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Bewegende Geschichte aus Lünen

Facebook-Post brachte die gestohlene Brille zurück

LÜNEN Ein Ehepaar aus Lünen wird bestohlen, vermisst danach eine teure Brille. Dank einer Meldung bei Facebook taucht sie wieder auf. Wäre sie das nicht, hätte das Paar auf Hilfsbereitschaft ihrer Mitbürger zählen können. Eine Geschichte über Menschlichkeit, von der man kaum glaubt, dass sie in diesen kalten Zeiten wirklich passiert ist.

Facebook-Post brachte die gestohlene Brille zurück

Tatort Innenstadt: In einem Deko- und Geschenkartikelgeschäft in der Lüner Fußgängerzone wurden einem Ehepaar am 16. März 2016 ein Portemonnaie und eine Spezialbrille gestohlen.

Verzweifelt bittet eine 77-jährige Seniorin am späten Nachmittag unsere Redaktion um Hilfe. Es ist der 16. März. Sie und ihr Mann (78) haben am Vormittag die neue Brille des 78-Jährigen beim Optiker abgeholt - eine Spezialanfertigung, die der Senior nach einer Tumor-Operation benötigt. 700 Euro hat sie gekostet. Eine Summe, auf die das Ehepaar* lange gespart hat.

Jetzt ist sie weg - gestohlen. Und die Frau weiß nicht, ob sie und ihr Mann das Geld noch einmal aufbringen können. Aber die Brille braucht der Senior ganz dringend. Die Redakteure rufen bei Facebook den Dieb auf, die Brille zurückzugeben:

Ein Lüner Mitbürger ist ein bisschen verzweifelt und bittet um Hilfe:Am Mittwochvormittag wurden dem Lüner zwischen...

Das war passiert

Die Seniorin geht wieder nach Hause. Völlig aufgelöst. Sie kann nichts tun. Dabei weiß sie genau, wer die Diebe sind, da ist sie sicher. Noch Tage später kann sie die Situation, in der ihr Mann bestohlen wurde, im Detail beschreiben:

Sie und ihr Mann gehen vom Optiker aus noch in ein Geschäft mit Deko- und Geschenkartikeln. Die Brille hat der 78-Jährige in seiner Umhängetasche. Der Mann stützt die Frau, die ohne Rollstuhl nicht gut laufen kann. In einem schmalen Gang wird sie angerempelt, droht zu fallen. Er hält sie fest. "Dann ist die Tasche meines Mannes nach hinten gerutscht und der Dieb muss das Portemonnaie und das Brillenetui herausgenommen haben", schildert die Frau den Diebstahl. Bemerkt hätte das Ehepaar dies aber erst später beim Bäcker. "Das war so eine Situation, von der man schon oft gehört hatte. Aber wir haben immer gesagt: 'Sowas kann uns nicht passieren' ", sagt die 77-Jährige.

Die Opfer verständigen sofort die Polizei. Sie wissen, wer die Täter gewesen sein mussten: "Ein Mann und eine Frau. Ich habe die schon vorher in dem Laden gesehen, aber ihnen keine Bedeutung geschenkt. Die Frau ging vor uns, der Mann hinter uns und der hat mich dann angerempelt", erzählt die verzweifelte Dame.

Aber die Polizei kann die Diebe nicht ausfindig machen. 

Solidarität und Spenden-Angebote auf Facebook

Darum der Gang zur Zeitung. "Ich konnte nicht zu Hause sitzen und nichts tun", erklärt die Seniorin. Der Facebook-Post erreicht in kurzer Zeit Tausende Personen, wird 417 mal geteilt. Die Nutzer reagieren solidarisch. Verurteilen die Täter. Fühlen mit den Opfern. "Da kommen mir die Tränen", schreibt beispielsweise Manuela Schmitz.

Und sie geht noch einen Schritt weiter: Die 40-Jährige schlägt vor, für das Ehepaar zu spenden. Was dann passiert, können die beiden Betroffenen auch heute noch kaum glauben. Viele Facebook-Nutzer erklären sich bereit zu spenden. Natascha Neumann schreibt: "Spendenkonto bitte einrichten... ich spende sofort was dazu..." Weil die Brille wieder auftaucht, kommt es nicht zu der Spendenaktion.

Plötzlich: Die Brille ist wieder da

Am Tag nach dem Diebstahl meldet sich der Optiker beim Ehepaar. Eine Mitarbeiterin des Dekoladens habe die Brille abgegeben. Die Senioren holen die Brille ab und gehen sofort in den Laden, um sich zu bedanken.

Dort erfahren sie: Das Brillenetui lag in einem Regal an der Kasse, der Dieb muss es dort hingelegt haben, weil er damit nichts anfangen konnte. Die Verkäuferin erzählt bei der Gelegenheit auch, dass die mutmaßlichen Täter ihr sofort aufgefallen seien.

"Wir bedanken uns ganz herzlich"

Auf Facebook verbreitet sich rasch die Nachricht, dass die Brille wieder da ist. Die Erleichterung ist groß. Die beiden Senioren bekommen das nicht direkt mit - sie haben kein Internet. Aber ihre Nachbarn erzählen ihnen davon. Das Ehepaar ist gerührt. "Wir bedanken uns ganz herzlich für das Mitgefühl und die Anteilnahme", sagt die 77-Jährige. "Man rechnet gar nicht mit so etwas, die Welt ist heute so kalt geworden."

Wir freuen uns! Die Spezial-Brille des Lüners, der sie nach einer Tumor-OP im Auge dringend braucht und dem sie...

 

Das findet auch Manuela Schmitz. "Es ist schon so, dass heute alles schnelllebig ist und viele nur an sich denken", sagt die Frau, die die Idee zur Spendenaktion hatte. Das sei kein Vorwurf, sie habe Verständnis dafür, wenn andere nicht die Mittel oder Zeit haben, anderen zu helfen. Aber sie selbst biete eben, wenn sie könne, anderen ihre Hilfe an.

Gemeinsam mehr erreichen

"Wenn viele nur ein bisschen geben, könnte man damit schon einiges Gutes tun", sagt die 40-Jährige. Sie betreibt die Reitanlage Schmitz in Lünen-Brambauer und weiß selbst, wie es ist, wenn es mal knapp ist. "Ausschlaggebend für meine Idee war sicherlich, dass die Tochter der Nachbarin des Ehepaares geschrieben hat, die beiden hätten lange dafür gespart", sagt sie.

Als sozial engagiert bezeichnet Manuela Schmitz sich nicht. Sie habe mal für Tsunami-Opfer gespendet und bringt abgetragene Kleidung zur Sozialstation nach Dortmund. Außerdem habe sie lange ihre Oma gepflegt. Gerade bei alten und bedürftigen Menschen sei helfen für sie deswegen selbstverständlich. Und diese Einstellung gibt sie auch an ihren Sohn weiter.

Überraschende Menschlichkeit

Dieser Fall hat ihr aber auch eine Situation aus ihrem eigenen Leben ins Gedächtnis gerufen: "Mir wurde auch einmal das Portemonnaie gestohlen und ich habe bei Facebook um Hilfe gebeten. Ich wollte wenigstens die Papiere zurück haben. Das Geld ist in so einem Moment egal", sagt sie. Leider habe ihr niemand geholfen. Sie musste alle Papiere neu beantragen - ein anstrengendes Unterfangen.

Selbstverständlich ist die Solidarität also offenbar nicht. Darum war die starke Resonanz für das bestohlene Ehepaar auch so überraschend. Aber die Geschichte aus Lünen beweist doch: Es gibt sie noch, die Menschlichkeit. In der realen Welt ebenso wie im Internet.

 

* Das Ehepaar möchte namentlich nicht genannt werden.

 

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