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Das große Summen

Imkerfachverein 1898 von Haltern besteht seit nunmehr 120 Jahren

Der Imkerfachverein 1898 von Haltern am See besteht seit nunmehr 120 Jahren. Das ist ein guter Grund zum Feiern. Bei einem Besuch bei den Hobby-Imkern wurde deutlich: Bienen sind eine Wissenschaft für sich und vielen Gefahren ausgesetzt.

HALTERN

von Ingrid Wielens

, 07.06.2018
Das große Summen

Jürgen Thran (li.) und Norbert Giese - hier vor einem Schaukasten - sind fasziniert von den Bienen. Die Hobby-Imker haben jeweils sechs Völker. © Foto:Ingrid Wielens

Es ist 10 Uhr morgens und schrecklich drückend. Fast 30 Grad zeigt das Thermometer an, für den Mittag sind schwere Gewitter angesagt. „Daraus wird hier in Haltern aber nichts“, sagt Jürgen Thran. „Die Bienen sind nicht besonders unruhig.“ Thran ist Vorsitzender des Imkerfachvereins von 1898 Haltern am See. In diesem Jahr feiern die 29 Mitglieder das 120-jährige Bestehen des Vereins. Darauf sind die Halterner Hobby-Imker sehr stolz.

Fünf Königinnen flattern per Post herein

Jürgen Thran arbeitet fast ein ganzes Leben lang mit den Insekten. Und bis heute ist er von ihnen fasziniert. Auch sein Vereinskollege Norbert Giese hat sich diesem besonderen Hobby seit nunmehr 23 Jahren verschrieben. An diesem Morgen bringt der Briefträger dem Holtwicker einen mittelgroßen belüfteten Briefumschlag. Giese strahlt wie ein kleiner Junge, der am Weihnachtsabend endlich das lang ersehnte Feuerwehrauto auspacken darf. „Das sind die fünf Königinnen, die ich bestellt habe“, erklärt der Vereins-Geschäftsführer. 128 Euro muss er dafür berappen.

Giese und sein Bruder legen neue Bienenvölker an. Noch am Nachmittag sollen die Königinnen, die von einem anerkannten Züchter stammen, ihr neues Zuhause kennenlernen. „Es ist immer spannend, zu beobachten, wie eine neue Königin angenommen wird“, erklärt Giese. Im schlimmsten Fall wird sie von den Bienen regelrecht erstochen und hinausgeworfen. „Mit einem besonderen Futter sorgen wir aber dafür, dass die Bienen den Neuankömmling höchstwahrscheinlich akzeptieren.“

120 Bienenvölker werden vom Imkerfachverein gepflegt

Rund 120 Bienenvölker pflegt der Halterner Imkerfachverein. Thran und Giese haben jeweils sechs Bienenvölker. In jedem Stock leben zwischen 40.000 und 60.000 Bienen. Das bedeute im Früjahr und Sommer jede Menge Stress, sind sich beide einig. Futter, Vermehrungsverhalten, Krankheiten, Schwarmzellen und natürlich die Honigmenge müssen regelmäßig beobachtet werden. Um bei der zweimal im Jahr stattfindenden Ernte die Erträge von sechs Völkern zu schleudern, braucht es jeweils zwölf Stunden. „Da wissen Sie am Abend, was Sie getan haben“, sagt Thran.

Jedes Jahr rund 20 Stiche

Bis zu 20 Stiche fangen sich selbst die versiertesten Imker jedes Jahr aufs Neue ein. „Das lässt sich bei so vielen Bienen gar nicht vermeiden“, sagt Jürgen Thran. Sein Rekord waren bislang 50 Stiche innerhalb weniger Minuten. Da hat er nicht richtig aufgepasst, traute sich in Sandalen und kurzer Hose an den Bienenstock. „In dem Moment, wo man drückt, stechen sie“, weiß Thran. Gewöhnen kann man sich an die Stiche offenbar nicht: „Es wird zwar nicht mehr dick, aber es tut noch genauso weh wie am ersten Tag“, schmunzelt Thran. Eine Zwiebel zum Einreiben der Stichstelle hat er immer dabei, wenn er mit seinen Bienen arbeitet – „die zieht das Gift heraus“.

Von wegen mit Schlips und Kragen

Vor 120 Jahren wurde der Imkerfachverein Haltern am See 1898 gegründet. Als Norbert Giese 1994 dazu stieß, waren die Zeiten noch gänzlich andere. „Die Imker kamen mit Schlips und Kragen zur Versammlung“, erinnert er sich. Jeder habe für sich „gekungelt“, Kenntnisse und Erfahrungen streng geheim gehalten. Das hat sich inzwischen geändert. Heute treffen sich die 29 Halterner Hobby-Imker – Männer und Frauen – an jedem ersten Sonntag im Monat um 10.30 Uhr in lockerer Atmosphäre in der Gaststätte Kuhlmann in Hullern. Man fachsimpelt, tauscht Tipps und Ratschläge aus, erörtert, welche imkerlichen Arbeiten hinter einem liegen und noch zu bewältigen sind. Und träumt den großen Traum, ein Imkermuseum in einem öffentlichen Gebäude in Haltern errichten zu dürfen. „Jeder, der Interesse hat, uns zu besuchen, ist willkommen“, betonen die beiden Männer.

Landwirtschaft setzt den Bienen zu

Seit drei Jahren sind die Bienenvölker des Vereins seuchenfrei. Thran und Giese erinnern sich noch gut, wie vor Jahren einmal die amerikanische Faulbrut, eine Art Bienenpest, ausgebrochen war. Doch Insektizide und Pflanzenschutzmittel der Landwirtschaft setzen Imkern und Insekten weiter zu. „Vor einigen Jahren hatten wir im Frühjahr einmal sehr große Ausfälle“, erzählt der Schriftführer. Die Bienenstöcke waren einfach leer geblieben, die Bienen nicht zurückgekommen. „Obwohl reichlich Futter im Stock war.“ Erst viel später sei man dahinter gekommen, dass die in der Landwirtschaft angewandten Neonicotinoide den Bienen jegliches Orientierungsvermögen rauben. „Sie kamen nicht zurück“, sagt Giese. Insektizide schwächen auch das Immunsystem der Bienen. Dann fallen sie im Winter leichter der Varroamilbe – einem Parasiten, der auf der Honigbiene lebt – zum Opfer. Auch davon wissen die Mitglieder des Imkerfachvereins zu berichten. Sie behandeln ihre Bienen regelmäßig entsprechend.

Die Spannung steigt

Norbert Giese ist aufgeregt. Noch baden seine Bienen über dem Stock in den Blüten der Linde. Ein einziges großes Summen. Bald wird es soweit sein. Der Honig kann aus den Waben geernet werden. „Es ist immer wieder spannend, wie er schmeckt“, sagt Giese. Süß und neutral, mild oder herb. „Nach dem Schleudern wird guter Honig fest“, erklärt Thran. Reiner Honig kristallisiere eben. Industriell produzierter Honig dagegen werde erhitzt und habe dann keine Wirkstoffe mehr.

Honig als Heilmittel

Dabei helfe „Natur“-Honig bei Verbrennungen und Schürfwunden. Sogar bei offenen Beinen – „auf Dauer zieht der Honig die Wunden zu.“ Auch bei Atemtherapie und Arthrose werde die gelbliche süße Masse verwendet.

Übrigens: An diesem Tag sollten die Bienen und Jürgen Thran tatsächlich Recht behalten. Das Gewitter zog an Haltern vorbei. Die Bienen hatten es vorausgesagt.

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