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Wie wird man Fan?

90 spannende Minuten ganz ohne Ballkontakt

LÜNEN Die Luft flirrt. Dumpfe Hitze steigt vom Kunstrasen auf. Tobias Kraeling steht der Schweiß auf der Stirn, im ganzen Gesicht. Der 29-Jährige pfeift das Endspiel zwischen Wickede und Brüninghausen. Für die EM-Serie „Wie wird man Fußball-Fan“ folgt 90 Minuten lang mein Blick nur ihm, nicht dem Spiel.

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Tobias Kraeling aus Lünen ist seit acht Jahren Schiedsrichter. Früher spielte er selbst Fußball, hat aber als oberster Mann des Grüns mehr Spaß.

Tobias Kraeling aus Lünen ist seit acht Jahren Schiedsrichter. Früher spielte er selbst Fußball, hat aber als oberster Mann des Grüns mehr Spaß.

Ich will wissen, wie man diesen Sport mögen kann, wenn man auf dem Platz niemals schießen darf. „Früher nach der Schule ging’s sofort auf den Platz: Pöhlen, pöhlen, pöhlen“, sagt Tobias Kraeling. Es gab (fast) nichts anderes. Hausaufgaben? Später oder gar nicht. Computer? „Gab’s schon, „aber wir wollten raus.“ Der Ball, der Rasen, die Emotionen waren wichtiger. Oft, bis es dunkel wurde. 

Etwas, das aus Sicht des Lüners heute anders ist. „Man merkt schon, dass viele eher Fifa auf der Konsole zocken.“ Körperbeherrschung, Koordination, Fitness von Jugendlichen seien manchmal nicht  mit früher vergleichbar. Allerdings gebe es auch nicht mehr so viele Gelgenheiten zum Bolzen, findet der Lüner. „Wo wir damals gepöhlt haben, steht heute das Ärztezentrum am Krankenhaus.“  Der Platz in Dortmund Wickede, auf dem Tobias Kraeling das Endspiel pfeift, in dem es um nichts mehr geht, ist noch recht neu. Kunstrasen. Als Spieler lief Tobias lieber auf Asche. Bis er 26 war, spielte er in der Abwehr des Lüner SV.

Jetzt läuft er – als einziger mit dem rot-orangenen Trikot – über den ausdampfenden Kunstrasen. Der Schiri läuft und läuft, während sich die Spieler von Brüninghausen und Wickede immer wieder mal ein paar Schritte in der Nachmittagssonne ausruhen. „Als Schiedsrichter musst du die ganze Zeit auf Ballhöhe sein“, sagt Tobias später nach dem Spiel. Währenddessen wacht sein Blick permanent auf dem Ball und auf den Spielern – oft duckt sich Tobias wie ein Raubtier, das eine Beute entdeckt hat. Tobias’ Augen bleiben auch auf den Spielern, wenn sie den Ball bereits weggepasst haben. „Manchmal gibt’s nach dem Tackling noch Rangelei.“  

So geht mein Blick während des Spiels zwischen Blaugelb und Schwarzweiß immer häufiger zu den Füßen der Spieler als zum Einzelkämpfer Tobias. Obwohl mich nicht interessiert, wer den anderen stehen lässt und mit dem Ball nach vorne geht, wird es in diversen Situation sogar für mich als Fußball-Desinteressierten spannend, wer wie den Ball abluchst.  Rangeleien, Auseinandersetzungen gab es auch zwischen Tobias und seinen Kumpels damals auf der Wiese ohne Ärztezentrum. Ob der Ball im Aus oder im Tor oder nur über die Jacke gerollt war, die den Pfosten markierte. Heute fällt diese Entscheidungen in letzter Instanz Tobias. Dass er allein auf dem Feld ist und manchmal der Buhmann, stört ihn nicht. Er will für ein ordentliches Spiel sorgen.  Spätestens als Abwehrspieler im Lüner SV wuchs der Wunsch, selbst zu pfeifen. Wegen Schiri-Entscheidungen, die Tobias nicht nachvollziehen konnte. Den Impuls gab ihm eine rote Karte, die er bekam. In den acht Jahren als Schiri hat er auch mehrere gezückt. Heute zeigte er eine gelbe Karte. Und mir zeigte Tobias Fußball aus einer anderen Perspektive. Eine, die mich sensibel gemacht hat für den Sport.

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