen-Lavesum

Nach 22-jährigem Dienst in Haltern geht Hans Hatebur als Leiter der Grundschule Sythen-Lavesum in den Ruhestand. Zum Abschied gibt er tiefe Einblicke in den Lehrerberuf.

Sythen

von Ingrid Wielens, Silvia Wiethoff

, 04.07.2018
Schulleiter Hans Hatebur verabschiedet sich in den Ruhestand

Hans Hatebur hat es nie bereut, den Beruf des Lehrers ergriffen zu haben. © Foto:Ingrid Wielens

Haben Sie im Rückblick auf Ihr Arbeitsleben jemals bereut, Lehrer geworden zu sein?

Nie. An keiner Stelle.

War denn der Lehrer-Beruf auch Ihr Wunschberuf?

Nein. Ursprünglich wollte ich fliegen. Aber durch die subversive Tätigkeit (er zwinkert) meiner Frau, meiner damaligen Freundin noch, ist daraus nichts geworden. Sie hat mich wieder auf den Boden zurückgeholt. Und da bin ich ihr dann in die Uni gefolgt. Daraus wurde ein Beruf. Wir sind beide gleichzeitig Lehrer geworden, haben gleichzeitig die Ausbildung beendet und sind dann beide gleichzeitig ins Seminar nach Gelsenkirchen gegangen, haben gleichzeitig die Prüfungen gemacht und sind dann in den Dienst gegangen. Und das habe ich nie bereut.

Können Sie sich eigentlich noch an Ihren ersten Tag in Sythen erinnern?

Offiziell ging es am 6. Februar 1996 los. Es war dieses Zimmer als Lehrerzimmer. Die damalige Schulrätin und der Rektor überreichten mir die Urkunde. Es war eine kleine überschaubare Schule, wir waren in der Schulleitung zu zweit. Mit dem Fahrrad hinfahren können, Platt küren können – das passte alles gut.

Sie sind in Sythen und Lavesum Schulleiter, waren es auch zusätzlich vorübergehend in Hullern – wo war es denn schönsten?

Das kann man eigentlich nicht sagen. Also, diese Zusammenführung von Sythen und Lavesum hat sich im Grunde als Bereicherung erwiesen. Man hat sehr genau auf beide Schulprogramme geguckt und vor dem Hintergrund, was an beiden Schulen jeweils besonders gut ist, überlegt, was man sich nun gemeinsam als Ziel vornehmen kann. Das war, glaube ich, ein guter Einstieg. Ich habe versucht, in beiden Schulen ein Alleinstellungsmerkmal zu erhalten.

Also nicht beide Schulen in einen Pott, sondern die Standorte auch als Standorte wahrnehmen zu lassen. In Lavesum haben wir eine MINT-Schule (Mathematik, Informatik, Technik, Naturwissenschaften) etabliert. Jetzt sind wir dort von den Klassengrößen auf der ziemlich sicheren Seite.

In Sythen sind wir – auch durch die aktive Fördervereinsarbeit – zur schreibenden Schule geworden und haben die Schülerzeitschrift etabliert. Hinzu kam die Schulbibliothek mithilfe einiger Eltern. Das ist jetzt das Pfund, mit dem wir wuchern können: 3000 Bücher in der ständigen Ausleihe, jeden Tag geöffnet – das macht etwas.

Hat denn eine Verbundschule auch eine negative Seite?

Ja klar. Die Organisation der Verbundschule ist schwierig. Allein die Lehrerstunden, die wir in dem kleinen Standort haben, sind nicht unbedingt deckungsgleich mit den Anforderungen, die wir da haben. Das heißt, wenn wir mehr Lehrerstunden dort haben als wir zur Unterrichtsversorgung brauchen, heißt das für die Lehrer, dass man ihnen die Möglichkeit geben muss, auch zum anderen Standort herüberfahren zu können. Das klappt nicht in der Fünf-Minuten-Pause. Man muss immer in Blöcken denken. Sonst hat die Verbundschule eigentlich nur Vorteile. Wir müssen immer beide Standorte sehen – das weitet den Blick.

Hätten Sie sich auch vorstellen können, in einem sozialen Brennpunkt einer Großstadt zu arbeiten?

Ja, ich war ja in Gelsenkirchen an einer Hauptschule. Das war ein völlig anderes Arbeiten, aber wahnsinnig interessant. Das ging so weit, dass man Kinder vor ihren Elternhäusern retten musste. Das war eine ganz andere Atmosphäre als hier auf dem Dorf. Und auch der Arbeitsschwerpunkt ist ein anderer: Mit Jugendlichen oder Heranwachsenden zu arbeiten, ist immer anders als mit kleinen Kindern zu arbeiten.

In der Grundschule hat man natürlich ein wesentlich größeres Betätigungsfeld, weil wir seit der Inklusion nun wirklich alle Kinder da haben – vom hochintelligenten bis hin zu dem Kind, das ganz viel Förderbedarf hat. Und diese Spanne immer auszuhalten, auch in den Klassengemeinschaften und auch von den Eltern – ist mitunter sehr schwer. Gerade, wenn es um soziale Probleme geht. Das bedeutet immer wieder viel Beratung, viel Überzeugungsarbeit, viel Beruhigung.

Sie waren auch in der Lehrerausbildung tätig – was macht denn einen guten Lehrer aus?

Ganz viel fundiertes Wissen. Die Bereitschaft, die Neugierde der Kinder immer wieder zu fördern und zu fordern und darauf immer wieder einzugehen und gleichzeitig das große Ganze zu sehen. Nicht nur die einzelne Stunde, sondern den Lehrplan im Auge zu haben, die Möglichkeiten, über den Lehrplan hinaus etwas mit den Kindern zu erarbeiten. Zu schauen, wie kann ich Schule und Elternhaus in der Erziehungsarbeit zusammenführen.

Was war Ihnen während Ihrer Tätigkeit als Lehrer besonders wichtig?

Die Neugierde der Kinder zu wecken und ernstzunehmen und immer wieder zu staunen, dass sie neugierig sind. Diese Frage nach dem Warum ernstzunehmen.

Braucht Grundschule mehr männliche Lehrkräfte?

Ja klar. Die Kinder tun einem ja leid. Die sind ja frauendominiert. Es ist statistisch erwiesen: Die Mütter kümmern sich zu Hause eben mehr um Haushalt und Kinder. Und dann kommen die Kinder in die Schule und treffen wieder Frauen. Sie vermitteln das Weltbild aus der Sicht der Frauen. Aber wo bleiben die männlichen Ansprechpartner? Es ist schade, dass die Gesellschaft nicht auch in der Lehrerschaft abgebildet ist. In dieser Schule ist neben mir nur ein einziger Lehrer da.

Gibt es Erlebnisse aus Ihrem Berufsleben, die Sie nicht vergessen werden?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel Klassenfahrten. Spökskes halt. Übernachtungen in der Schule. Ich lag im Flur auf der Krankenliege und immer musste ein Kind zur Toilette an mir vorbei – natürlich habe ich gar nicht geschlafen (grinst). Es gibt so viele Geschichten, total lustige.

Was werden Sie im Ruhestand vermissen?

Natürlich den Umgang mit dem ganzen Team. Dieses tägliche Miteinander-ins-Gespräch-kommen. Täglich organisieren müssen und angefragt zu sein – vielleicht ist es das, dieses Angefragt-Sein. (Kinderrufe sind auf dem Flur zu hören) Den Lärm von den Kindern. Ich habe zwar Enkelkinder – die können das auch.

Aber ich meine dieses Grundrauschen von Kindern überall. Wenn man über den Hof geht – die einen singen, die anderen quäken, die nächsten laufen zur Turnhalle. Vermissen werde ich auch die planerische Tätigkeit, das perspektivische Denken. Was zum Beispiel passiert, wenn die OGS tatsächlich irgendwann zur gebundenen Ganztagsschule wird? Was bedeutet Inklusion eigentlich wirklich?

Würden Sie heute jungen Kollegen auch angesichts der Vergütung dazu raten, das Amt des Schulleiters zu bekleiden?

Ja. Es kann allerdings schnell zur Überforderung werden, denn es ist kein Lehrer-Sein. Es ist eine andere Art von Arbeiten. Es ist eine Art Management. Es betrifft alles. Auch die Umbauarbeiten, die Koordinierung. Wem das Spaß macht, der hat ein riesiges Betätigungsfeld, auf dem er sich ausgiebig austoben kann.

Wenn das dann auch noch honoriert wird und da sind wir ja gerade dabei, dass es besser honoriert wird – umso schöner. Was uns allen aber fehlt, nicht nur Schulleitern, ist die gesellschaftliche Anerkennung. Das geht, glaube ich, allen Menschen in Berufen so, die für andere da sind.

Es ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben überhaupt, Kinder so vorzubereiten, dass sie mit den Anforderungen flexibel umgehen können. Das ist gerade auch die große Schwierigkeit, die wir zunehmend merken: Eltern verwehren das ihren Kindern.

Sie stellen sich vor ihre Kinder und versuchen alles von ihnen abzuwehren, was in irgendeiner Form einen negativen Anstrich haben könnte. Sie vergessen dabei aber, dass die Kinder dann nicht lernen. Das tun die Eltern nicht in böser Absicht, aber ich glaube, dass das Auswirkungen hat auf unsere zukünftige Gesellschaftsform. Denn wenn die Kinder irgendwann Verantwortung tragen, dann wissen sie nicht genau, was das ist und können nicht mit Kritik und Anforderungen umgehen. Das ist so schade, denn nur aus Fehlern lernen sie.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben?

Es gibt ganz viele Beispiele. Sei es, dass Eltern schon anzweifeln, ob ganz bestimmte Hausaufgaben sinnvoll sind. Muss das sein, dass die so viele Hausaufgaben aufbekommen haben? Wie kann es sein, dass der eine auf Seite 12 Hausaufgaben aufbekommt, mein Kind aber auf Seite 13 und 14 – wo ist da die Gleichheit? Ohne zu wissen, worum es eigentlich geht, wird das kritisiert. Die Eltern fragen nicht originär nach. Und dann gehen in den unsozialen Medien, so nenn´ ich sie mal, immer Geschichten rum, die sind überhaupt nicht verifiziert. Und nicht einer fragt bei uns nach.

Wozu raten Sie Ihrer Nachfolgerin Marlett Kleerbaum, die zurzeit Konrektorin ist, für ihre Zukunft?

Geduld. Und sich nicht im Klein-Klein verlieren, auch wenn das sehr herausfordernd ist. Man kann ganz viel Arbeit darein stecken, ganz viel Kleines zu organisieren und sich so totarbeiten. Und dann das Große vergessen. Delegieren können gehört mit dazu. Und Vertrauen haben.

Ihre Frau ging schon im vergangenen Jahr in Rente. Verraten Sie uns ein paar Pläne für die neue gemeinsame Zukunft?

Ich restauriere gerade einen Oldtimer, das nächste ist mein altes Motorrad. Das Wohnmobil steht vor der Tür, mit dem wir weiterhin losfahren wollen. Ganz viel Arbeit in den Häusern unserer Kinder gibt es. Noch keine Pläne habe ich dazu, wie ich mein Erfahrungswissen, das ich mir in meiner beruflichen Tätigkeit erwirtschaftet habe, einbringen kann.

Aber den gebürtigen Olfener zieht es nicht zurück in seine Heimat?

Nein. Das war schon sehr früh abgeschlossen. Da sind meine Brüder gut aufgehoben.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So lief Hans Hateburs Verabschiedung

22 Jahre war Hans Hatebur Leiter der Grundschule Sythen-Lavesum. Nun wurde er verabschiedet.
06.07.2018
/
Schulrärtin Marita Wrocklage überreichte Hans Hatebur die Verabschiedungsurkunde.© Foto Jürgen Wolter
Mit einem Lied verabschiedeten die Schüler aus Lavesum und Sythen ihren Schulleiter© Foto Jürgen Wolter
Die Schüler überreichten ein Fahhrad und jede Menge Zubehör© Foto Jürgen Wolter
Die Schüler überreichten ein Fahhrad und jede Menge Zubehör© Foto Jürgen Wolter
Im 70er Jahre Outfit verabschiedete das Kollegium Hans Hatebur mit: "Thank you fot the GoodTimes" nach Abba.© Foto Jürgen Wolter
Im 70er Jahre Outfit verabschiedete das Kollegium Hans Hatebur mit: "Thank you fot the GoodTimes" nach Abba.© Foto Jürgen Wolter
Auf den Ehrenpläzten, v.l.: Barbara und Hans Hatebur mit ihrer Tochter Annika Giese und Enkelin Ella.© Foto Jürgen Wolter

Anzeige