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Auf den Spuren der Kindheit

LÜNEN Geschichten können Herzen verbrennen. Bei Brunhilde Loddoch hat es gebrannt. Mit sechs war sie im pommerschen Ratzebohr. Kinderlandverschickung. Jetzt reiste sie zurück, ohne wieder anzukommen. Was dazwischen gekommen ist? 63 Jahre.

Auf den Spuren der Kindheit

Fremd geworden war Bunhilde Loddoch (r.) Ratzebohr (heute Okonek in Polen), der Ort ihrer Kinderlandverschickung

Das polnische Okonek war nicht mehr ihr Ratzebohr. Als Tourist kannst Du um die halbe Welt reisen, in die Kindheit führt keine Straße zurück.

Hat sie die Reise als Touristin bereut? „Gott bewahre“, sagt Brunhilde Loddoch. Gott bewahre. Bewahre das Kind. Mutter-Gedanken. Stoßgebet-Gedanken. Gott bewahre das Kind. So muss ihre Mutter gedacht haben. Damals 1943 in Ratzebohr.

Wieder da, kamen die Bilder. Die Mutter am Fenster im Zug. Abschied. Sie, das sechsjährige Mädchen, auf dem Schotter hinter den Gleisen in Ratzebohr. Abschied. Die Mutter winkt. Das Mädchen kämpft. Mit sich. Gegen Tränen. Abschied.

„Ich fand es so fremd“

„Als der Zug fuhr, habe ich nur gedacht, du darfst nicht weinen. Du darfst nicht weinen.“ Der Zug fuhr. Das Mädchen ist gerannt. Gerannt, gerannt, gerannt. Einem brechenden Herzen kann man nicht davonlaufen. Die Mutter ist tot. Die Erinnerung frisch. Brunhilde Loddoch, Ehefrau des früheren SPD-Ratsherrn Horst Loddoch (73) und Mutter dreier prächtiger Kinder, hat im Ort ihrer Kinderlandverschickung gehofft, zwischen den alten Häusern ein bisschen heimisch zu werden. „Ich fand es so fremd.“

Reise mit dem ICW

Mit dem Internationalen Club Werne (ICW) ist das Ehepaar Loddoch nach Polen gefahren. Achim Schulte-Brauks, früherer Lünen-Süder, wie Loddochs, und Mitglied im ICW, kannte die Kinderlandverschickungs-Geschichte. Wusste, dass es von Wernes Partnerstadt Walcz nur 38 Kilometer bis Okonek sind.

„Als wir von der Reise hörten, haben wir uns sofort angemeldet“, sagt Brunhilde Loddoch. 1943. Kinderlandverschickung. Es ist Krieg. Deutschland stirbt die langsamen Tode der alliierten Bombenangriffe. Mütter und Kinder werden zu Hunderttausenden dahin verschickt, wo keine Bomben fallen.

Vor dem Fenster im Wohnzimmer der Loddochs spielt der Herbstabend das düstere Stück einer müde werdenden Natur. 63 Jahre haben sich zwischen diesen Herbstabend und dem Ratzebohr von 1943 geschoben. Loddochs erzählen von der achttägigen Reise mit dem Internationalen Club Werne. Von der Busreise.

Internationale Kontakte

Von den netten Mitreisenden. Von der Wichtigkeit des Clubs, der so engagiert an internationalen Kontakten arbeitet. Dann tackert Brunhilde Lodoch die alten Tage zu einer Geschichte zusammen. Vernäht Fetzen von früher. Eine neues Bild entsteht.

„Mit dem Zug sind wir vom Lüner Südbahnhof nach Pommern gefahren. Mutter war mit. Aus der ganzen Straße (Diekenbruch, Anm. d. red.) sind Mütter und Kinder mitgefahren.“ Bei einer Familie Hoffmann wurde man einquartiert .

Heimweh gehabt? „So lange Mutter da war, nicht, Gott, wir waren Kinder.“ Dann das Wiedersehen. Oktober 2007. Von weitem. . .der Kirchturm. Nicht wieder zu erkennen. Oder doch? Gott. 63 Jahre. Die Geschichte hat kein Herz mit der Erinnerung. „Es war so viel so anders und doch. .“ Und doch hat sie hier zwei Jahre ihres Lebens gelebt. Und doch brannte sie darauf, es wiederzusehen. Und doch war nichts mehr so, wie es war.

Dann steht sie vor der alten Schule. Dieser rote Backstein. Dann fahren sie raus zu diesem Baggersee. „Da haben wir als Kind gebadet.“ Nein, alte Bekannte habe sie nicht getroffen.

Herrjeh. Wie auch? 63 Jahre. Brunhilde Loddoch erzählt von dem alten Friedhof vor der Stadt. Von den verfallenen Grabsteinen. Von den alten deutschen Namen.

Im Netz schlau gemacht

Ihr Mann hat sich im Internet schlau gemacht. Über Okonek, das frühere Ratzebohr. Dass es 1939 hier 2940 Einwohner gab. Dass es 325 Quadratkilometer Gemeindefläche hat. Dass es 12 000 Hektar Wälder und 14 000 Hektar Ackerland gibt.

Nur einen Zug, der zurückfährt in das Ratzebohr von früher und in den Brunhilde Loddoch noch einmal einsteigen könnte, den gibt es nicht.

 

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