Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung
Anzeige
Anzeige

Konzertkritik

In der Christuskirche: Links, Linker, Konstantin

BOCHUM Konstantin Wecker will in der Bochumer Christuskirche eine Revolution starten. Die Voraussetzungen sind gegeben: eine tief gespaltene aber politisierte Gesellschaft, Krisenherde weltweit und Großbaustellen im Sozialstaat vor Ort, ein Publikum das begierig nach revolutionären Parolen lechzt. Doch die Revolte verebbt in synchronem Mitklatschen.

/
Konstantin Wecker am Klavier in der Christuskirche.

Konstantin Wecker bei einem Solidaritätskonzert für Flüchtlinge.

Konstantin Wecker sang im Mittwochabend drei Stunden lang in der Bochumer Christuskirche.

Seit Jahrzehnten steht Konstantin Wecker (69) auf der Bühne, seine Konzerte sind stets auch ein politisches Statement. Mit seinen Liedtexten mischt er sich ein. „Mehr denn je setzt er sich 2016, in einem Jahr voller politischer und wirtschaftlicher Instabilität, mit seinen Stücken kraft- und vor allem gefühlvoll für eine Welt ohne Waffen und Grenzen ein“, heißt es in der Konzertankündigung auf der eigenen Webseite. Gerade jetzt ist das doch nötig.

„Es hat sich nichts an meiner grundsätzlich anarchistischen Einstellung geändert“, verspricht der Liedermacher nach seiner Revolutionsankündigung am Mittwochabend. Das Publikum applaudiert begeistert. Er sei früher „oft verbissen“ gewesen, „heut‘ auch gern verschmitzt“, heißt es später in einer Liedzeile. Auch für den väterlichen Wunsch im Song „An meine Kinder“, diese mögen - egal was ihnen versprochen werde – niemals eine Uniform tragen, gibt es lautstarken Zwischenapplaus. Diese Parolen ziehen. Weckers Zuhörer in der Bochumer Christuskirche sind auf Linie. Professionell routiniert bringt der Liedermacher aus München seine Botschaften an: eine Menge Kapitalismuskritik, ein bisschen Romantik und vor allem die vehemente Predigt gegen Gewalt und Krieg. 

Höhepunkte des Konzertes

Es sind die größten Momente des Konzerts, wenn Wecker das Lied "Vaterland" von 1979 spielt und darin so eindringlich versucht nachzuempfinden, wie ein Vater fühlen muss, dessen eigener Sohn zum Nazi und Gewalttäter wird. Es sind beklemmende Höhepunkte, wenn Wecker das Gedicht "Der Krieg" (1911) von Georg Heym vorträgt - vertont und erweitert bis in die heutige Zeit. Die erschütternd bildhafte Sprache Heyms wird von einer ausgezeichneten Band untermalt und musikalisch ausgeweitet. Zugleich färbt sich die rote Backsteinwand im Altarraum der Christuskirche, übrigens einer der bedeutendsten Nachkriegskirchen Europas, in leuchtend tiefrotes Licht, das schier alles bis auf das schlanke Holzkreuz überstrahlt - einem Flammenmeer gleich. Eine eindrucksvolle Symbolik. Auch bei Songs wie „Weltenbrand“, basierend auf einem Achtzeiler von Rainer Maria Rilke, zeigt Wecker einmal mehr sein Können als Komponist. Die Instrumente erzählen die Gesichte, die Worte werden zur Nebensache.

Wortgewaltig fordert Wecker dagegen zu politischer Haltung auf: Das Lied "Sage Nein" hat er seit vielen Jahren in seinem Programm, die Textzeilen ändern sich bisweilen, die rockigen Klänge sind geblieben. Ob gegen Krieg oder Fremdenfeindlichkeit - "ob du sechs bist oder hundert / Sei nicht nur erschreckt, verwundert / Tobe zürne, misch dich ein: Sage Nein". Unverhohlen deutlich spricht er sich in "Ich habe einen Traum" für eine bedingungslose Willkommenskultur aus. Liedtext: "Ich hab einen Traum, wir öffnen die Grenzen und lassen alle herein, alle die fliehen vor Hunger und Mord, und wir lassen keinen allein."

Phasen der Inkonsequenz

Zweites großes Thema ist der Kapitalismus - jedem Linken ein Dorn im Auge. Konstantin Wecker geht es da nicht anders. Mit "Empört euch" hat er den Kapitalismuskritikern auf seinem aktuellen Album eine Hymne gegeben. Musikalisch ein Meisterwerk. Inhaltlich eine Aneinanderreihung von Feindbildern. "Wir zahlen Steuern und sie setzen sie ab", "Wir legen Hand an und sie spekulier'n". Natürlich darf auch bei diesem Konzert nicht die durchaus berechtigte Kritik an der Verteilung von Reichtum fehlen, natürlich werden auch hier die ein Prozent der Menschheit erwähnt, die mehr als die Hälfte der Besitztümer auf sich vereinigen. "Man muss das Pack enteignen", singt er in seinem Revolutionssong. Sprachgewandt predigt er die klassenlose Gesellschaft - und verkauft zugleich Konzertkarten in mehreren Preisklassen (ausdrücklich von Weckers Konzertagentur so gewünscht). Das ist an Inkonsequenz kaum zu überbieten. 

Stimmgewaltig besingt Konstantin Wecker die Freiheit der Gedanken, "dem Lied aller Unterdrückten". Er lässt sein Publikum "Die Gedanken sind frei" singen, weil dieses Lied zurückerobert werden müsse. Bei fast jedem seiner Konzerte erzählt der Liedermacher inzwischen die Gesichte von Frauke Petry, der AfD-Vorsitzenden, die ebendieses Lied vor Parteikollegen gesungen hat. "Aber dieses Lied gehört uns", sagt Wecker und bekommt auch dafür viel Applaus.

Doch wer für die Freiheit der Gedanken kämpft, muss auch die ihm nicht angenehmen Gedanken der AfD aushalten können, sich mit ihnen auseinandersetzen - auch wenn es schmerzt. Wenn wir uns rühmen, in einem Land zu leben, dass die Meinungsfreiheit so hochhält, können dann eben keine Meinungen nicht verboten werden. Fast schon wie bittere Ironie mutete es daher an, dass Wecker das mehr als 200 Jahre alte Lied abwandelt und nun sing: "Die Gedanken sind frei, solang' sie nicht stören."

 Was bleibt....?

„Ich war schon immer der Meinung, dass die Chance des Künstlers darin besteht, bunt malen zu dürfen im Gegensatz zum Schwarz-Weiß der Politik", sagte Wecker in einem Interview. Doch auf der Bühne verliert er allzu oft seine Farben und fällt ins Schwarz-Weiß zurück, ins Gut und Böse, ins "Die da" und "Wir hier". Schade.

Was bleibt, sind nichtsdestotrotz eine Vielzahl großartige Lieder, musikalisch bewundernswert vorgetragen - sowohl von Konstantin Wecker selbst am Klavier als auch von seiner Band -, mit Textzeilen zum Nachdenken. Was bleibt, ist ein beseeltes Publikum in der Christuskirche, das drei Stunden lang bekommen hat, was es erwartet hat und beim Song "Revolution", der der aktuellen Wecker-Tour seinen Namen gab, im Takt mitklatschen darf. Das ändert zwar kein System, sorgt aber für ein wohliges Gefühl und so für einen gelungenen Abend. 

 

Anzeige
Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren

Gerichtsprozess

Werner Arzt drohen vier Jahre Haft wegen Betrugs

Bochum/Werne Er soll eine Bank um 1,6 Millionen Euro betrogen haben: Im Betrugsprozess rund um eine Bochumer Privatklinik drohen dem angeklagten Arzt aus Werne über vier Jahre Haft. Das hat das Bochumer Landgericht am Montag signalisiert.mehr...

Auf Cranger Kirmes verloren

Polizei Bochum fahndet nach Schnuffelbär "Heia"

BOCHUM Mit einer ungewöhnlichen Vermisstenanzeige will die Bochumer Polizei dem dreijährigen Malte helfen. Denn seitdem der Junge aus Gelsenkirchen vor einer Woche auf der großen Cranger Kirmes seinen „Schnuffelbären Heia“ verloren hat, schläft er schlecht.mehr...

Bauchschuss-Drama

Sieben Jahre Haft für Bochumer Pistolenschützen

BOCHUM Nach einem beinahe tödlichen Nachbarschaftsstreit ist ein 56-jähriger Pistolenschütze am Freitag in Bochum zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte im Streit um zu laute Musik seinem Nachbarn in den Bauch geschossen.mehr...

Zeltfestival Ruhr 2017

Royal Republic: Weekend Men in Bochum

BOCHUM Beim Zeltfestival Ruhr in Bochum stand am Donnerstagabend eine besondere Rockband auf dem Programm. Wer auf den letzten Drücker kam, konnte bereits im Biergarten hören, wo es lang ging, denn schon bevor die Schweden überhaupt auf der Bühne standen, schallten „Royal Republic“-Sprechchöre aus dem kleinen Zelt.mehr...

Unversteuerter Tabak sicher gestellt

Zoll durchsucht zehn Shisha-Cafés in Bochumer City

BOCHUM Bei einer Razzia in zehn Bochumer Shisha-Cafés am Montagabend stellten Beamte des Hauptzollamts Dortmund, der Polizei und des Ordnungsamtes über 60 Kilo Wasserpfeifentabak sicher. Bei dem Einsatz in der Innenstadt wurden außerdem mehrere Strafanzeigen geschrieben.mehr...

Mit einem Obstmesser

Anklage: "Scheren-Frau" raubte Dolmetscher aus

BOCHUM Eine Spielzeugpistole, drei Messer, eine Schere und dazu ein Beutel mit Glasscherben: Das Waffenarsenal, das eine dreifache Mutter (38) bei einem mutmaßlichen Raubüberfall in ihrer Handtasche trug, war bizarr, unheimlich und verstörend. Seit Donnerstag steht die „Scheren-Frau“ in Bochum vor Gericht.mehr...