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Quote soll Mediziner aufs Land locken

Landarztquote aus der Sicht des Hausarztes

Minister Laumann will eine Landarztquote im Medizinstudium einführen. „Ein richtiger Weg“, sagt Hausarzt Volker Schrage. Aber es gibt in seiner Praxis in Legden auch Nachwuchs, der das nicht so sieht. Christoph Hadasch in Heek erwartet nicht allzu viel von der Neuerung.

Legden/Heek

von Ronny von Wangenheim

, 05.06.2018
Quote soll Mediziner aufs Land locken

Katharina Sicking untersucht eine Patientin, beobachtet von Dr. Volker Schrage. Erst in der Legdener Hausarzt-Praxis hat die Studentin gemerkt, dass ihr der Beruf gefällt. © Ronny von Wangenheim

Katharina Sicking ist Medizinstudentin an der Bochumer Ruhr-Universität. Seit März arbeitet sie für vier Monate in der Hausarzt-Praxis Münsterland in Legden. Die Arbeit gefällt ihr. Seitdem weiß sie, dass sie später selbst als Hausärztin und durchaus auf dem Land praktizieren will. Eine Quote für Studenten, die sich verpflichten, später als Landarzt zu arbeiten, lehnt sie aber vehement ab. Am Dienstag hat Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann in Düsseldorf den Gesetzentwurf vorgestellt.

Landarzt mit Herzblut

„Die Quote schädigt eher den Ruf der Landärzte“, sagt Katharina Sicking. Die 25-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie ungenau die Vorstellungen vom Ärzteberuf zu Beginn des Studiums sind. Erst im Laufe der Zeit schälen sich Neigungen und Fähigkeiten heraus, so erzählt sie. „Wenn man den Beruf ergreift, dann muss man es mit Herzblut machen“, sagt Katharina Sicking: „Man muss es wollen, Landarzt zu sein.“

Dr. Volker Schrage teilt die Bedenken der Studentin, sieht in dem Vorstoß von Minister Laumann dennoch eine gute Initiative. „Jede Beschäftigung der Politik mit dem Thema ist gut.“ Der erfahrene Hausarzt sagt aber auch: „Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass der Numerus Clausus Voraussetzung für ein Medizinstudium ist.“ Hier sieht er durchaus einen weiteren Ansatzpunkt für die Politik.

„Hand aufs Herz“ erfolgreich

Einiges wird schon getan. Erfolgreich ist das Projekt „Hand auf Herz“ im Kreis Borken, bei dem sich Kliniken und allgemeinärztliche Praxen gemeinsam um die Weiterbildung von Medizinern zum Facharzt für Allgemeinmedizin kümmern. Hier, so Volker Schrage, „wird auf jeden Fall Begeisterung geweckt.“ Seiner Überzeugung nach ist es damit alleine nicht getan, um die medizinische Versorgung auf dem Land auf Dauer zu gewährleisten. Beispielhaft nennt er die Ausbildung von Medizinischen Fachangestellten und die Telemedizin.

Noch ist in Legden die Welt in Ordnung. Hier praktizieren in zwei Gemeinschaftspraxen zehn Ärzte. Rund um die Gesundheit finden sich für ein Dorf dieser Größenordnung viele Angebote. Das ist Luxus, findet auch Volker Schrage, der seit 30 Jahren in Legden praktiziert. Aber der Blick in die Region zeigt, dass es schwerer werden wird. Schrage, der auch Vorsitzender des Gesundheitnetzes Gemeinsam Westmünsterland ist, nennt Zahlen. 53,5 Prozent der Hausärzte im Mittelbereich Ahaus sind über 55 Jahre alt, 9,3 Prozent sogar über 70. In Gronau sind es schon 58,3 Prozent, in Bocholt sogar 60 Prozent. Da ist der Ärztemangel absehbar. „Hinzu kommt der Behandlungsmehrbedarf“, so Schrage. Die demografische Entwicklung bringt den Praxen auch mehr ältere Patienten.

Patienten kommen aus Gronau nach Heek

Davon kann auch Christoph Hadasch erzählen, der seit 1995 in Heek praktiziert. Im Dinkeldorf selbst sieht die ärztliche Versorgung mit drei Praxen und fünf Ärzten gut aus. Zunehmend, so beobachtet er, kommen allerdings Patienten aus der Umgebung, vor allem aus Gronau, aber auch aus Ahaus nach Heek.

Er selbst zweifelt, ob die Quote Erfolg haben wird. Sechs Jahre Studium, danach fünf Jahre Facharztausbildung als Allgemeinmediziner: „Wer weiß schon, was er elf Jahre später machen will.“ Er sieht eher eine Chance darin, ältere Kollegen so zu entlasten, dass sie gerne auch über das Rentenalter hinaus praktizieren. Immer mehr Bürokratie lasse ältere Kollegen ans Aufhören denken. „Die meisten haben ja Spaß an ihrem Beruf.“

NRW will als nach eigenen Angaben erstes Bundesland im Medizinstudium eine sogenannte Landarztquote einführen, mit der der hohe Numerus Clausus umgangen werden kann. 7,6 Prozent der Studienplätze sollen für Bewerber reserviert werden, die sich vertraglich verpflichten, zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Start soll zum Wintersemester 2019/20 mit 168 Landarzt-Studienplätzen sein. Absolventen, die sich nicht an ihre Landarzt-Zusage hielten, müssten mit empfindlichen Vertragsstrafen rechnen, sagte Minister Laumann.
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